Luxus in Tiergarten

Murkudis flüchtet auf die Potse

Murkudis flüchtet auf die Potse
Andreas Murkudis hat Berlin-Mitte geprägt und mit zu dem gemacht, was es heute ist. Doch dann wurde es dem Trendsetter dort zu kommerziell und er suchte das Weite. In einer Gegend, die sich noch immer im Dornröschenschlaf befindet.

Wenn Andreas Murkudis früher zur Arbeit ging, kamen ihm Menschen mit Designer-Brillen, Jutebeuteln und Latte in der Hand entgegen. Jetzt fährt er durchs Modeniemandsland zur Arbeit, durch die Potsdamer Straße. Ausgerechnet hier hat Murkudis, der Designerkleidung, Möbel, Accessoires und Objekte von Marken wie Dries Van Noten, Maison Margiela, E 15, Nymphenburg und natürlich die Kollektion seines Bruders Kosta Murkudis verkauft, seinen Laden eröffnet. Versteckt im Hinterhof des Hauses mit der Nummer 77–87 hat er den perfekten Ort gefunden: die alte Tagesspiegel-Druckerei. Seit 2003 steht die Halle leer.

Durch das Einfahrtstor, über dem noch der alte Tagesspiegel-Schriftzug hängt, geht es in den großen Hinterhof. Hier und in den anliegenden Gebäuden entwickelt sich eine kreative Enklave: Das Londoner Künstlerpaar Sue Webster und Tim Noble hat seine Galerie Blain Southern eröffnet, aus der Zimmerstraße ist der Prager Jiri Svestka mit seiner Galerie hergezogen und auch die Leipziger Maerz-Galerie betreibt hier ihre Berliner Dependance. Vis-à-vis der Druckerei steht die denkmalgeschützte Villa, in der im späten 19. Jahrhundert der Maler Anton von Werner arbeitete und lebte. Heute nutzt die Galerie 401 Contemporary die Villa.

Umzingelt vom Mainstream

Murkudis kennt die Ecke seit seiner Kindheit in den 70ern, als er mit dem Bus vom Wedding zur Sophie-Scholl-Schule nach Schöneberg gefahren ist. Heute wohnt Murkudis zwar immer noch in Mitte, beeindruckt aber ist er von der Ecke rund um die Potsdamer Straße. „Während sich Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg rasend schnell verändert haben, hat sich hier in den letzten 40 Jahren einfach nichts getan“, sagt Murkudis.

Dieser zumindest gefühlte Stillstand ist einer der Gründe, warum er sich hier so wohlfühlt. Denn Murkudis ist auf der Flucht – vor den Geistern, die er rief. Vor acht Jahren begann er, ein Imperium in der Münzstraße aufzubauen: Mode für Männer, Mode für Frauen, den Schiesser- und den Acneshop, Laden für Möbel, Design und Taschen. Nicht unwesentlich hat Murkudis so dazu beigetragen, dass sich Mitte zu dem entwickelte, was es heute ist: ein Anziehungspunkte für Kreative, Hipster und solche, die es gerne sein wollen. Mainstream-Filialen siedelten sich an, die Mieten stiegen, alteingesessene Mieter wie die Friseurin Ayfer und ein kleiner Espressoladen mussten aufgeben und plötzlich fühlte sich Murkudis umzingelt von Filialisten. „Ich bin Opfer meiner eigenen Arbeit geworden“, resümiert der gebürtige Grieche.

Alles Liebhaberstrücke

Er wollte raus aus dem Rummel und ist deshalb sofort begeistert gewesen, als er die stillgelegte Druckerei in dem ruhigen Hinterhof sah. 1000 Quadratmeter ist sie groß, die Wände sind sieben Meter hoch. Hier bringt Murkudis all das unter, was er vorher auf vier einzelne Läden verteilt hatte, nur der Acne- und der Schiessershop bleiben in Mitte, „denn diese Marken passen in das gegenwärtige Umfeld“, sagt Murkudis. Bevor er den Laden im Sommer 2011eröffnete, ließ er die Wände weiß streichen, neue Böden verlegen und große Panoramafenster einbauen. Durch die Scheiben schimmern die Kleider des Designers Dries Van Noten in ihren 143 Farben wie exotische Fische.

Ansonsten aber erinnert Murkudis’ Laden weniger an ein Aquarium und mehr an ein Museum der schönen Dinge – nur, dass es diese Dinge nicht nur zu bestaunen, sondern auch zu kaufen gibt: Ein mit Kalbsleder bezogenes Skateboard, handgestrickte Jacken für Kleinkinder, Edel-Obstler von der Schnapsbrennerei Stählemühle. Schokolade von der Manufaktur Erich Hamann, die Murkudis schon als Kind wegen des tollen Geschmacks und der schönen Verpackung lieber kaufte als die vom Discounter.

Er könnte den großen Raum noch deutlich voller packen. „Aber ich möchte den Sachen Luft zum Atmen geben und die Leute auch nicht überfordern“, sagt Murkudis. Hinter jedem Produkt stehe eine Geschichte, „und wenn man die erklärt, dann verstehen die Leute auch, warum die Sachen ihren Preis haben.“

Im Modeniemandsland

Auch die Hersteller schätzen Murkudis’ Liebe und Treue zu den Produkten. Zur Eröffnung haben viele deshalb spezielle Stücke angefertigt. Dries Van Noten schickte ihm beispielsweise 30 seiner schönsten Stoffe, aus denen sich die Kundinnen ihr individuelles Kleid schneidern lassen können.

Für solche Feinheiten reisen Kunden auch von der Mitte ins Modeniemandsland. Dass er mit seinem Umzug nun abermals einen Boom auslöst und ihm der Rummel aus Mitte in die Potsdamer Straße folgt, glaubt Murkudis nicht. „Hier werden keine 50 Bars und 20 Flagshipstores eröffnet, denn diese Ecke ist viel zu zäh, als dass sie aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden kann“, sagt Murkudis. Für 15 Jahre hat er die Druckerei erst mal angemietet. „Und ich gehe davon aus, dass ich nicht noch einmal flüchten muss“, sagt er. Nur einen Espressoladen wünscht sich Andreas Murkudis noch in der Ecke – Nonfat-Extra-Foam-Extra-Heat-Latte muss der aber nicht verkaufen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Andreas Murkudis, Potsdamer Straße 81, 10785 Berlin

Telefon 030 680798306

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Montag bis Samstag von 10:00 bis 20:00 Uhr

Andreas Murkudis

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