• Freitag, 25. November 2016
  • von Sophie Maaß

Durch den Kiez

Michael Tsokos: Wahrheit ist das höchste Gut

  • Michael Tsokos
    "Zerschunden" ist Michael Tsokos zweiter Thriller. Seinen ersten Krimi, "Abgeschnitten" (Droemer Knaur, München 2012), schrieb er zusammen mit Bestsellerautor Sebastian Fitzek.  Foto: externe Quelle - ©FinePic, München

Westend – Der Rechtsmediziner und Krimiautor hat es im Alltag mit grausamen Morden zu tun. Abgetrennte Köpfe oder zerfetzte Leichen liefern Tsokos Stoff für seine Bücher. Ein Gespräch über seinen Beruf, True-Crime-Thriller und Wohnen in Charlottenburg.

Wir treffen Michael Tsokos an einem regnerischen Herbsttag im Wiener Conditorei Caffeehaus am Steubenplatz. Auf Anhieb macht der 49-Jährige mit den braunen Augen und angegrauten, dunklen Haaren einen sympathischen und bodenständigen Eindruck. Dabei könnte er sich eigentlich sehr viel auf seine Karriere einbilden. Als Leiter von gleich drei rechtsmedizinischen Einrichtungen in Berlin – dem Institut für Rechtsmedizin der Charité , dem Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Moabit sowie der ersten landesweiten Gewaltschutzambulanz – trägt er nicht nur viel Verantwortung, sondern übt auch großen Einfluss aus. Zudem gilt er als international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Forensik, war im Auftrag des Bundeskriminalamts bei der Identifizierung von Leichen aus Massengräbern im Kosovo beteiligt und half 2004 nach dem großen Tsunami in Thailand, den deutschen Opfern ein Gesicht zu geben.

Doch von all dem lässt sich der fünffache Familienvater nichts anmerken und erzählt uns lieber ganz ohne Allüren von seinen Romanen, vor allem seiner Reihe rund um den Rechtsmediziner Dr. Fred Abel. Die Trilogie bringt er mit Literaturwissenschaftler Andreas Gößling auf den Weg. Im ersten Band, Zerschunden, treibt ein psychopathischer Serienmörder im Umkreis diverser europäischer Flughäfen sein Unwesen.

Mörderische Spannung – ganz wie im wahren Leben

Sowohl in diesem Buch als auch im Nachfolger Zersetzt gelingt es Tsokos, nicht nur durch den Haupthandlungsstrang Spannung zu erzeugen, sondern den Leser auch durch weitere, am Rande vorkommende Mordfälle zum ständigen Umblättern zu bringen. "Im wahren Leben haben wir als Rechtsmediziner ja schließlich auch immer mehrere Fälle parallel auf dem Tisch und arbeiten die nicht alle nacheinander ab", erklärt der Autor. Für die Bücher habe er sich von zahlreichen wahren Begebenheiten und seinen eigenen biografischen Erlebnissen inspirieren lassen. Es sei nur so viel verraten: Aus dem Fenster fliegende Köpfe und eingekochte Körperteile hat es in Berlin in den letzten Jahren tatsächlich gegeben.

 

Ein von Mela (@mela.licious) gepostetes Foto am

Sophie Maaß


Mit seiner Hauptfigur Fred Abel teilt Tsokos zwar nicht den Arbeitsort, denn den hat er im Keller unter den Treptowers angesiedelt. Dennoch verbindet ihn viel mit seinem fiktiven Charakter: "Ein Großteil von Abel ist Michael Tsokos", sagt der Mediziner. gemeinsam hätten die beiden ihre Leidenschaft für den Beruf, die Liebe zur Wahrheit als höchstes und wichtigstes Gut sowie zahlreiche selbst untersuchte Todesfälle. Oft sind auch andere Figuren Menschen aus dem wahren Leben nachempfunden. "Nur losziehen und im Alleingang ermitteln, das mache ich nicht", lacht der Forensiker.

Wenn Tsokos gerade einmal nicht schreibt, an der Charité Rechtsmedizin lehrt, für Schulungen um die Welt reist oder Kollegen zum Thema Kindesmisshandlungen fortbildet, versucht er den Ausgleich zu seinem vollen Terminkalender im Taekwondo zu finden. Auch hier besteht eine Parallele zu Fred Abel, denn beide besitzen einen Schwarzen Gürtel in einer asiatischen Kampfsportart . Dreimal die Woche trainiert der "echte" Gerichtsmediziner im Taekwondo-Institut Berlin und ist begeistert von der Atmosphäre dort: "Ich habe schon in meiner Jugend Taekwondo gemacht. Damals war das eher so ein Schlägersport und die Studios waren nicht besonders gut. Aber nun habe ich eine nette Schule in Berlin gefunden, die wirklich bunt und international ist!"

"Es ist traumhaft, hier zu wohnen"

Außerdem gehen Tsokos und seine Frau in ihrer Freizeit gern zu Heimspielen von Hertha BSC ins Olympiastadion , machen Ausflüge ins Holländerviertel nach Potsdam oder essen im ältesten russischen Restaurant Berlins, dem Samowar . Ebenso empfehlenswert sei das armenische Lokal Big Window . "Hier ist das Essen richtig lecker! Es gibt zwar keine Speisekarte, aber dafür kommt der Chef noch persönlich an den Tisch", so der Autor. Am besten könne er sich aber immer noch in seinem grünen Zuhause in Westend erholen. Seit 2011 lebt Tsokos mit seiner Familie in einer Villa aus den 20er Jahren. "Es ist traumhaft, hier zu wohnen. Am Wochenende beim Frühstück im Garten sehe ich Eichhörnchen und manchmal auch einen Eichelhäher. Hier ist man im Grünen und trotzdem mitten in der Stadt."

Michael Tsokos in seinem Büro vor dem Computer. ©FinePic, München Michael Tsokos in seinem Büro vor dem Computer. ©FinePic, München

Obwohl dem Mediziner kurze Wege wichtig sind, nimmt sich Michael Tsokos die Zeit, mit uns durch sein Viertel zu laufen. Davon kann ihn auch der strömende Regen nicht abhalten. Schließlich gilt es, die vielen kleinen Geschäfte in der Reichsstraße zu bewerben: "Der Einzelhandel geht an vielen Stellen in Berlin völlig zugrunde, zum Beispiel in Moabit, wo ich früher gewohnt habe – dort sind nur noch Ein-Euro-Läden, Spielhallen und Dönerbuden vorhanden", gibt der gebürtige Kieler zu bedenken.

Er selbst versuche, so wenig wie möglich im Internet zu bestellen. Stattdessen hat er seinen Fernseher bei MSW Keßner gekauft und die ganze Familie Tsokos deckt ihren Schreibwaren- und Papierbedarf bei Papier Härtl . Kann es vielleicht sein, dass in dem international angesehenen Rechtsmediziner, Forensikexperten und Autor auch ein wenig Lokalpatriotismus steckt? Wir jedenfalls freuen uns schon jetzt auf den nächsten Thriller mit Dr. Fred Abel im Leichenkeller der Berliner Treptowers.

Zerschunden und Zersetzt von Michael Tsokos sind im Oktober 2015 und April 2016 im Verlag Droemer Knaur erschienen. Zerbrochen folgt im März 2017. Außerdem erschien gerade das Buch Sind Tote immer leichenblass? über Thema Irrtümer über die Rechtsmedizin.

Wiener Conditorei Caffeehaus

Reichsstraße 81
14052 Berlin

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Quelle: QIEZ
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