• Dienstag, 27. Dezember 2016
  • von Lea Albring

Graphic Novel im Berlin der 80er

Hippies, Hausbesetzer und Haftbefehle

  • Comic Ausschnitt aus der Graphic Novel Westend
    Szenetreff früher und heute: Die Schaubühne. Foto: externe Quelle - ©Berlin Story Verlag / Jörg Mailliet & Jörg Ulbert

In Westend – Berlin 1983 geht’s ab: V-Mann Otto ermittelt unter militanten Krishna-Jüngern, liefert sich eine Verfolgungsjagd am Hermannplatz, säuft in der Schaubühne. Viel Berlin, viel Spaß, ein bisschen Spannung: fast alles drin in der Graphic Novel. Fast.

Eines vorab: Nach dem Attentat in Berlin ist es nicht einfach, die Graphic Novel Westend frei von der Leber zu besprechen. Warum? Das Setting: Terror. Der Schauplatz: Westberlin. Kudamm, Gedächtniskirche, das Irish-Pub-Schild auf der Budapester Straße: Die Bilder, die gerade um die Welt gingen, hat Zeichner Jörg Mailliet detailversessen im Buch festgehalten. Der Plot ist fiktiv, die Orte nicht. Gegenwärtig sind sie wieder Zeugen von Terror, was dem Buch eine traurige, zeitgemäße Aktualität verleiht. Leider.

Die Graphic Novel ist nach  Gleisdreieck  das zweite Werk vom Autoren- und Zeichner-Duo Jörg Ulbert und Jörg Mailliet . Ein verdeckter Ermittler, linker Terror, Berlin: Gleiche Hauptfigur, gleiches Thema, gleicher Schauplatz. Westend macht da weiter, wo Gleisdreieck aufgehört hat, setzt die Lektüre des Vorgängers aber nicht voraus. Soweit, so praktisch. Wie auch schon in Gleisdreieck ist der eigentliche Main Act des Buches nicht der Plot – wenngleich raffinierter als im Vorgänger –, sondern die Stadt: Das Buch ist eine Dokumentation von West-Berlin Anfang der 1980iger, eingefangen in minutiös Straßenzügen und dem prototypischen Personeninventar (Linke, Hippies, Verrückte, Punks) dieser Zeit – und im Grunde ja auch noch von heute.

Wer damals nicht hier gelebt hat – im Gegensatz zu den fachkundigen Autoren – weiß nach dem Durchblättern, wie es vor über 30 Jahren zwischen Kreuzberg und Zehlendorf, an Szeneorten und in Drogen-Kneipen, wohl abgegangen sein mag.

Berliner Szenen am Fehrbelliner Platz. ©Berlin Story Verlag / Jörg Mailliet & Jörg Ulbert Berliner Szenen am Fehrbelliner Platz. ©Berlin Story Verlag / Jörg Mailliet & Jörg Ulbert

Die Story ist schnell erzählt: Otto ermittelt verdeckt in der linksradikalen Hippie-Szene. Will heißen: Er säuft, tanzt und besucht Meditationskurse, pendelt zwischen Szenekontakten und BKA-Führungsoffizieren. Skurrile Typen und 1980iger-Slang sind oft zum Lachen, dazu subtiler Sarkasmus. Zum Beispiel: V-Mann Otto interessiert sich, um mit der Szene zu connecten, für einen Kurs im linken Meditationszentrum. Eine Hippiefrau (= Ma) berät ihn. Einstieg: "Die Ma passte ins Bild: Doof wie Ostbrot. Aber hatte Mutterwitz. Ma: "Diese Woche noch: Empirisches Ayurveda und Anthroposophie und Technik. Am Freitag dann noch Amaroli als satori." Otto: "Wassn das?" Ma: "Erleuchtung durch Eigenurintherapie. Pipi saufen, mit Hundert noch Dauerlaufen." Ha ha.

Weniger witzig ist das Behörden-Kuddelmuddel. In der linken Szene ermitteln BKA, Verfassungsschutz, Doppelagenten. Alle auf einmal, jeder gegen jeden. Man muss schon ganz schön aufpassen, um hier noch durchzublicken. Aber genau das ist die Zumutung des Buches, die sein muss: Auch in der Wirklichkeit verhielt und verhält es sich bisweilen so. Im Epilog, auf der letzten Seite, hat Autor (und Historiker) Ulbert die Referenzen zu historischen Ereignissen erklärt: Die Ermordnung des Studenten Ulrich Schmücker, die sich anschließende Justiz-Farce, das undurchsichtige Spiel des Verfassungsschutzmitarbeiters Michael Grünhagen. Interessant, informativ, eine Geschichts-Lektion zum Kopfschütteln.

Ein Berlin-Comic mit Potential zur Chronik

Das Zusammenspiel von Text und Bild funktioniert astrein – der eine witzig, süffisant, Slang-Vokabular und das andere en Detail gezeichnete Architektur, raffinierte Bildausschnitte, unerwartete Perspektivwechsel. Jedem Kapitel ist ein etwas kryptischer Paratext vorangestellt, dazu jedes Mal eine andere Berliner Skyline. Blättert man nicht direkt weiter, gehen die Gedanken zwischen den Häuserschichten auf Wanderschaft.

Zu Gleisdreieck sagten die Autoren, sie hätten schlicht keinen Bock mehr darauf, den Leuten ständig zu erklären wie Berlin in den 70iger und 80iger Jahren gewesen sei. Deshalb der Erstling. Im Nachfolger machen sie genauso weiter, Berlin-Atmo en Masse. Und es funktioniert. Einziger Fail: Bei dem Setting hätte man sich schon ein bisschen mehr Sex und Drugs gewünscht – im Buch quasi nicht präsent.
Kreuzberg 1993, Oranienplatz 2012 oder Rigaer Straße 2016: Hier mal ein paar Vorschläge für Folgetitel. Denn: Die Autoren sollten eine Serie daraus machen – unter der Prämisse, dass sich das Duo jedes Mal ein wenig steigert.


Westend – Berlin 1983 von Jörg Mailliet und Jörg Ulbert, 128 Seiten, Berlin Story Verlag, 24,95 Euro.

Gedächtniskirche / Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche

Breitscheidplatz
10789 Berlin

Zum Eintrag

Entdecke deinen Kiez mit unserer Karte! aufklappen

 
Quelle: QIEZ
Möchten Sie einen Beitrag schreiben oder eine Bewertung vornehmen?
Weitere Artikel zum Thema "Shopping & Mode"

Gewinnspiele

Dein Mikrogemüse: 5 Heimgart Starter Kits zu gewinnen

Dein Mikrogemüse: 5 Heimgart Starter Kits zu gewinnen

Beim großen QIEZ-Advents-Gewinnspiel öffnet sich Sonntag für Sonntag ein … mehr Berlin

TOP-LISTEN

Top 5: Unterwäsche und Bademode in Berlin

Top 5: Unterwäsche und Bademode in Berlin

Schöne Wäsche, sexy Lingerie, Shapewear und Bademode, die passt. Wer … mehr Berlin

Neueröffnungen

Neu in Mitte: Dänischer Design-Store mit Hype-Potenzial

Neu in Mitte: Dänischer Design-Store mit Hype-Potenzial

Wir haben da mal wieder was in Sachen Hygge-Glücksphilosophie: Die … mehr Mitte

TOP-LISTEN

Hier schlägst du deinen (Bio-)Weihnachtsbaum selbst

Hier schlägst du deinen (Bio-)Weihnachtsbaum selbst

Du willst deinen Weihnachtsbaum in diesem Jahr selbst schlagen oder dir … mehr Brandenburg, Berlin

TOP-LISTEN

Top 10: Weihnachtsgeschenke aus Berlin

Top 10: Weihnachtsgeschenke aus Berlin

Dir fehlen noch Ideen für Weihnachtsgeschenke? Mit schönen Dingen "made … mehr Berlin

Gewinnspiele

5 Nikolaus-Beutel von EIS zum 1. Advent

5 Nikolaus-Beutel von EIS zum 1. Advent

Beim großen QIEZ-Advents-Gewinnspiel öffnet sich Sonntag für Sonntag ein … mehr Berlin

Artikel versenden

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. name@xyz.de).
Mehrere Empfänger werden durch Kommata getrennt.

* Pflichtfelder

Hast Du bereits ein QIEZ-Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

ODER
Falls Sie sich mit Ihrem Facebook-Konto auf Qiez.de registriert haben, klicken Sie auf den nebenstehenden Button, um sich mit Ihrem Facebook-Konto anzumelden.

Passwort zurücksetzen