• Mittwoch, 20. März 2013

Stadtentwicklung

Eine kleine Ortszerstörung

  • Die Kurbel in Charlottenburg
    Ein Bild aus vergangenen Tagen: Die Kurbel an der Giesebrechtstraße musste aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Foto: Der Tagesspiegel - ©Mike Wolff

Wo einst die Kurbel stand, Berlins ältestes Tonfilmkino, entsteht nun ein Biosupermarkt. Dem Charlottenburger Meyerinckplatz droht deshalb der Verkehrskollaps. Das Bezirksamt wurde vorsätzlich getäuscht. Oder hat es sich sogar gerne täuschen lassen? Michael Naumann schildert den absehbaren Ruin einer Stadtidylle.

In jeder Stadt gibt es trübselige Plätze, menschenleeres, städteplanerisches Nichts, steingewordene Trauer, Tatorte. Berlin macht da keine Ausnahme, wie auch sonst, nach Bombardements, Teilung und notgeborenem, siloähnlichem Wohnungsbau der Nachkriegszeit. Und doch gibt es auch verschonte Seligkeitsorte in der Hauptstadt, wo Erinnerungen an nicht so ferne Geschichte aufscheinen, bewegt von einem vagen Heimatgefühl urbaner Geborgenheit und Sicherheit.

Galerien, ein neues kleines Buchgeschäft mit erstklassigem Sortiment, ein Antiquariat, Cafés, Restaurants – das ganze Ensemble solch bürgerlicher Wohnlichkeit ist auf dem platanenumstellten Charlottenburger Meyerinckplatz zu entdecken. Das Einzige, was fehlt, sind genügend Parkplätze. Dieser Mangel wird in der folgenden Geschichte eine entscheidende Rolle spielen. In Deutschland gibt es 40 Millionen Autos, und manchmal scheint es, als kämen sie regelmäßig zu einer Rallye rings um den Platz zusammen. Ein unabhängiger Verkehrsgutachter hat einen dramatischen "Parksuchverkehr" festgestellt; die gegenwärtige Auslastung liegt bei 100 Prozent.

Hier laufen drei kurze und schmale Einbahnstraßen zusammen, die Clausewitz-, Sybel- und die Giesebrechtstraße, auf der mehr als einhundert Stolpersteine daran erinnern, dass hier einmal das gehobene Berliner jüdische Bürgertum wohnte, Ärzte, Rechtsanwälte, Professoren. Sie hatten sich – wie die wohlhabenden Pariser Juden mit der Rue de Monceau in Paris – um 1900 herum eine eigene Nachbarschaft geschaffen. Die meisten dieser Berliner wurden zwischen 1941 und 1945 deportiert und in Auschwitz oder Sobibor ermordet.

Auf dem Platz stand nach dem Krieg ein lieblich plätschernder Brunnen. Der ist vor vielen Jahren spurlos verschwunden. Am Wassermangel kann es nicht gelegen haben, denn Wasser findet sich leider genug in den Kellern der zum Teil denkmalgeschützten Häuser. An seiner Stelle steht nun ein missglücktes, ja, vulgäres Rostblech-Kunstwerk namens "Ikarus". Sein Urheber – wohin mit dem Ding? – hatte es vor zwei Jahren der Bezirksverwaltung geschenkt. In einem Jahr will sie es an den großherzigen Spender zurückgeben, weil die ästhetisch verwöhnten Anrainer das Missgeschick nicht mehr sehen wollen. Die regelmäßigen Wohnungseinbrüche in den oberen Stockwerken bereiten schon genug Verdruss.

Das älteste Tonfilmkino Berlins ist unwiderruflich verloren

Unwiderruflich verloren ist allerdings seit einem Jahr das älteste Tonfilmkino Berlins, die selige"Kurbel". Sein Besitzer, ein Berliner Immobilieninvestor, hatte außer einem erstklassigen Popcorn-Angebot kein überzeugendes Programm mehr zusammenstellen können oder wollen; denn ihm gehörte das ganze Haus mitsamt dem Kino und er wollte Rendite machen. Die Gewerbefreiheit ist ja auch ein Kulturgut, allerdings nicht das höchste.

Mehr als 11.500 Unterstützer aus dem Kreis Berliner Kinofans, aber auch der Protest des Regisseurs Wim Wenders und des Berlinale-Chefs Dieter Kosslick konnten den Eigentümer nicht davon überzeugen, sein heruntergekommenes Kino zu retten. Stattdessen vermietete er Anfang 2011 das Erdgeschoss der "Kurbel" an die Firma "Alnatura", eine Biosupermarktkette mit einem Jahresumsatz von 500 Millionen Euro und rund 70 Filialen in ganz Deutschland.

Im Mai 2011 genehmigte das Bezirksamt im sogenannten "Freistellungsverfahren" den "Alnatura"-Antrag, einen Supermarkt am Meyerinckplatz einzurichten. Eine Betriebsbeschreibung lag nicht vor und schien die Beamten auch nicht sonderlich zu interessieren. Die Anrainer erfuhren von dem Projekt erst fünf Monate später, im Oktober 2011.

Fortan war es mit der nachbarschaftlichen Seligkeit vorbei. Siebzig "direkte Anwohner" stellten am 20. Dezember 2011 einen Eilantrag auf Untersagung der Bauarbeiten an das Bezirksamt. Vergebens. Bedroht sahen sie ihre gesetzlich geschützten "Nachbarschaftsrechte". Nicht die lästigen Bauarbeiten standen zur Debatte, sondern der absehbare großvolumige Lieferverkehr an einem kleinen, erhaltungsgeschützten Ort, der jetzt schon tagein, tagaus von Hupkonzerten übertönt wird. Denn auf den beidseitig zugeparkten Fahrbahnen rings um den Meyerinckplatz bleiben in der Mitte höchstens 380 Zentimeter übrig. An einem parkenden Lkw käme niemand mehr vorbei. Jedes haltende Taxi produziert jetzt schon einen Verkehrsstau, jeder UPS-Sprinter verlängert die Reihe der aufgehaltenen Pkw bis zum Kudamm.

Adresse

Giesebrechtstraße
10629 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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