Medizin im Nationalsozialismus

Die Erfolgsserie Charité geht in die zweite Runde

Die Erfolgsserie Charité geht in die zweite Runde
Schon ab der ersten Folge geht es hochdramatisch zu. Dr. Artur Waldhausen (Artjom Gilz, m.) bringt seine hochschwangere Frau Anni (Mala Emde, r.) in die Charité. Annis Bruder Otto Marquardt (Jannik Schümann, l.) rennt den beiden hinterher.
Nach dem Erfolg von der ersten Staffel geht es ab 19. Februar wieder in den historischen OP mit der ARD-Serie Charité. Allerdings mit einem großen Zeitsprung! Gut fünfzig Jahre später steigt die Serie mit brandneuen Gesichtern wieder ein und beleuchtet die Medizin während der NS-Zeit. Wir geben dir einen ersten Vorgeschmack.

Die erste Staffel der ARD Serie Charité war ein Publikumserfolg mit rund acht Millionen Zuschauern zum Serienstart. Uns hat besonders die Mischung aus Lerneffekt und Unterhaltung überzeugt. Es geht um historische Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse: So entdeckt der berühmte Mediziner Robert Koch den Erreger von Tuberkulose und damit wird die fiktive Erzählung um die mittellose Waise Ida Lenze verbunden. Die schafft es von der Patientin zur Studentin der Medizin in der Schweiz – hier wieder faktisch korrekt, denn Frauen waren Anfang des 20. Jahrhunderts nur in der Schweiz berechtigt zu studieren.

Für Fans der ersten Staffel, die gerne wissen möchten, wie es mit Robert Koch, Ida oder Paul Ehrlich weitergeht – bietet die zweite Staffel leider keine Antwort, denn die Handlung findet ab 1943 bis 1945 statt. Die Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann erklären: „Wir hatten von Anfang an die Idee, dass der rote Faden der Serie nicht einzelne Figuren sind, sondern der besondere Spirit dieses Krankenhauses, das in seiner 300-jährigen Historie eine Unzahl von spannenden Geschichten gesehen hat.“

Der Einzelne zählt nicht

Der Fokus in der zweiten Staffel liegt auf dem Alltag in dem berühmten Krankenhaus während des Nationalsozialismus. Laut den Drehbuchautorinnen liegt hier viel erzählerisches Potenzial, da veranschaulicht werden soll, wie sich die menschenverachtende Ideologie langsam unter den Medizinern breit macht, die sich doch eigentlich dem hippokratischen Eid verplichtet fühlen sollen. So geht es also in der Charité Fortsetzung um ein dunkles Kapitel der deutschen Medizin, wo Patienten nicht wussten, ob ihre Ärzte wirklich das Beste für sie wollten. Es gibt Impfversuche an behinderten Kindern, Eltern von kranken Kindern werden sterilisiert und Homosexuelle verfolgt und kastriert – alles für eine arische und erbgesunde Volksgenossenschaft.

Max de Crinis (Lukas Miko, M.), Nazifunktionär und Chef der Psychiatrie, vermutet, dass der frisch operierte Soldat Lohmann (Ludwig Simon, l.) sich seinen "Heimatschuss" selbst beigebracht hat. Anni (Mala Emde, r.) gehört auch zu den Begutachtern.

Hauptfigur ist, wie in der ersten Staffel, eine junge Frau. Anni (Mala Emde) ist Medizinstudentin und gehört zu den vielen Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges ihre männlichen Kollegen ersetzt, da diese an die Front gerufen werden. Mit ihrem Kinderarzt-Ehemann Artur (Artjom Gilz) gilt sie als arisches Vorzeigepaar und sie steht seit ihrer Jugend hinter dem NS-Regime – erst als sie selbst Mutter wird und ihr eigenes Kind sich nicht normal entwickelt, beginnt sie, das menschenverachtende Vorgehen zu hinterfragen. Noch komplitzierter wird es, als Annis Bruder Otto (Jannik Schümann) von der Front heimkehrt, um nun sein Medizinstudium abzuschließen. Er verschweigt sein Kriegstrauma und gerät bald in den Konflikt, ob er sich weiterhin hinter das NS-Regime stellen kann. Dabei trifft er im Krankenhaus auf viele Feinde.  Dazu gehört definitiv Professor Max de Crinis (Lukas Miko), Chef der Psychiatrie und Nazifunktionär, der fest von der „Rassenhygiene“ überzeugt ist. Dieser verdächtigt auch Ottos ehemaligen Kammeraden, sich eine Wunde selbst beigebracht zu haben, um vor dem Militärdienst zu fliehen.

Wer war Freund und Feind?

Wieder treffen sowohl historische als auch fiktive Charaktere aufeinander. Während Anni, Artur und Otto frei erfunden sind, gehören Professor Max de Crinis, Dr. Adolphe Jung (Hans Löw) sowie Professor Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) zur Zeitgeschichte. Besonders Sauerbruch bietet für die Serie viel Stoff für Reibungspunkte, schließlich gilt er als ambivalente Person, was das Autoren-Duo unterstreicht. Einerseits gefeiert für seine medizinischen Errungenschaften, andererseits als „Nazi-Arzt“ verschrien, der auch Adolf Hitler behandelte. Noch schwieriger wird die Bewertung seines Charakters, da angesichts der Verfolgung seiner jüdischen Kollegen und der „Euthanasie“ an Kranken und Behinderten Sauerbruch auch Protest am NS-Regime übte. Für eine neue Perspektive auf Sauerbruch nutzten die Drehbuchautorinnen Aufzeichnungen von Dr. Adolphe Jung, der aus dem Elsass zwangsverpflichtet wurde und dabei half, wichtige Dokumente über die Nazis an die Aliierten weiterzugeben.

Der verzwickte Stoff der Serie lässt auf sehr viel Spannung hoffen, vor allem weil, anders als von der damaligen Medizin verlangt, die Einzelschicksale sehr wohl zählen: Anni muss für ihre Tochter kämpfen und dabei das Klinikpersonal austricksen, Otto gerät schnell in die Verräter-Rolle und auch Sauerbruch sieht sich bald im Visier des NS-Regimes. Dazu kommen die menschenunwürdige Medizin und die systematische Auslöschung von Andersdenkenden, der Bombenhagel 1944 auf die Charité und die schwierige Aufgabe im Krieg Patienten zu versorgen.

Die sechs Folgen starten mit einer Doppelfolge am 19. Februar um 20.15 Uhr mit der begleitenden Doku: Die Charité – Medizin unterm Hakenkreuz (rbb) ab 21.45 Uhr.

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