• Freitag, 30. Dezember 2011

Die Sybelstraße in Charlottenburg

Heimat der Philosophen

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  • Sybelstraße in Charlottenburg
    Sybelstraße Charlottenburg: Reiche Vergangenheit, vielfältige Zukunft Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas
  • Sybelstraße in Charlottenburg
    Sybelstraße Charlottenburg: Reiche Vergangenheit, vielfältige Zukunft Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas
  • Sybelstraße in Charlottenburg
    Sybelstraße Charlottenburg: Reiche Vergangenheit, vielfältige Zukunft Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas

In der Geschichte der Charlottenburger Sybelstraße stößt man auf die Lebenswege vieler prominenter Bürger, die dort ihre Heimat hatten. Heute hat sich wieder eine produktive Mischung herausgebildet.

Nirgendwo in der Berliner Innenstadt grünt es so früh wie in der Sybelstraße, an dem Ende, das auf den kürzlich neu getauften Kracauerplatz zuläuft. Schon Anfang April ist die Allee in Charlottenburg wieder dicht belaubt. Die frühen Frühlingsgefühle verdanken die Bewohner der in Städten sonst kaum noch anzutreffenden Birkenpappel, genannt Populus simonii. Herr Maasberg, Leiter des Grünflächen- und Tiefbauamts Charlottenburg-Wilmersdorf, gibt Auskunft: "Erst wenn die Simonii grünen, sagen wir als Experten, der Frühling kommt!“

Der Kracauerplatz, in den die Sybelstraße mündet, hieß früher Holtzendorffplatz. Heute ist er nach dem Soziologen und Philosophen Siegfried Kracauer benannt, der zeitweise auch die Berliner Redaktion der "Frankfurter Zeitung“ leitete. Cineasten und Filmwissenschaftler kennen ihn durch sein 1947 in Amerika veröffentlichtes Standardwerk zur deutschen Filmgeschichte, "Von Caligari zu Hitler“. Kracauer und seine Frau Lili wohnten Anfang der dreißiger Jahre im 4. Stock der Sybelstraße 35, einem gut erhaltenen Eckhaus. 1933 flohen sie nach der Machtergreifung der Nazis ins Exil.

Die Sybelstraße beginnt am Walter-Benjamin-Platz, der vor einigen Jahren vom Architekten Hans Kollhoff neu gestaltet wurde. So werden die zwei Freunde und Kollegen Kracauer und Benjamin topografisch verbunden, die ab 1933 ohnehin das Schicksal teilten, als herausragende jüdische Intellektuelle von den Nazis bedroht zu sein. Benjamin wohnte zwar nicht direkt an dem nach ihm benannten Platz, jedoch ebenfalls in Charlottenburg, zuletzt in der Nähe des Savignyplatzes.

Eine spezielle Mischung

Auf den ersten Blick wirkt die Sybelstraße zwischen den wesentlich bekannteren Verkehrsadern Kantstraße im Norden und Kurfürstendamm im Süden eher unauffällig und ruhig. Ihr Name erinnert an einen Historiker und Direktor des Preußischen Staatsarchivs. Den Lauf der Berliner Geschichte verkörpert die Sybelstraße perfekt: hier stehen Gründerzeitbauten neben einigen grauenhaften Neubausünden aus der Nachkriegszeit. Das Viertel war einst russisch und jüdisch geprägt: Nach der russischen Revolution zogen Emigranten in die Gegend, in der schon zuvor eine überdurchschnittliche Zahl von jüdischen Wissenschaftlern, Anwälten, Ärzten, Kaufleuten und Künstlern lebte. Doch was ist von der Mischung geblieben?

Erich Kästner ist kein Jude, doch auch seine Bücher wurden von den Nationalsozialisten verbrannt. Der Schriftsteller wohnte ebenfalls im Kiez und schrieb in seinem Roman "Fabian“ über die "Unzucht“ im Berliner Westen. Diese ist heute speziell in der Sybelstraße nicht mehr so gegenwärtig, mit Ausnahme eines Sexshops an der Kreuzung zur Lewishamstraße. Dafür versündigt sich letztere, eher hässliche vierspurige Straße, die seit dem Krieg die Sybelstraße in eine West- und eine Osthälfte zerteilt.

Die Sybelstraße 1 passt zur typischen Berliner Mischung. Gegenüber dem weltläufig-monumentalen Walter-Benjamin-Platz residiert dort eine Lokalität namens "Klo“, mit dem Hinweisschild „Spülstunden ab 19 Uhr“ und dem Werbespruch "Das Beknackteste seit es Kneipen gibt“. Direkt daneben liegt das beeindruckende Gebäude der Sophie-Charlotte-Oberschule, das mit antiken Figuren verziert ist. Die Schule war im 19. Jahrhundert das erste Mädchengymnasium der Stadt. Nach der Machtergreifung der Nazis haben nach Berichten von Überlebenden mutige Lehrerinnen dafür gesorgt, dass die zahlreichen jüdischen Schülerinnen der damaligen "Fürstin-Bismarck-Schule“ noch viele Jahre lang geachtet und menschlich behandelt wurden.

Wo sich die Zeiten treffen

Vor der Hausnummer 5 nebenan liegen acht Stolpersteine: In dem Haus lebten die Kellmanns, Barons, Salomons und Wilks, die zwischen November 1941 und Februar 1943 deportiert und in Minsk, Riga und Auschwitz ermordet wurden. Es ist nur ein Beispiel von vielen. Ein paar Häuser weiter erinnert eine Tafel an die jüdische Musikschule Hollaender; ihre Lehrkräfte und Schüler wurden ebenfalls im Dritten Reich umgebracht. Im Nachbarhaus befindet sich heute ein Yoga-Tempel, doch langsam tauchen wieder Geschäfte und Büroschilder jüdischer Bürger auf – viele von ihnen sind in den letzten Jahrzehnten nach Berlin gezogen.

Am schönen Meyerrinck-Platz sieht die Sybelstraße richtig fein aus. Der Komponist Eduard Künneke lebte hier einst, heute hat der Dichter Botho Strauß ganz in der Nähe seine Stadtwohnung. Einige ehemalige Schauspieler der Schaubühne, mit denen Strauß befreundet ist, wohnen in der westlichen Sybelstraße, Richtung Kracauerplatz. Zu ihnen gehören Udo Samel und Jutta Lampe.

Kaum 100 Meter vom Uhrturm der Charlottenburger Reformschule entfernt findet man die heutige Kiez-Mischung dicht an dicht vor: Neben der alt eingesessenen Kneipe "Zum gemütlichen Schotten“ liegen die Büros einer Filmproduktionsfirma und der Plakatfirma Jomi, die für kulturelle Veranstaltungen und Musiker von Lena bis Bob Dylan wirbt. Ein weiterer junger Nachbar ist der Modedesigner Daniel Kroh, der dort seit drei Jahren "ReClothing“ betreibt. Der Begriff ist markengeschützt; Kroh kauft Textilreste in großen Mengen und lässt daraus etwas schickes Neues entstehen. Seine Kunden kommen aus ganz Europa und sogar Hollywood. Die Vergangenheit holt einen im Haus gegenüber wieder ein: dort wohnte einst die Jüdin Felice, die junge Titelheldin aus dem Film "Aimée und Jaguar“, die ein tragisches Ende fand – wie so viele ihrer Zeitgenossen.

Adresse

Sybelstraße
10629 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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