Der Bootsverleih Plötzensee in Wedding

“Jeplanscht schon immer“

Im Winter ruht der Bootsverleih
Im Winter ruht der Bootsverleih
Der Bootsverleih Plötzensee ist eine Institution für Angler, Bootsfans und andere Freunde des Sees in Berlin-Wedding. Seit über zwei Jahrzehnten betreibt das Ehepaar Düring das Bootshaus.

In der Nacht gab es Regen. „Mann, is dit drückend“, so rasselt Monika Dürings tiefe Stimme über den Plötzensee in Wedding. Ihr Ehemann Wolfgang schlurft mit einer blauen Kaffeetasse in der Hand über den Bootssteg, die Holzbohlen sind verwittert. Das Bootshaus, braun angestrichen, hat das Paar vor 21 Jahren gekauft, es ist Arbeits- und Lebensort zugleich, Zuhause und Altersvorsorge für die 59-Jährige und den 68-Jährigen. Hündin Lilo kündigt mit einem Bellen Gäste an. Morgens sind es Dürings Freunde, die vorbeischauen, zum Beispiel Günther, ein Rentner aus Moabit. Der passionierte Angler kommt bereits seit vier Jahrzehnten an den See. Einen großen Scheuerlappen in der Hand, wischt er die nassen Ruderboote trocken. Da kommt auch Bernd mit einem Werkzeugasten, um die kaputte Steuerung eines Tretboots zu reparieren.

Die Dürings sind Mieter einer 54 Quadratmeter großen Wohnung in der Gerichtstraße, doch sie nutzen die Wohnung nur zum Schlafen. Etwa zwölf weiß und grün gestrichene Angel- und Ruderboote und noch einmal so viele gelbe und orangefarbene Tretboote schwimmen an kleinen Pollern entlang des Stegs. „Plötze 1“ oder „Plötze 4“ heißen sie. Sie haben schon bessere Zeiten erlebt.

Der Bootsverleiher ist ein ehemaliger Schiffskoch

Ein Dolch, ein Anker, der Kopf einer Frau – die Tätowierungen auf den Unterarmen erinnern Wolfgang an seine Jahre der Seefahrt. „Dit hier soll die Santa Maria sein“, nuschelt er in seinen grauen Vollbart und deutet auf die Umrisse von Kolumbus‘ Flaggschiff auf dem linken Oberarm. Nach der Bäckerlehre hatte er sich als Koch auf dem Hamburger Frachter „Helga Witt“ eingeschifft. Mit der Mannschaft bereiste er sieben Jahre lang die Meere, bis ihn eines Morgens der Kapitän fristlos kündigte. Der Grund war ein Saufgelage in der Nacht zuvor, bei dem Düring – auf Reede vor Barbados – ein Mannschaftsmitglied über Bord warf, weil der ihn angeblich beleidigt hatte. „Ick bin hinterherjesprungen und hab den Affen aus dem Haifischbecken rausjezogen.“

In Berlin hatte Düring dann verschiedene Jobs, zum Beispiel als Beleuchter beim Film, als Büffetier „Zapper“ und als Kellner – „der Bräute wegen“. Damals uff’m Wedding, erinnert er sich an die sechziger Jahre, bürstete der junge Wolfgang den Schnurrbart noch mit schwarzer Schuhcreme. Das halbe Bier kostete in Bierbars wie „Dadada“ oder „Schmutzige Gardine“ 80 Pfennige und man konnte „sich für zwei Mark auf dem Klo einen blasen lassen“. Wolfgang drückt die Zigarette aus und wirft den Enten am Steg ein paar Brotkrumen hin.

Die Anlage kann nicht weiterverkauft werden

„Regentropfen, die auf meine Boote klopfen“, singt Monika, dann ruft sie: „Dit is’n Idiotenjob hier, Boote auswischen bis zum nächsten Schauer.“ Im Moment regnet es Strippen; Monika und Wolfgang, Lilo, Günther und Bernd schauen zu. „Versuch jetzt ja nicht, dit zu bezahlen“, Monika stellt Bernd eine Tasse mit Kaffee auf den Tresen. So ist das mit den Freunden des Bootshauses. Monika, die Fee vom Plötzensee, ist laut, beherzt und ständig in Aktion. Ihr blondes Haar trägt sie hochgesteckt, an den Ohren baumeln goldene Kreolen, beim Lachen tanzt das dunkelblaue Brillengestell auf der Nase. Viele Stunden hilft sie ihrem Mann im Bootsverleih, erledigt die Einkäufe, kassiert die Leihgebühren für die Boote, putzt das Geschäft, kocht Kaffee, verkauft Angelkarten und Berliner Weiße.

Wenn an Regentagen die Gäste ausbleiben, organisieren die Dürings den Papierkram. In letzter Zeit schrieben sie viele Briefe an das Straßen- und Grünflächenamt Mitte, denn die Zukunft am See ist unklar. Der Uferstreifen etwa wurde zum Landschaftsschutzgebiet erklärt – allerdings bereits im Reichsnaturschutzgesetz vom achten April 1953. Wenn die Dürings den Bootsverleih eines Tages aus Altersgründen aufgeben würden, soll Schluss sein – ein Weiterverkauf ist ausgeschlossen. Die Auskunft der Behörde hält Monika auf Touren, denn sie sorgt sich um die Kosten zur Räumung des Geländes und sieht ihre Altersvorsorge gefährdet.

Seit rund vier Jahrzehnten ist das Betreiberehepaar ein eingespieltes Team

Der Natur fühlte sich Monika schon immer verbunden. Als Mädchen kam sie mit den Eltern und den zwei Brüdern mit dem Fahrrad aus Wittenau zum Kahnfahren. Wie Wolfgang wuchs sie in einer Gartenkolonie auf. Später betrieben die gelernte Friseurin und ihr Mann einige Weddinger Kneipen und Imbisse. „Hier“, Monika tippt auf das Schild an der Wand hinter dem Bootshaustresen und liest laut vor: „Hier arbeiten, streiten und lieben sich Wolfgang und Monika.“ Seit 39 Jahren gilt das nun schon. Und die Liebe zum See? „Naja, im Wasser jeplanscht habe ick als Friseuse und Bardame ja schon immer.“

Die Dämmerung senkt sich über den See, er verliert seine tiefgrüne Farbe. Die Vögel sind verstummt, Grillen haben sie abgelöst. Monika plaudert wie eine alte Bekannte. Sie erzählt von der Dame, die beim Aussteigen aus dem Ruderboot ins Wasser fiel und ihren Mann anschrie, wo die Handtasche wäre. „Und was macht der?“, Monika krümmt sich vor Lachen. „Der wirft ihr die Handtasche hinterher!“ Eigentlich wäre nun die Zeit für das Feierabendlied, doch Monikas Stammgäste sind heute nicht gekommen. Sie schaut auf die Uhr, dann schaltet sie das Radio aus. „Gute Nacht Freunde, es ist Zeit zu gehen“, würde Reinhard Mey jetzt singen.


Quelle: Der Tagesspiegel

“Jeplanscht schon immer“, Nordufer 23, 13353 Berlin

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