Durch den Kiez

Die wahre Voice of Germany: Dietmar Wunder

Die wahre Voice of Germany: Dietmar Wunder
Der Schriftzug ist legendär und gehörte zum Optikergeschäft von Dietmar Wunders Vater. Zur Foto-Galerie
Es gibt Stimmen, denen würde man auch lauschen, wenn sie Telefonbücher vorlesen. Die von Dietmar Wunder gehört dazu. Wir trafen den Mann, der Hollywoodstars Sexappeal und Charisma verleiht, in seinem Kiez in Zehlendorf…

Ein Mann, ein Wort, eine Stimme: Dietmar Wunder ist jedem Cineasten und Hörbuch-Fan ein Begriff. Als Schauspieler steht er leider viel zu selten vor der Kamera, weil er als Synchronsprecher von Daniel Craig, Adam Sandler und vielen anderen Hollywoodgrößen fast im Dauereinsatz ist. Aber vielleicht erfüllt sich sein Kindheitstraum doch noch, tatsächlich selbst in einem James Bond-Film mitzuspielen. Schließich war es Sean Connery, der ihn für den britischen Geheimagenten und die Schauspielerei begeisterte…

Traumrolle: Bösewicht

Als wir Dietmar Wunder am Alliierten Museum treffen, können wir ihn uns jedenfalls sehr gut als klassischen Film-Bösewicht vorstellen. Er wirkt smart mit Jacket, Fliegerbrille und Käppi. „Leider hat der großartige Christoph Waltz gerade das Abo als Bond-Gegenspieler, aber wer weiß…!“ Dietmar Wunder lacht offen und wir merken, so etwas wie Neid kennt er nicht. Er ist ein positiver Mensch, der das Leben von seiner guten Seite zu nehmen weiß. Warum auch nicht? Er wohnt mit seiner Familie in einem der schönsten Kieze der Hauptstadt am Schlachtensee, ist einer der erfolgreichsten Synchronsprecher des Landes, liebt seinen Beruf, auch wenn er die Bühne gelegentlich vermisst: „Ich habe schon so lange kein Theater mehr gespielt. Dazu fehlt leider die Zeit. Aber die Live-Lesungen und Moderationen bringen mich zurück auf die Bühne und das ist schon toll.“

Dietmar Wunder vor dem Allliierten Museum.

Kindheit in Klein-Amerika

Während wir zum ehemaligen Truman Plaza spazieren, wo neben einer US-Tankstelle auch das Einkaufszentrum der in Berlin stationierten amerikanischen Soldaten lag, erzählt Dietmar Wunder davon, wie er anfangs gar nicht sicher war, ob er sich traut, Schauspieler zu werden. Zunächst machte er eine Ausbildung zum Optiker. „Mein Vater war Optiker in der dritten Generation. Seit 1905 gab es unser Hauptgeschäft auf der Potsdamer Straße, damals bis nach dem Krieg eine gute Geschäftsgegend“, erzählt Dietmar Wunder. „Als mein Vater den Laden in den 1970er Jahren übernommen hat, ist die Gegend zunehmend verkommen. Erst kam das Rotlichtmilieu, später die Hausbesetzer-Szene. Für mich als Jugendlichen war das spannend, für das Geschäft fatal.“ Eine zweite Filiale befand sich am Sozialpalast, Hauptstraße/Ecke Pallasstraße. Die dritte machte der Vater auf Wunsch der Amerikaner im erwähnten Einkaufszentrum in Zehlendorf auf.

Geblieben ist von der Optiker-Dynastie nach der Geschäftsaufgabe 2006 nur der Schriftzug Wunder, der Berliner Frühstücksbrettchen ziert, an denen die Familie aber nichts verdient… und Dietmars Erinnerungen: „Durch das Geschäft meines Vaters durfte ich als Deutscher auch in das Zentrum. Mit meinem eher kruden Schulenglisch versuchte ich einen Hot Dog zu bestellen. Das gelang zwar, allerdings verstand ich nie, was der Verkäufer mir entgegnete.“ Später leistete er sich sogar einen echten Baseball-Handschuh. „Der war cool, die Regeln kann ich aber bis heute nicht alle“, gesteht er und lacht.

Das rasante Denkmal, an dem Dietmar Wunder pausiert, erinnert an den Mauerfall.

Nach seinem Gesellenjahr fasste Dietmar Wunder doch endlich Mut, ging zur renommierten Schauspielschule von Maria Körber und begann schon bald, Erfahrungen auf der Bühne und im Synchronstudio zu sammeln. Nach der Abschlussprüfung ging es fließend weiter mit Engagements an der Komödie am Kurfürstendamm oder den mittlerweile geschlossenen Berliner Kammerspielen und im Synchronstudio. Auch in deutschen TV-Produktionen bekam er als junger Absolvent schnell Rollen.

Eine amerikanische Liebe

Die amerikanische Prägung seiner Kindheit setzte sich im Erwachsenenalter fort. Kurz nachdem die Amerikaner 1994 aus Berlin abgezogen waren, Kinos, Restaurants, die Tankstelle und sogar das Einkaufszentrum langsam verwaisten, reiste Dietmar Wunder in die USA. Davon erzählt er uns, während wir im Café Wiener Conditorei Platz nehmen, das in dem neu errichteten Zentrum an der Clayallee liegt. „Zunächst war ich nur kurz da“, erinnert sich Dietmar Wunder, „um einen Schulfreund zu besuchen.“ Im Jahr darauf reiste er zu den Dreharbeiten von dessen Abschlussfilm an der Uni in New York wieder an. Dort lernte Dietmar Wunder am Set seine große Liebe kennen: Mittlerweile ist er mit der gebürtigen Amerikanerin verheiratet – das Paar hat zwei Kinder, die zweisprachig aufwachsen und auf die John-F.-Kennedy-Schule gehen. „Selbst den Kindern gefällt es hier im Kiez, vor allem weil sie mit U- und S-Bahn schnell in die Stadt kommen.“ Dietmar Wunder lacht. „Ich versuche, meinen Kindern viel Freiraum zu lassen und passe nur auf, dass sie den Weg finden, den sie gehen sollen. Den Rest müssen sie dann schon allein machen, aber ich werde immer für sie da sein.“

Ihn wird man aus Zehlendorf nur noch mit einem Hollywood-Vertrag weglocken können. Hier fühlt er sich angekommen. „Du kannst morgens einfach von zu Hause los joggen und dich danach im See erfrischen“, schwärmt er. „Das ist toll.“ Außerdem gebe es immer wieder Neues zu entdecken wie zuletzt in der Nähe der Bruno-Taut-Siedlung: „Da liegt ein Gebiet kurz bevor der Wald anfängt, wo früher die Munitionsbunker der Amerikaner waren. Dort zeigt sich jetzt eine pittoreske Dünenlandschaft, die von den Anwohner Klein-Sylt genannt wird.“

Erholung am Schlachtensee

Wir laufen nun ein ganzes Stück, um zu einem von Dietmar Wunders Lieblingslokalen zu kommen: der Fischerhütte am Schlachtensee. Hier kannst du locker im Biergarten sitzen, die Kinder auf dem Spielplatz spielen und dich mit gestärkten Servietten im Restaurant bedienen lassen oder Oktoberfest feiern. Der Besitzer stammt aus Bayern. „Das Publikum ist gemischt und ich finde es herrlich entspannt hier“, sagt Wunder. In Mitte und anderen Szene-Bezirken trifft man ihn nur selten, wenn ein Event ruft oder ein neues Lokal aufgemacht hat. Ansonsten ist er durch und durch Westberliner.

Den Schlachtensee mag Dietmar Wunder bei jedem Wetter.

Raus aus dem Studio

Der Vorteil, nicht gleich von jedermann auf der Straße erkannt zu werden, geht langsam verloren. Seit einigen Jahren bekommen Synchronsprecher in Deutschland ein Gesicht. Ausstellungen wie Faces behind the Voices, vom Berliner Fotografen Marco Justus Schöler, Lesungen, die wachsende Fangemeinde und Hollywoodstars selbst holen die großartigen Stimmen aus der Dunkelkammer. Hugh Grant würde auch gern so sexy klingen wie in deutschen Synchronfassungen, Jack Nicholson bat um ein Treffen mit seiner deutschen Stimme und Adam Sandler ließ anfragen, ob Dietmar Wunder nicht auch die portugiesische Version übernehmen könne.

Neben seinem Wunsch, wieder mehr Zeit für die Schauspielerei zu haben, bleibt nicht viel offen, was der experimentierfreudige Schauspieler ändern wollen würde. Er fährt Ski, surft und spielt Tennis und er freut sich, bei Drehs Gelegenheit zu bekommen, etwas Neues auszuprobieren. Doch dann fällt ihm mit einem Blick über den Schlachtensee doch noch ein Kindheitstraum ein: mit einer Band auf der Bühne zu stehen und zu singen! Bei seiner wunderbaren Stimme wäre es für uns alle ein Gewinn, wenn er sich den Traum erfüllen würde.

Foto Galerie

Alliierten-Museum, Clayallee 135, 14195 Berlin

Telefon 030 8181990
Fax 030 81819991

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