• Dienstag, 06. März 2012

Stutti: Nicht perfekt

Unschön gehört dazu

  • Stuttgarter Platz
    Der Stuttgarter Platz in Charlottenburg: Wenn ein Anwohner des "Stutti" einen Spaziergang unternimmt, dauert es oft nicht lange, bis er einen Bekannten trifft. Foto: Der Tagesspiegel

Der "Stutti" – der Stuttgarter Platz in Berlin-Charlottenburg – kommt in neuem Outfit daher. Büsche, Bänke, Parkwege wurden angelegt. Die Drogenszene allerdings lässt sich von der Grünanlage nicht ansatzweise vertreiben. Der Stutti bleibt, wie er war: schön und schmuddelig zugleich.

Mein Kiez ist jetzt noch ein bisschen schöner geworden. Er ist sowieso schon ein hübscher Kiez. Mit schönen Straßenzügen, vielen kleinen Läden, in meinem Kiez gibt es eine Menge Cafés, viele Restaurants und Kneipen, Kinos, die Schaubühne, den schönsten und besten Wochenmarkt Berlins, einen See, um den man herumspazieren kann undundund. Und so viele nette Menschen. Man kennt einander, man sieht einander, man trifft einander. Beispielsweise "im Dorf", so nennt Petra den kleinen Platz, der begrenzt wird von der S-Bahn-Trasse, der Rönnestraße, der Leonhardtstraße und der Windscheidstraße. Petra wohnt nicht mehr im Kiez, ist vor ein paar Jahren in die Nähe der Krummen Lanke gezogen, sollte wohl was Besseres werden. Aber sie kommt immer wieder gern zurück ins Dorf, mit ihrem Hund, den kennt man auch, begrüßt ihn, sagt "Hallo Cosma", und dann grüßt Cosma zurück.

An Samstagen zum Beispiel, da geht mein Kiez zum Karl-August-Platz, dort findet der schon erwähnte Wochenmarkt statt, einmal im Karree um die Kirche herum. Es gibt alles, die beste selbst gemachte Pasta etwa. Vorn an der Ecke Krumme/Pestalozzi-Straße vermarktet der Dicke lautstark seine Bratwurst, "hier geht’s um die Wurst!", doch man muss gar nichts sagen, er erkennt seine Kunden, "morjen, Herr Professor, einmal mit Senf, und n’ schönet Wochenende noch." Im Ostflügel blafft derweil Yuri, der Gemüsehändler, wieder seinen alten Herrn an, immer blafft er ihn an, "Vadder, nun mach ma’, is doch nicht zu fassen, steht da rum, Vadder, die Kundschaft wartet." Und Vadder sagt: "ick mach doch, ick bin doch dran, Mann, Mann."

Neue Begrünung macht den Stutti noch schöner

Manche Kiezbewohner gehen linksrum, lassen also die Kirche in der Mitte rechts liegen. Ich finde das antizyklisch, fange stattdessen auf der Südseite an und lasse mich dann direkt bei Yuri im Osten blicken, an der Schnittstelle zur Nordseite wartet Mirjam schon mit einem Kaffee, einige Meter weiter, wir befinden uns auf der Goethestraße, bezahlt der Verleger des kleinen, feinen Transit-Verlages gerade seine Artischocken, und zurück im Westen schlendern einem Monika und Achim entgegen, "ihr lauft ja schon wieder verkehrtrum. Also bis gleich, im Stammhaus." Und kommt mein Kiez im "Gasthaus Lentz" zusammen, auf besagtem kleinen Platz, zum fröhlichen Markttreiben. Meistens ist Cosma schon da.

Der kleine Platz ist nur ein Teil eines großen Platzes, und der ist längst kein Platz mehr, sondern eine Straße: der Stuttgarter Platz, der Stutti eben, mein Kiez, Charlottenburg, Westberlin. Und da haben sie mittlerweile vor dem S-Bahnhof Charlottenburg und vis-à-vis der U-Bahnstation Wilmersdorfer Straße den hässlichen Parkplatz verschwinden lassen und an seiner Stelle Büsche gepflanzt und Parkwege angelegt. Wie auch westlich der Lewishamstraße vor dem Regionalbahnhof Charlottenburg und auch auf der anderen Seite der S-Bahn-Trasse auf der Gerviniusstraße an der Ecke zur Windscheidstraße. Und darum ist mein Kiez noch schöner geworden. Die Büsche sind noch etwas klein, und momentan ist es auch ziemlich kahl, aber das wird schon.

Die Drogenproblematik im Kiez besteht hartnäckig

Der Stutti, mein Kiez, eigentlich war er immer schon schlecht beleumundet, ist im Verruf. Er galt als das Rotlichtviertel Westberlins, aber davon ist nicht viel übrig, die Türsteher sind nicht mehr da. Nun soll der Drogenhandel am Stutti um sich greifen. In der Unterführung der Wilmersdorfer Straße ist ein Spritzenautomat installiert, laut Auskunft der Drogenhilfe "Fixpunkt" ist er der am zweitstärksten frequentierte Automat der gesamten Hauptstadt, lediglich der am Kottbusser Tor werde häufiger genutzt. Astrid Leicht von der "Fixpunkt"-Geschäftsführung sagt, dass es keine sichtbare Drogenszene am Stutti gebe, "wohl aber intensiven Drogenhandel."

Das bekräftigt Siegfried Pieper, Stadtplaner und Anwohner des Stutti: "Sie bahnen das Geschäft auf der linken Straßenseite an", – da ist mein Kiez wirklich noch etwas schmuddelig mit seinen Billigläden, dem Waffengeschäft, den Import- und Exportshops – "und das Geschäft wird dann entlang der Bahntrasse in den neuen Grünanlagen gemacht". Auch Stadtrat Carsten Engelmann von der CDU erkennt keine "nennenswerte Verbesserung der Drogenszene am Stuttgarter Platz", obwohl die Deutsche Bahn die Bäume und Büsche an der Trasse zur Gervinusstraße gerodet hat. Das war ein sichtbarer Treffpunkt für die Junkies, auch der Ort, an dem sie sich die Spritzen setzten und Fundort vieler, vieler solcher Spritzen. Doch ist der Stutti tatsächlich ein Problem meines Kiezes? Das Kottbusser Tor von Charlottenburg, ein garstiger Ort wie St. Georg in Hamburg? Gehe ich blind durch meinen Kiez?

Unschöne Orte gehören dazu

Friedhelm Gülink und Margarete Winkels sind seit Jahren schon aktiv in der "Bürgerinitiative Stuttgarter Platz". "Natürlich gibt es hier Drogenhandel", sagt Gülink, "so wie überall in Bahnhofsnähe". Margarete Winkels sagt, "wir können ja mal eine öffentliche Veranstaltung zu dem Thema fordern." Aber ob es etwas bringe? Auch Charlottenburg sei Teil einer großen Stadt, und in der gebe es nun einmal solche Orte, "ob wir wollen oder nicht, sie gehören dazu."

Ja, so ist das wohl. Ich mache jetzt noch einen Spaziergang durch meinen Kiez, werde durch die Unterführung zum Stuttgarter Platz laufen, vorbei am Spritzenautomat, zum Dorfplatz. Es ist eben eine Stadt, mit allem, was eine Stadt lebens- und liebenswert macht. Perfektes gibt es nirgendwo, auch nicht auf dem Lande.

Adresse

Stuttgarter Platz
10627 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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