Kreuzberg im Jahr 2029

Wenn der Kotti zum Kotzi wird

Wenn der Kotti zum Kotzi wird
Kreuzberg ist durchgentrifiziert, Stadtmagazine küren Zehlendorf zum In-Bezirk: Diese Zukunfts-Vision von Berlin entwirft Autor Jörg Albrecht in "Der Kotti", das Theaterstück ist nun als Buch erschienen. Zusammenhangslos, sperrig, chaotisch. Die 130 Seiten sind eine Zumutung für den Leser – und zwar im besten Sinne. 

Ich verstehe gar nichts mehr! Ich brauch mehr Kottinuität!– dieser Satz mitten im Stück kann als Schlüsselsatz verstanden werden. Eine literarische Metareflexion, ein selbstreflexiver Kommentar zur eigenen Poetik. Wem es jetzt schon zu kompliziert wird, der lässt am besten die Hände vom Text, den Autor Jörg Albrecht 2009 als Theaterstück auf die Bühne brachte. Denn: Der Text ist alles andere als gefällig. Zusammenhänge müssen assoziiert werden, Fragezeichen haben Konjunktur, eine Runde Start-Schluss-Geschichte gibt es nicht.

Wenn ich was sage, kannst du mir versprechen, dass du aufhörst, die Stadt als ganze erfassen zu wollen, als kollektives System, das eindeutig bestimmbar ist?, fragt ein fragmentär umrissener Protagonist an einer Stelle. Damit sind die zentralen Fragen gestellt, um die das Stück kreist: Was ist die Stadt? Woraus setzt sie sich zusammen, wie ist sie zu begreifen? Und: Wer bestimmt darüber? Wem kommt in diesem Diskurs die Deutungshoheit – und damit die Macht – zu? Statt Fragen zu beantworten, stellt der Text Fragen. Und genau das ist seine Qualität.

Abrissbirne meets Geschichte

Grob verhandelt das Stück den Ausverkauf von Kreuzberg 36. Bands treten lieber in crazy Zehlendorf als in snobby Kreuzberg auf, Multikulti gibt’s nicht mehr, kurz : Kreuzberg 36 leert sich, und jetzt ist der Kotti tot.“ Autor Albrecht erzählt von einem sterbenden Mythos, im Jahr 2029 ist das Kottbusser Tor kein Gewimmelort“ mehr, wie er es im Vorwort nennt. Statt dessen lauert die Richie-Rich-Mentalität“ an jeder Ecke, im ollen Malocherbezirk lebt nur noch, wer es sich leisten kann. Es geht um den Abriss von Häusern und gleichzeitig um viel mehr. Fassaden stürzen ein, Abrissbirnen verleugnen die Geschichte des Bezirks und schlagen sie in Stücke.

Als finaler Gnadenstoß wird die Versteigerung der Nummer 36 inszeniert: Das legendäre SO36 soll unter den Hammer kommen, Kreuzberg steht kurz davor, endgültig sein schrammenzerfurchtes Gesicht zu verlieren. Als diffus bleibende Testamentsvollstreckerin“ von Kreuzberg tritt Oedipa auf, sie soll die Versteigerung des Konzertschuppens organisieren. Wieso, weshalb, warum, das wird höchstens angedeutet. Im Zentrum des ganzen Textes steht ein Gedankenkreisel, eine Assoziationskette rund um Berlin: …Berlin: hey wow! Immer, wenn ich mich auf dich einlasse, machst du mich zunichte. Hör auf! Nein, hör nicht auf, mich zunichte zu machen, mach mich weiter zunichte, denn wenn du mich nicht zunichte machst, fühle ich einfach: Mir fehlt etwas.“ Das Schizophrene, das Widersprüchliche, das Uneinheitliche der Großstadt ist der eigentliche Star.

Eine riesige Großstadtneurose

Immer wieder wird deutlich: Das Stück kommentiert sich ständig selbst. Denn was im Text fehlt, das ist die Kotti – pardon, Kontinuität. Und das ist nur konsequent: Wie ein Großstadtneurotiker dreht sich das Stück über weite Strecken um die eigene Achse. Als Zugabe gibt es allgemeingültige Fragen zum Leben in der Großstadt, zum leben in Berlin. Alles wirkt sperrig. chaotisch, klotzig.  

Uraufgeführt wurde das Stück übrigens 2009 im West Germany, einem Urban-Art-Space. Betrieben von einem Künstlerkollektiv, direkt am Kotti. Im Sommer gaben die Betreiber bekannt, dass das West Germany Ende des Jahres dicht machen wird. Hat der Ausverkauf vom Kotti nicht schon längst begonnen? Plötzlich hat nicht nur der Großstadt-Neurotiker viele Fragen.

Der Kotti von Jörg Albrecht. Bebraverlag 2015, 130 Seiten, 9,95 Euro. 

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