Buchrezension

Geschichten aus der Müllerstraße

Typischer Straßenzug in der Nähe der Müllerstraße.
Typischer Straßenzug in der Nähe der Müllerstraße.
Der Kiez hat viel zu bieten: Autofahrer-Irrsinn, Missverständnisse in der Dönerbude, Schlangestehen im Jobcenter. Den täglichen Weddinger Wahnsinn haben die sechs Brauseboys-Autoren in pointenreichen Kurzgeschichten festgehalten. Authentisch und mit Witz präsentiert die Storysammlung einen menschlichen Kiez zwischen Immigranten-Slang und Berliner Schnauze.

„Sehr gespannt bestelle ich einen Gemüse Kebab.

‚Soße?‘

‚Scharf.‘

Das Erste, was in meinen Gemüsedöner geworfen wird, ist Hühnerfleisch.

‚Aha‘, sage ich, ‚der ist also doch mit Fleisch?‘

‚Na, ham Sie Döner bestellt, oder nicht?'“

Wer kennt sie nicht, diese alltäglichen kleinen Multi-Kulti-Missverständnisse. Zwar wird das Leben im Kiez oft ganz schön überspitzt dargestellt – doch die Sechsergruppe an Autoren, im Wedding als Brauseboys bekannt, verleiht ihren „Geschichten aus der Müllerstraße“ immer – mal mehr, mal weniger – Authentizität.

Weniger, wenn Robert Rescue mit der „Zukunftsvision 2015“ das Schlangestehen im Arbeitslosencenter als Tarnung eines Spions ausgibt. Oder wenn ein Mann im Späti freundlich Kalaschnikovs und Handgranaten kauft, um dann den Ladeninhaber mit den neu erwobenen Waffen auzurauben.

Doch auch namenlose Obdachlose, im urigsten Berliner Dialekt quatschende Bankangestellte oder streunende Migrantenkinder tauchen in den zwei- bis fünfseitigen Stories auf – das wirkt oft authentisch und manchmal etwas stereotyp.

Über verschwommene Nächte voll fettiger Wurst

Fast alle Kurzgeschichten der Brauseboys verwursten Klischees. Aber gerade das Verwursten funktioniert super: In „Dichter und Currywurst“ versucht Heiko Werning, sich eine verschwommene Nacht voller Schnaps und fettiger Wurst in Erinnerung zu rufen. Die meisten der Kurzgeschichten übertreiben das alltägliche Geschehen zwischen Seestraße und Leopoldplatz hemmungslos: Die stundenraubende Bürokratie im damaligen Bürgeramt, die unvorhersehbaren Bremsmanöver des öffentlichen Nahverkehrs und die Ängste der Autofahrer auf der Durchreise nach Reinickendorf. Werning ist es auch, der das Müllerstraßenfest und die Demos vom 1. Mai im Wedding in Szene setzt.

Dass sich viele der Geschichten um denselben Aldi, dasselbe Bürgeramt (das mittlerweile an der Osloer Straße steht) und dieselbe Wurstbude drehen, verleiht ihnen fast schon ein Echtheitszertifikat. Tauchen Randgruppen zu Beginn einer Geschichte auf, bleiben sie manchmal für den Rest der Erzählung ein Stereotyp, manchmal aber emanzipiert der Erzähler den Migranten/den Obdachlosen im Verlauf der Handlung vom gängigen Klischee.

Umso begeisternder sind die ruhigen Töne im Buch: „Zur sechsten Sonntagsstunde sah ich die heimatlichen Fenster und gegenüber im Imbiss die Frauen der Dönerista beim morgendlichen Putzeinsatz. Sie hatten die Musikanlage aufgedreht und tanzten in Schürzen und mit Wischmopp ausgelassen durch den Laden. Gebannt blieb ich stehen und ließ mir das Herz aufreißen.“ Und sofort wird einem auch warm ums Herz und man sieht die Szenerie vor sich.

Wer zugezogen ist in den Wedding, wer nur vom Hörensagen ein Weddinger Leben zwischen Überfall und Currywurst kennt, der wird früher oder später vielleicht genauso unverhofft Zeuge menschlichen Alltags. Man muss nur mit offenen Augen durch den Kiez wandern, dann kommt die Menschlichkeit ganz von allein. Und ein Gemüsedöner ist dann auch mit Gemüse gefüllt, versprochen.

„Geschichten aus der Müllerstraße“ von den Brauseboys, erschienen beim be.bra verlag, ca. 10 Euro.

Geschichten aus der Müllerstraße, Müllerstraße, 13353 Berlin

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