Berliner Clubkultur in Gefahr

Clubs in der Pandemie: Stirbt unser Berliner Nachtleben?

Ausnahmsweise ohne Schlange: Das Berghain in Friedrichshain.
Ausnahmsweise ohne Schlange: Das Berghain in Friedrichshain.
Freitagabends nach der Arbeit mit Freunden in einer Bar in den Abend starten und später im Berghain landen? Das fühlt sich jetzt ein bisschen wie eine Utopie an. Wann und ob wir das bald wieder haben werden, bleibt offen...

Momentan sind wir im gefühlten Lockdown 3789 und auch wenn wir zwischenzeitlich teilweise wieder ein paar Lockerungen erfahren durften, vermissen wir das Tanzen sehr! Leicht angetrunken, schwitzend, Körper an Körper in einem dunklen Club krasse Beats durch den Körper zu fühlen. Random auf der Club-Toilette Menschen aus anderen Städten kennenzulernen und pseudophilosophische Gespräche zu führen, um sich dann am Ende Komplimente zu geben und wieder auf die Tanzfläche zu gehen. All das ist seit Monaten, ja, seit einem Jahr nicht mehr möglich. Pamela Schobeß, die erste Vorsitzende der Clubcommission erklärt während der Pressekonferenz zu der Aktion Rettet die Berliner Clubs: „Es waren jetzt seit Verordnung dreizehn Monate, das heißt dreizehn Monate geschlossen. Das ist emotional und finanziell eine unheimliche Belastung für alle, die dran hängen und es hängen unheimlich viele Menschen dran. Es sind nicht nur wir Betreibenden, sondern eben auch die Künstler*innen, die Techniker*innen, unser komplettes Personal. Wir hängen alle in diesem Loch ohne Perspektive.“

Zwar konnten letztes Jahr im Sommer einige der Veranstalter*innen Angebote für Konzerte im Freien unter strengen Hygieneauflagen machen und damit beweisen, dass sie das, natürlich auch aus Eigeninteresse, umsetzen können. Aber wirklich rentabel war das Ganze für die Clubs nicht. „Dazu muss man sagen, dass die Sachen, die wir draußen machen, uns auch wirtschaftlich nicht weiterbringen. Auch da geht’s nicht ums Geld verdienen oder die Miete zu erwirtschaften, dafür reicht es alles nicht. Da geht es einfach darum, dass wir den Menschen was geben wollen“, erklärt die Vorsitzende der Clubcommission. Denn die Szene lebt für die Sache, sie brennt regelrecht dafür. Viele der Veranstalter*innen haben diesen Beruf bewusst ausgewählt und sind selbstständige Freigeister, die den Berliner*innen ein unheimlich tolles Feier- und Kulturerlebnis ermöglichen wollen. Das heißt, außergewöhnliche, kleine wie große Künstler*innen zu fördern, einzigartige Spektakel mit bunten Kostümen, Nebelmaschinen und ausgefallenen Lichtinstallationen auf die Beine zu stellen. Eine Welt zu schaffen, in die wir uns flüchten und einfach mal treiben lassen können.

Club

Aber leider sieht auch 2021 die Situation für die Branche nicht besser aus. „Wir haben alle darauf gehofft, dass wir im Sommer wieder nach draußen gehen können, weil es nicht schädlich ist wie die Wissenschaft bewiesen hat, aber im Moment sieht das auch schlecht aus“, merkt Pamela Schobeß an. Trotzdem kämpft die Clubcommission weiter für die Möglichkeit, Veranstaltungen im Freien auszuführen. “Im Nachhinein stellt sich heraus, dass Veranstaltungen und Treffen unter freiem Himmel die Lösung sind und nicht das Problem. Nicht die zahlreichen Open-Air Veranstaltungen im vergangenen Sommer haben zu steigenden Infektionszahlen geführt, sondern schlecht belüftete Innenräume wie private Wohnzimmer oder Großraumbüros”, erläutert Lutz Leichsenring, Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand des Vereins Clubcommission.

Dazu kommt aber noch, dass nicht jeder Club die gleichen Möglichkeiten hat, denn einige verfügen nicht einmal über Außenbereiche. Live-Clubs trifft es sogar noch härter: „Im Live-Programm musst du tatsächlich sechs bis neun Monate im Voraus planen. Auch jetzt werden die Veranstaltungen aus dem Herbst schon wieder verschoben, weil man es tatsächlich nicht planen kann. Das komplette Jahr 2021 wird auf keinen Fall normal sein“, so Schobeß. Fakt ist, dass viele Berliner*innen den ein oder anderen Club ins Herz geschlossen haben. Denn für uns ist das Berliner Nachtleben Teil des Alltags, Teil der Berliner Identität. Kaum vorzustellen, ein Berlin ohne die Clubs und Bars und die Szene. Wir können dich beruhigen, denn sie sind noch da. „Bis jetzt wissen wir von niemandem, der hat aufgeben müssen“, bestätigt Pamela Schobeß. Und das unter anderem dank dir! „Gerade am Anfang, als wir von einem Tag auf den anderen haben zumachen müssen, da war es unsere Community, unsere Gäste, die hinter uns stehen, die uns brauchen, die unser Wohnzimmer sind. Die uns auch über die Zeit gebracht und dankenswerter Weise ganz viel gespendet haben. Ohne diese Hilfe aus der Community und Künstler*innen hätten wir das nicht überlebt.“

Bar im Club

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Auch wenn die Situation entmutigend wirkt, mit einigen Projekten kannst du unsere Clubszene weiterhin unterstützen: Neben der Aktion United We Stream sammelte die Aktion Rettet die Berliner Clubs in den vergangenen Monaten mit selbstgebauten Gitarren-Kunstwerken mehrere tausend Euro für Musikclubs in Deutschland. Die Initiatoren Alex Molter und Michael Beckmann begannen mit der Idee schon 2020. Molter entwirft und baut die Gitarren mit Schriftzügen bekannter Bands, die dann auch von den Künstler*innen wie Rammstein, die Ärzte oder Seeed signiert und für viel Geld versteigert werden. Mit dem Erlös werden dann zu 100 Prozent die Clubs unterstützt. So hat auch schon das SO36 eine Finanzspritze von 1.510 Euro erhalten. Aber auch das Metropol, die Hafenbar Tegel oder das Lido waren glückliche Empfänger der Aktion. Auch wenn diese Aktionen wichtig sind und Solidarität bekunden, stimmen wir der Meinung des Senators Klaus Lederer, der für Kultur und Europa zuständig ist, zu: „Diese Aktionen sollten nicht dazu führen, dass die öffentliche Hand ihre Verantwortung nicht mehr wahrnimmt.“

Das Fazit lautet: Noch gibt es unsere Berliner Clubs. Ohne die Hilfe von Privatspenden, gerade zu Beginn von Corona, und die Novemberhilfen und Überbrückungshilfen des Senats hätten sie die Zeit bis jetzt nicht überlebt. Aber abgesichert sind sie Stand heute nur bis Juni. Was danach kommt, ist noch offen. Schließen musste bis heute noch kein Berliner Club, aber was ist, wenn sie ab Juli auf dem Trockenen sitzen? Planen lässt sich so also erst recht nicht. Ob wir in 2022 wieder in dunklen Clubs, Seite an Seite zu Techno-Beats werden tanzen können, wird sich leider erst noch zeigen …

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