Interview mit Jochen Markett und Andi Weiland

"Kai Diekmann spielt mit Günter Wallraff Tischtennis."

Jochen Markett und Andi Weiland (v. l.) suchen die Komik im Alltag. Auch beim Interviewtermin fällt den beiden sofort das Schild um die Ecke auf. Ein ideales Fotomotiv.
Mitte - Das ist doch Realsatire! Ein Gedanke, den jeder schon einmal hatte – gerade in Berlin. Zwei Journalisten wollen der Komik des Alltags auf den Grund gehen. Ihr Ziel: Dass wir uns selbst nicht mehr so ernst nehmen.

Jochen Markett und Andi Weiland sind in fast allem ein Gegensatz: Markett ist groß, kurze Haare, glattrasiert und eine rheinländische Frohnatur. Weiland ist etwas kleiner, lange Haare, langer Bart, gebürtiger Berliner (also tendenziell weniger Frohnatur). Die beiden eint aber der Humor, der Witz in den Dingen des Alltags. Deswegen beschlossen sie vor einem Jahr, das Portal „Realsatire“ zu gründen und „Humorjournalisten“ zu werden. Noch bis zu diesem Mittwoch, 9. März, versuchen die Gründer eine Anschubfinanzierung von 11.111 Euro über ein Crowdfunding auf Startnext zu sammeln! QIEZ hat die beiden in einem Berliner Café zum Gespräch getroffen.

QIEZ: Welche Realsatire ist euch in letzter Zeit untergekommen?

J.M.: „Andi hat mir letztens was geschickt, von der BBC. Da gab es einen Naturwissenschaftswettbewerb für Mädchen – und gewonnen hat ein Junge.“

A.W.: „Ich mache Öffentlichkeitsarbeit für den Verein Sozialhelden. Da haben wir im Moment viel mit Barrierefreiheit und Inklusion zu tun. Da gibt es immer wieder haarsträubende Geschichten. In Zürich wurde ein Beschwerde-Briefkasten für Menschen mit Behinderung eingerichtet. Dieser Briefkasten ist nur über Treppen erreichbar. Das ist Realsatire. Und für mich ist in dem Moment interessant, wie es dazu kommen kann. Und dann zu sehen, ob man durch Satire auch was verändern kann.“

J.M.: „Und wir haben das Glück, durch unser Crowdfunding selbst eine Realsatire zu erleben. Bild-Herausgeber Kai Diekmann hat nämlich als Dankeschön ein Tischtennismatch gegen Günter Wallraff gebucht. Das zeigt, was Realsatire kann: Dass sich ehemalige Erzfeinde selbst nicht mehr so ernst nehmen, sondern ein wunderbares Match an Wallraffs Platte in Köln spielen. Das heißt nicht, das damit alle Rivalität ein für alle Mal beseitigt ist. Aber in dem Moment ist es ein schöner Kontrapunkt zum Ernst des Lebens. Deswegen wird das für uns ein passender Start für das Portal im Mai.“

Geht es bei eurem Projekt darum: Einen Kontrapunkt zum Ernst des Lebens zu setzen?

A.W.: „Ich glaube, die jetzige Lage ist schwierig. Menschen, die Geflüchtete in Bussen beschimpfen und andere Sachen: Das ist nicht mehr witzig und war es auch nie. Damit ist der Pessimismus da, man wird selbst ernster. Für mich ist Realsatire auch eine Art, da etwas zurückzugewinnen. Den ganzen Idioten humorvoll zu begegnen.“


Wie kam es denn zu diesem besonderen Dankeschön mit Günter Wallraff?

J.M.: „Ich kenne ihn seit einigen Jahren, ich habe mal eine Veranstaltung mit ihm moderiert. Danach haben wir festgestellt, dass wir beide Tischtennisfans sind und haben ein paar Matches gegeneinander gespielt. Als ich ihm nun von Realsatire erzählt habe, hat er sofort gesagt: Super Idee! Er erlebt selbst Realsatire bei seinen Recherchen und hat uns das Match dann als Dankeschön angeboten.“

Wieso setzt ihr überhaupt auf Crowdfunding?

J.M.: „Die Summe ist für uns erst einmal eine Anschubfinanzierung, um die ersten drei Monate starten zu können. Generell haben wir uns dafür entschieden, weil wir so das Portal schon vor Start bekanntmachen und auf eine Community zurückgreifen können. Wir merken jetzt schon, dass die Leute Lust drauf haben und uns Berichte zuschicken. In den drei Monaten müssen wir uns um eine Anschlussfinanzierung kümmern.“

A.W.: „Geld einzusammeln kostet immer Zeit und Energie. Crowdfunding auch, es ist aber der Kanal, der am meisten Spaß macht. Es ist toll, so eng mit der Community zusammenarbeiten zu können. Das birgt aber auch das Risiko, schnell beurteilt zu werden.“

Was macht ihr, wenn es mit dem Crowdfunding nicht klappt?

A.W.: „Weinen.“ (lacht)

J.M.: (lacht) „Als rheinischer Optimist gehe ich davon aus, dass es klappt. Aber dann müssten wir uns noch einmal zusammensetzen und überlegen, wie wir das Portal trotzdem an den Start bringen. Es wäre natürlich schwieriger, weil wir unsere ersten Recherchen nicht so intensiv finanzieren könnten.“

A.W.: „Wir hoffen darauf, dass jeder, der schon gespendet hat, sein gebuchtes Dankeschön unbedingt haben will und deswegen noch Freunde und Bekannte animiert, mitzumachen. Wir haben ja auch tolle Dankeschöns: eine Launch-Party, Postkarten vom Tischtennismatch oder eine Kneipentour mit uns beiden.“

Apropos: Sind die Getränke da inklusive?

(beide lachen)

J.M.: „Ja, wir finanzieren den Abend.“

A.W.: „Wir gehen nur in Kneipen, wo es billig ist. Deswegen machen wir es in Berlin. Nur Neuköllner und Kreuzberger Eckkneipen. Aber im Ernst: Wir werden für jeden, der die Kneipentour gebucht hat, eine eigene Tour zusammenstellen. Das sind jetzt schon total unterschiedliche Typen und das ist auch das Schöne an Berlin: Dass die Kneipenkultur so vielfältig ist. Wenn jede Tour anders ist, ist es auch für uns reizvoller. Wir vertrauen darauf, dass immer etwas passiert. Denn die besten Anekdoten des Abends sollen auf unserer Seite veröffentlicht werden.“

Ist Berlin die richtige Stadt für Realsatire?

J.M.: „Lorenz Maroldt, der Chefredakteur vom Tagesspiegel, hat in seinem Newsletter schon zum Start unseres Crowdfundings gesagt: ‚Welche Stadt wäre besser geeignet für die Gründung eines Realsatireportals als Berlin?‘ Darunter hat er die neuesten Kuriositäten vom BER gepackt – als erste kostenlose Inhalte für das Portal. Unter anderem deswegen ist Berlin die perfekte Homebase. Hier passiert jeden Tag etwas Skurriles. Aber wir gucken natürlich über Berlin hinaus, das ist unser Anspruch.“

Ein Witz zum Schluss?

J.M.: (lacht kurz) „Wenn man Wladimir Klitschko auf der Straße sieht, würde man ja auch nicht sagen: ‚Hau mir mal eine rein.‘ Aber das ist das Besondere bei uns: Wir sind nicht die Witzeerzähler, nicht die neuen Fips Asmussen. Wir sind Humorjournalisten, wir spüren die Pointe auf und lassen die Realität den Witz erzählen.“

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