Die Bibliothek der Humboldt-Universität in Mitte

Atmosphärisch hinreißend

Der Lesesaal mit spektakulärer Aussicht
Der Lesesaal mit spektakulärer Aussicht
Die Zentralbibliothek der Humboldt-Universität in Mitte ist nach modernsten Standards gebaut und eingerichtet. Für fächerübergreifendes Lernen müssen Wissensdurstige maximal das Stockwerk wechseln.

Es ist der letzte große Bibliotheksneubau in Berlin, der in großem Stil Lese- und Arbeitsplätze bietet. In der Ära des Internets mag so mancher Zeitgenosse den Bau der neuen Zentralbibliothek der Humboldt-Universität als unzeitgemäß empfunden haben. Immerhin befindet sich das Bibliothekswesen im größten Umbruch seiner Geschichte: Dass sich die Informationsvermittlung ins Internet verlagert, ist ein unaufhaltsamer Prozess, der die herkömmliche Institution Bibliothek offenkundig infrage stellt. Dennoch ist das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum ein Gewinn. Die neue Bibliothek war einer von Berlins architektonischen Höhepunkten des Jahres 2009.

Freier Zugang rund um die Uhr

Die traditionellen Funktionselemente von Universitätsbibliotheken oder anderen großen Bücherhorten sind Katalog und Ausleihe, der Lesesaal mit Präsenzbeständen und das interne Magazin. In Zukunft wird es wohl ausreichen, die Speicher und Server für die Online-Bereitstellung der Volltext-Scans auf dem aktuellen technischen Standard zu halten, damit die jährlich 95.000 Neuerscheinungen und fremdsprachigen Titel verwaltet und zugänglich gemacht werden können. Noch liegt dieses Szenario in ferner Zukunft, so jedenfalls die Überzeugung von Christoph Markschies, der zum Zeitpunkt der Einweihung des Grimmzentrums den Präsidentenposten der Humboldt-Universität innehatte. Noch findet längst nicht jeder Bibliotheksbesuch zu Hause am Bildschirm statt.

Als die Universität 1809 gegründet wurde, ging es darum, alle barocken Standesunterschiede auszuräumen. Seit dem Wintersemester 2009/2010 ist auch die neue Bibliothek, frei und kostenlos zugänglich, bis Mitternacht sogar, in Berlin eine Einmaligkeit. Das Ideal der Brüder Humboldt von der Einheit der Wissenschaften sieht Markschies zudem in der Vereinigung der geisteswissenschaftlichen Bibliotheken unter einem Dach verwirklicht: “Wenn ich mich mit Homer beschäftige, kann ich hier den Originaltext lesen, nebenan die Rezeptionsgeschichte zur Renaissancezeit und ein Stockwerk höher zeitgenössische Bearbeitungen studieren, ohne in andere Fakultätsbibliotheken wechseln zu müssen.“

Innenarchitektur von erstaunlich hohem Standard

Bevor sie in den stattlichen Neubau am Stadtbahnviadukt zwischen Planckstraße und Geschwister-Scholl-Straße zog, war die Uni-Bibliothek hundert Jahre lang Untermieterin der Staatsbibliothek Unter den Linden. Den Architektenwettbewerb für den Neubau gewann im Jahr 2004 der Schweizer Architekt Max Dudler. Wenn das Auge am Äußeren der nach den Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm benannten Bibliothek nicht lustlos abgleitet, so wegen der rhythmischen Gestaltung durch unterschiedliche Fensterformate. Hinter den schmalen Schlitzen sind Magazine aufgestellt. Die Fülle des Tageslichts ist dort eher nicht erwünscht. Die breiteren Fenster hingegen belichten die Leseplätze, die noch größeren Fenster die Sonderflächen.

Da der Architekt das Bauwerk um einige Meter vom S-Bahnviadukt abgerückt hat, ergibt sich ein angenehmer Stadtplatz als Vorfeld für den Haupteingang. Das Café im Foyer stellt im Sommer seine Tische hier auf. Im Inneren des Gebäudes herrscht eine gediegene Eleganz, die inzwischen eine Seltenheit bei öffentlichen Bauten geworden ist. Ein erstaunlich hoher Standard kennzeichnet die Juraböden und die mit amerikanischer Kirsche gefertigten Einbauten und furnierverkleideten Wände. Sorgfältig und handwerklich makellos sind die Detaillierungen umgesetzt. Dabei hat die auffällig gute Innenarchitektur das angesetzte Budget von 75 Millionen Euro nicht einmal überschritten. Man kann verstehen, wenn Bibliotheksdirektor Milan Bulaty von seinem schönen Haus schwärmt. Selten genug fällt der Begriff Schönheit in Zusammenhang mit zeitgenössischer Architektur.

Spielzimmer für die Kinder studierender Eltern

Eine gestalterische Einheit bildet die Innenausstattung zusammen mit der Architektur. Wände, Regale, Sitzgruppen und Studiertische sind am großen Raster des Gebäudes ausgerichtet. Die Tische haben exakt die Breite der Fensterzwischenräume, die Sitzbereiche genau jene der Fenster. So ergeben sich von allen Arbeitsplätzen aus freie Ausblicke mal in den Saal, mal in die Umgebung, über die Dächer der Stadt und in ihre Straßen.

Atmosphärisch hinreißend wirkt der Hauptlesesaal. Zusätzlich gibt es Gruppenarbeitsräume und 54 erstaunlich großzügige Einzelarbeitszellen. Die weiteren Arbeitsplätze sind überall im Haus verteilt, insgesamt sind es 1.250. Besonderes Interesse erregt ein Angebot, das sich an Studierende mit Kindern richtet: Im siebten Stock ist ein Eltern-Kind-Bereich mit Spielzimmer und Kinderbücherei ausgestattet. Das gibt den Eltern die Möglichkeit, in Ruhe zu studieren, während die Kinder beschäftigt sind.


Quelle: Der Tagesspiegel

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