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Alcatraz am Alex

Alcatraz am Alex
Blick ins Erdgeschoss des ehemaligen DDR-Gefängnisses in der Keibelstraße.
Alexanderplatz - Der Blog@inBerlin hat sich im ehemaligen DDR-Gefängnis in der Keibelstraße umgesehen. Klebebildchen, eingeritzte Wände und zugige Zellen erinnern noch immer an das Schicksal der Gefangenen, zu denen auch Kritiker des SED-Regimes gehörten.

Im Rahmen des diesjährigen Tags des offenen Denkmals öffnete auch das alte Polizeigefängnis in der Polizeidirektion in der Keibelstraße seine Pforten. Tritt man ein, wird man unweigerlich an amerikanische Gefängnisse in alten Spielfilmen erinnert. Links und rechts Zellen mit schweren Türen, einem Guckloch und einer Durchreiche, das ganze setzt sich grau in grau über sechs Etagen nach oben hin fort. Ein Netz auf Höhe der ersten Etage sichert den (un-)gewollten Sturz von Gefangenen von den Gängen um den Innenschacht ab. Die Zellen, die im Erdgeschoss und in der ersten Etage besichtigt werden konnten, sind klein – ein schmales Bett, ein Spind – mehr Platz gibt es nicht. In einigen Zellen sieht man noch ausgeschnittene Bilder von leicht bekleideten Frauen an der Wand kleben. In einer anderen hat ein Insasse seine Tage, die er hier zubrachte, gezählt, indem er sie in die Wand einritzte.

Das Polizeigefängnis in der Keibelstraße wurde 1949/51 als Untersuchungshaftanstalt II (UHA II) im Inneren des Ostberliner Polizeipräsidiums an Stelle eines kriegszerstörten Gebäudeteils nach amerikanischem Vorbild errichtet und galt als eines der sichersten und modernsten der DDR. Insgesamt war Platz für 214 Häftlinge in rund 140 Einzel-, Doppel- und Mehrinsassenzellen – die Anzahl war aber meist wesentlich höher, teilweise saßen fast 300 Personen hier ein.

Die größeren Zellen, von denen es zwei auf jeder Etage gibt, waren ca. 10 x 5 Meter groß und wurden mit zwölf Gefangenen belegt. Die sechste Etage war für weibliche Gefangene reserviert. Die Zellen waren wohl sehr zugig und nur schwer beheizbar. Sich tagsüber auf das Bett zu legen war verboten, genauso wie zu singen, vor allem aus dem Fenster hinaus – der Innenhof hat nämlich eine ziemlich gute Akustik. Auf dem von Mauern umgebenen Flachdach des Gefängnisses durften die Gefangenen ihre „Freistunden“ verbringen und konnten von hier aus den Fernsehturm sehen.

Gefürchtete Haftanstalt

Das Gefängnis war der Deutschen Volkspolizei (VoPo) unterstellt und zu DDR-Zeiten gefürchtet. Wer hierhin „zur Klärung eines Sachverhalts“ aufgrund „politischer Delikte“ oder wegen krimineller Straftaten gebracht wurde, musste mit strengen Verhören rechnen. Es traf also auch viele Menschen, die sich nicht an das SED-Regime anpassen wollten. DDR-Oppositionelle und politisch auffällige Jugendliche, d.h. „Asoziale“ und „Arbeitsscheue“ teilten sich ihre Zellen mit Mördern,  Bankräubern und Vergewaltigern – sie waren in den Augen der SED eben genauso „echte“ Kriminelle.

Wie viele Menschen letztendlich hier einsaßen lässt sich rückblickend nicht  mehr sagen – es werden wohl Zehntausende gewesen sein. Da es ein Untersuchungsgefängnis war, war die Zeit, die die Häftlinge hier verbrachten, relativ kurz. Mal nur ein paar Stunden oder Tage, mal ein paar Monate, bevor es weiterging in die „richtigen“ Strafvollzugsanstalten der DDR, z.B. nach Rummelsburg oder Bautzen.

Nach der Auflösung der DDR wurde das Gefängnis noch bis 1996 als „Polizeigewahrsam Mitte“ weiterbetrieben, teilweise auch als Abschiebehaftanstalt. In Ausnahmefällen wurden einzelne Zellen bis 2006 genutzt, etwa wenn Verhöre direkt im Haus stattfinden sollten. 2006 zur Fußball-WM überlegte man, den Zellentrakt zur zeitweisen Unterbringung von randalierenden Hooligans zu nutzen, dieser Plan wurde aber nicht in die Tat umgesetzt. Das Gefängnis diente seit 1996 auch als Kulisse in Filmen wie „Goodbye Lenin“, „Männerpension“ und tauchte in einzelnen Folgen der Serien „Polizeiruf 110“, „Tatort“ und „Die Autobahnpolizei“ auf. 

Zukünftig soll das Gefängnis als „Lernort“ für die politische Bildung dauerhaft zugänglich gemacht werden, weitere historische Aufarbeitung der Schicksale der damaligen Zeit wird durch die Robert-Havemann-Gesellschaft betrieben.

 

Dieser Text wurde uns zur Verfügung gestellt vom Blog@inBerlin (Autor des Artikels: Sunnykat), dem Blog für Geschichte/ Kultur und Freizeit in Berlin.


Quelle: Blog@inBerlin

Alcatraz am Alex, Keibelstraße, 10178 Berlin

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