Ortstermin mit Janika Gelinek und Sonja Longolius

Literaturhaus Berlin: Hier leben die Bücher

Literaturhaus Berlin: Hier leben die Bücher
Das Literaturhaus ist zwar nicht mehr komplett im Originalzustand, aber mit seinem Wintergarten und Garten immer noch ein sehr schöner Ort.
In Zeiten sinkender Verkaufszahlen brauchen Bücher und Literatur mehr Orte, an denen über sie gesprochen wird – wie das Literaturhaus in Ku’damm-Nähe. Von Krisenstimmung will man dort nichts wissen. Wir sprachen mit den neuen Leiterinnen Janika Gelinek und Sonja Longolius.

Dieses Haus ist eine willkommene Abwechslung – für den zufällig vorbeikommenden Flaneur wie für Kenner und Freunde. Es liegt kaum 50 Meter vom geschäftigen Ku’damm entfernt und wird auf zwei Seiten von einem Garten umgeben. Direkt daneben liegt das Käthe-Kollwitz-Museum. Geprägt ist die Gegend eigentlich von gerne mal etwas teureren Geschäften und Wohnungen, Gastronomie und Hotels. Doch dazwischen gibt es sie, die Kulturoasen. Das Literaturhaus ist eine kleine Villa, in der auch ein beliebtes Café und ein Buchladen Platz finden. Trotz Umbauten hat sie ihren ganz eigenen Charme, gerade an diesem Ort.

Die Geschichte der Fasanenstraße 23 ist bunt. Der Verlag des Literaturhauses hat der Villa und ihrer Umgebung daher ein eigenes Buch (Fasanenstraße 23) gewidmet. Janika Gelinek und Sonja Longolius haben Anfang 2018 von ihrem 14 Jahre amtierenden Vorgänger Ernest Wichner die Leitung des Hauses übernommen. Auch für ‚die Neuen‘ ist die Geschichte essenziell: „Unser ganzes Programm basiert auf der historischen Nutzung des Hauses“, sagt Gelinek im Gespräch mit QIEZ. Zur bewegten Vergangenheit gehören Phasen als Tanzstudio, Lazarett oder Striptease-Bar. In letzterer endete in den 1960ern das kurze Leben eines 14 Monate alten indischen Elefantenbabys, das die Gäste der Bar bespaßen musste und dafür im Keller derselben gehalten wurde, wo es eine Lungenentzündung bekam. Heute hängt im Literaturhaus eine weiße Elefanten-Plastik an der Decke des Foyers.

Weiße Elefanten-Plastik hängt an der Decke eines holzgetäfelten Foyers, im Hintergrund aufgeschlagene Bücher an Drähten

Da hängt ein Elefant im Foyer...

Berühmte Literaten zu Gast

Literarische Vergangenheit hat die Hausnummer 23 aber auch vorzuweisen. In den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren war die Villa an die Alexander von Humboldt-Stiftung vermietet, die ausländische Studenten in Berlin betreute. Doch es verkehrten auch jede Menge Literaten dort, darunter ein gewisser Vladimir Nabokov. Sonja Longolius kennt eine weitere Geschichte: „Es gibt das Gerücht, dass Ingeborg Bachmann hier mal übernachtet hat.“ Intern gelte eines der Zimmer nach vorne raus als „Ingeborg-Bachmann-Wohnung“. Genau rekonstruieren kann man das aufgrund der Umbauten allerdings nicht.

Der Tradition fühlen sich die neuen Leiterinnen des Literaturhauses verpflichtet. Ihr Programmkonzept ist neu, bezieht sich aber auch auf die frühere Nutzung der Villa. Als vom Land geförderter Institution liegt der Schwerpunkt des Hauses auf Berliner Autor*innen. Aber so wie einst Auslandsstudenten und russische Literaten ein und aus gingen, sind heute Themen wie Wohnort Berlin, Literatur von Migrant*innen, Begegnung und Forschung oder Europa angesagt. Bestes Beispiel für letzteres: Am 29. März hält das Literaturhaus eine „Brexit Wake“, eine Nachtwache zum Brexit ab, ob der nun am Ende jenes Tages vollzogen wird oder nicht. Britische und anglophile Autor*innen beschäftigen sich in eigenen Texten mit der Frage And Now What? Dazu gibt’s Musik von BBXO sowie britische Snacks und Getränke.

Zwei Frauen mit dunkelblonden Haaren stehen nebeneinander, die linke mit lilanem Blazer und rotem Pullover, die rechte mit Brille und weißem Oberteil: Janika Gelinek und Sonja Longolius

Seit Anfang 2018 haben Janika Gelinek (l.) und Sonja Longolius die Leitung des Literaturhauses Berlin inne.

Eine Buchkrise spielt hier keine Rolle

Solche Abende stellen ganz gut dar, wo das Literaturhaus hin will. Ja, es werden weniger Bücher verkauft. Aber das Interesse an Literaturveranstaltungen sei nach wie vor da, glauben Janika Gelinek und Sonja Longolius. Man müsse Abende bieten, an denen etwas geschieht – wie etwa Musik oder Kunst zusätzlich zur Literatur. Außerdem möchten die beiden Literaturwissenschaftlerinnen auf Kinder zugehen, ohne ihr restliches Publikum zu verlieren: „Die Erstklässler aus Wedding und Kreuzberg, die schon hier waren, sind uns genauso willkommen wie Wilmersdorfer Senioren“, so Longolius. Und natürlich darf es auch mal kontrovers werden. Der Erfahrung von Janika Gelinek nach passiert das besonders häufig bei Veranstaltungen, die Osten und Westen zum Thema haben: „Da geht’s immer hoch her im Publikum.“

Die Krise auf dem Buchmarkt spiele bei der Arbeit im Literaturhaus keine Rolle: „Wir sind konzentriert darauf, gute spannende Veranstaltungen zu machen“, sagt Gelinek. Und was waren die Highlights ihrer gut einjährigen Amtszeit? Sonja Longolius nennt die 24 Stunden-Lesung aus Tristram Shandy, dem neunbändigen Epos des Engländers Laurence Sterne aus dem 18. Jahrhundert. Vier Leute hätten dabei die ganze Nacht durchgehalten; zu den publikumsfreundlicheren Zeiten sei das Event richtig gut besucht gewesen.

 

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Ein Beitrag geteilt von mein vagabundieren (@meinvagabundieren) am Feb 18, 2019 um 3:39 PST

Eine große Herausforderung sehen die Leiterinnen darin, das nicht als Veranstaltungsort gebaute Haus noch extensiver zu nutzen. Was passiert mit den kleineren Räumen? Könnte die Schwelle zum Betreten des Literaturhauses durch von außen sichtbare Veränderungen noch niedriger werden? Und was ist eigentlich mit der Barrierefreiheit, die sich Gelinek und Longolius wünschen, bei der sie aber auf die Unterstützung der Stadt angewiesen sind? Die Ideen werden ihnen jedenfalls kaum ausgehen. Sie haben ja auch gerade erst angefangen. Noch mal Janika Gelinek: „Wir sind noch nicht fertig, das Haus auszuprobieren.“

Brexit: „And Now What?“ findet am Freitag, 29. März von 19.30 Uhr bis Mitternacht im Literaturhaus Berlin statt.

Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, 10719 Berlin

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