• Mittwoch, 20. November 2013

Europa-Center im Wandel

Rest and Best of the West

  • City West Gedächtniskirche Europacenter
    Dit is' Berlin. West-Berlin, aufgenommen aus dem neuen Hotel Waldorf Astroia. Vorn die Spitze der Gedächtsniskirche und hinten: das Europa-Center. Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas

Breitscheidplatz - Zu Teilungszeiten war die City West Symbol der Freiheit. Heute muss sie sich neu erfinden. Oder doch nicht? Während rundherum Neues entsteht, setzt das Europa-Center auf Visionen von früher.

Das hier muss der letzte Schrei gewesen sein, damals, als man das noch sagte: der letzte Schrei. Als das hier noch Zukunft war, ein Einkaufsparadies, alles neu, schick und unter einem Dach. Im West-Berlin der 60er Jahre, der ummauerten Antithese zum real existierenden Sozialismus, muss der Bau des Europa-Centers ein Signal gewesen sein: Seht her, wir können nicht nur KaDeWe, wir können auch ganz anders. Das Zukunftsgefühl von damals ist die Nostalgie von heute. "Unser Palast der Republik" steht auf Plakaten von 2010, die das Center bewerben, "Super cool seit 1965" auf anderen. Vergangenheit, das wird deutlich, hat das Europa-Center zuhauf. Aber hat es auch Zukunft? Ist es Kult- oder Unort? Die Mall schließt ihre Türen nie, finden wir es also heraus. Es dunkelt ja schon. Auf, hin, hinein.

Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz

50 Glühwein-Gutscheine zu gewinnen

Charlottenburg
18.14 Uhr "Nächste Haltestelle: Europa-Center" – ein eigener Stopp für eine eigene Meile. Klingt erst mal logisch. Sechs Leute entsteigen dem Omnibus, ins Europa-Center drängt niemand, jedenfalls nicht direkt, sie steuern den Saturn-Markt an, der zwar zur Mall gehört, aber autonom erscheint. Ein Ausgang des Elektronikriesen öffnet ins Center, vorbei an rabattierten Waschmaschinen, er wird nur leidlich benutzt. Schnelle Außenbetrachtung, diese Schachtelarchitektur, unglaublich. Vier Versatzstücke summieren sich zum Europa-Center, Hochhausturm, Sockelschiff, Anbau und Apartmentfläche. 22 Stockwerke und 86 Meter ragt der Tower in den Himmel, Glas und Aluminium nach amerikanischem Vorbild, und auf dem Dach der Mercedes-Stern, drei Tonnen schwer, bei Sturm mit dem Wind drehend. Im Kalten Krieg strahlte er weithin nach Osten die Botschaft vom Kapitalismus und vom trotzigen Überlebensdrang des eingemauerten West-Berlin. Aus der Luft sieht man ihn auch durch Wolken. Aber müsste ein Stern, der das Center verkörpert, nicht sinken, stürzen sogar?

Freisein in der Tauentzienstraße

Geht es nicht bergab? Es geht erst mal durch die Flügeltür. Im Erdgeschoss sitzt Hieronimo Ceckiewicz, 62 Jahre alt, Porträtzeichner. Über Ahmet Tecimen, den Schuhputzer des Centers, wurde schon viel getextet, über Ceckiewicz, den Maler, weniger. Tecimens Schuhputzerthron ist verwaist, aber Ceckiewicz bleibt bis 22 Uhr, grafitschwarze Finger, bei Krakau geboren, seit 1982 in Berlin, er erzählt von Rubens, Kollwitz, Dürer und davon, dass die Familie Pepper nur wenig Miete nimmt. "In den neuen Malls könnte ich nicht zeichnen, die sind ja unbezahlbar."

Sechs Minuten braucht er laut Schild pro Bild, tatsächlich sind es zwanzig, er lacht, Tränen, erst mal Kunden anlocken, weil: "Ohne Geld traurig." Böse meint der Pole nichts, kennt die Welt dafür vielleicht zu gut, war Grabmaler in der Bronx, in Paris Bildhauer, Restaurator in Charlottenburg, ein Hobo mit Staffelei, Zirkuseltern, US-Pass, Frau, zwei Kindern, jeden Tag sieben Kilometer Radweg an die Tauentzienstraße. "Hier kann ich frei sein", sagt er und: "Das Europa-Center ist wie Museum." Aha! Ein Museum, das den Konsum nur noch kuratiert, ist das der tiefere Sinn dieses Relikts? Wo sonst gibt es denn noch Straßenmaler und Schuhputzer? Danke, Hieronimo. Tschüss, Hieronimo.

Leiser als im Museum

23.00 Uhr Die Läden haben geschlossen, das Europa-Center hat offen. Bei Nacht ist es hier noch leiser als im Museum. Leer wie die Mandschurai liegt die Mall, nur das Echo der Security, die durch die Etagen patrouilliert, hallt herbei. Die Wächter müssen ganz schön Strecke machen. 34 000 Quadratmeter Verkaufsfläche misst die Passage, beim Bau nannte man sie das deutsche Rockefeller-Center, aber der Vergleich mit den hängenden Gärten wäre passender, labyrinthische Gänge und Treppen verwirren den Blick. Über diese Fliesen sind Millionen flaniert, denkt man, auf diesen Pfeilern lasten Jahrzehnte. Es fühlt sich jetzt ein bisschen deprimierend an und drückend, auch, weil die Decken tief hängen. Die augenöffnende Shoppingarchitektur eines Rem Kohlhaas kam für das Europa-Center zu spät. Und natürlich gibt es längst monumentalere Häuser, das Alexa bewohnt 56200 Quadratmeter, die Gropius Passagen sind gar 85000 Quadratmeter groß.

Charlottenburg

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Quelle: Der Tagesspiegel
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