Kunstobjekte

Kult im Kiez: Die Buchfalterin aus Neukölln

Kult im Kiez: Die Buchfalterin aus Neukölln
Aus welchem Buch lässt sich wohl bestens "Revolte" falten? Klar, aus "Das Kapital" von Karl Marx... Zur Foto-Galerie
Bücher lesen… kann (fast) jeder. Aber einem vergessenen Werk neue Bedeutung einhauchen? Die Buchfalterin Moriel Briller macht genau das: Kunst für das Auge, das Hirn und das Herz – weit über die Literatur hinaus. 

Am Simply-Make-Schaufenster geht niemand einfach so vorbei. Im Gegenteil: Es ist eine Pilgerstätte für Kunstinteressierte, Buchliebhaber, Geheimtipp-Jäger, Touristen und Kiezbewohner. Dabei setzt Moriel Briller ihre Werke hinter dem leicht verstaubten Glas nicht einmal groß in Szene. Sie stehen einfach da und faszinieren. Es scheint, als würden uns die Bücher erst durch die Kunst der besonderen Buchfalterin ihre wahren Geheimnisse verraten. Hunderte Seiten legen sich zusammen, um uns Liebe zu zeigen, andere formieren sich zum Yin-Yang-Zeichen, wieder andere erschaffen gar einen ganzen Lebensbaum. Dahinter steckt immer eine Formel, die Moriel feinsäuberlich ausmisst und errechnet. Hat sie das einmal gemacht, lassen sich die Formeln für Buchstaben und Symbole selbstverständlich immer wieder anwenden. Das Falten selbst sei die Belohnung, sagt Moriel.

Ein Zufall mit Folgen

Begonnen hat alles mit einer Bücherkiste, die Moriel zufällig in einem Hauseingang entdeckte, als sie ihre Kinder von der Schule abholte. „Die muss mit“, entschied die Künstlerin, ohne eine Idee zu haben, was sie damit anfangen sollte. Es waren schöne Einbände, alte Papiere, Werke aus dem letzten Jahrhundert. Zuhause erinnerte sie sich daran, dass sie einmal ein gefaltetes Herz in einem Buch gesehen hatte. Sie probierte das dreidimensionale Gestalten durch Falten an einem der antiquierten Fundstücke aus und … konnte nie wieder aufhören. Nun ist die Faltkunst ihre Passion. Zunächst faltete Moriel Geschenke für Freunde, dann für die Freunde von Freunden und mittlerweile für die unterschiedlichsten Menschen. Firmen wollen ihre Logos in Büchern verewigen, Liebende lassen alte Seiten für sich sprechen, Kinder beschenken Eltern, Eltern ihre Kinder. Die Fan-Base wächst und wächst und Moriel freut sich über jeden Auftrag. Es sei spannend, mit fremden Leuten zusammen Ideen zu entwickeln und immer Neues auszuprobieren. Mittlerweile ist sie eine echte Expertin. Auch in Sachen Papier, denn jedes Papier ist anders. Mit die beste Qualität liefern Werke aus dem 19. Jahrhundert, nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen zeigte sich der Mangel an Ressourcen auch im Papier der Bücher. Beinahe unbrauchbar sind die Papiere aus den 1970er Jahren. Sie vergilben sehr schnell und sind instabil.

"Liebe" ist nicht nur am Valentinstag ein treffendes Geschenk. © Moriel Briller

Der Weg nach Berlin

Nach Berlin brachte die gebürtige Israelin übrigens ebenfalls ein Zufall. In Jerusalem studierte Moriel Briller Darstellende Kunst und machte Performances und Theater. Zur Handarbeit kam sie durch die Geburt ihrer ersten Tochter, gezwungen etwas zu arbeiten, das sie von daheim erledigen konnte. Sie nähte und verkaufte die Exponate. Mit mittlerweile vier Kindern und ihrem Mann, ebenfalls Künstler, ging es dann ein paar Jahre später auf Weltreise. Der Besuch der deutschen Hauptstadt sollte den Abschluss bilden, doch es gefiel ihnen allen hier so gut, dass sie beschlossen zu bleiben. Dass sich Moriel in Berlin von Anfang an heimisch fühlte, läge auch an ihrer Großmutter, erzählt sie. Die lebte früher in der Uhlandstraße, ehe sie 1938 nach Israel auswanderte. Ihre Berliner Erinnerungen hielt die durch Erzählungen und deutsche Kosenamen für ihre Enkelin wach. Obwohl Moriel sogar Gerüche und Bräuche hier bei uns vertraut erscheinen, bereitet ihr die deutsche Sprache auch nach fünf Jahren in der Hauptstadt noch Schwierigkeiten. Außergewöhnlich für jemanden, der mit einem gestalteten Wort mehr aussagen kann als ein dicker Wälzer? Vielleicht, aber außergewöhnlich ist in jedem Fall ein Wort, dass Moriel und ihre Kunst bestens beschreibt.  

Faltkunst für alle

Bis der Familienrat sich für einen anderen Lebensort entscheidet, bleibt Moriel Berlin jedenfalls erhalten. Ihre Faltkunst gibt die sympathische Künstlerin übrigens an andere weiter – in regelmäßigen Workshops oder gebuchten Kursen. Sogar Problemschüler im Pflichtunterricht, Null-Bock-Teenies und hibbelige Großstädter kann sie für das Falten begeistern. Gescheitert ist noch niemand und das Gefühl, das Prinzip verstanden zu haben, beglückt zuverlässig. Die ungewöhnlichen Kunststücke kannst du ab 17 Euro auch online im SimplyMakeStudio erwerben, aufwendigere Exponate liegen bei 110 Euro. Preise für (gerne auch herausfordernde!) Spezialanfertigungen bekommst du auf Anfrage.  

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Simply Make Studio, Maybachufer 14-15, 12047 Berlin

Telefon 01521 5398045

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