Grundschulreform

Kinder und Eltern oft überfordert

Unreife Kinder sollen bei der ärztlichen Vorschuluntersuchung erkannt werden, aber Eltern müssen selbst einen Antrag auf Rückstellung abgeben.
Unreife Kinder sollen bei der ärztlichen Vorschuluntersuchung erkannt werden, aber Eltern müssen selbst einen Antrag auf Rückstellung abgeben.
In Berlin gehen die Kinder bereits mit fünfeinhalb Jahren in die erste Klasse. Eltern und Experten kritisieren das deutschlandweit einzigartige Projekt, da auch die Zahl der Kinder steigt, die in der Grundschule eine Klasse wiederholen müssen.

Schon das sogenannte Turboabitur versetzte die Gemüter in Wallung. Auch das Jahrgangsübergreifende Lernen (JüL) wurde von Erziehungsberechtigten und Experten argwöhnisch betrachtet. Nun gibt es eine weitere Reform: die frühe Schulpflicht. Zu dem Pilotprojekt, welches in keinem anderen Bundesland praktiziert wird, existieren keine vollendeten wissenschaftlichen Untersuchungen, wogegen Betroffene besonders protestieren. Immer mehr Eltern versuchen jetzt, eine Rückstellung für ihre Kinder zu erwirken.

„Die Eltern haben Sorge, dass ihr Kind zu jung ist“, fasst die zuständige Schulrätin von Steglitz-Zehlendorf, Karin Reich, zusammen. Ihr Bezirk verzeichnet einen wiederholten Anstieg der Anträge auf Rückstellungen um circa 20 Prozent. Ungefähr 220 Kinder sind somit laut ihren Eltern zu früh eingeschult.

Unreife Kinder besser vor Überforderung schützen

Nicht viel anders verhält es sich in anderen Bezirken. Trotzdem wird noch immer eine große Zahl an Kindern eingeschult, die damit überfordert sind. Nach der Rechtsprechung ist es aber nicht gestattet, Kinder, sind sie einmal in der Schule, wieder in den Kindergarten zu geben. Oft kritisieren die Pädagogen die Bezirksärzte, wenn unreife Kinder eingeschult werden – zumindest organisatorisch fällt diese Aufgabe jedoch nicht den Medizinern zu, sondern den Eltern, die den Antrag auf Rückstellung einreichen müssen.

„Die Eltern sind mit dieser Regelung überfordert“, äußert CDU-Bildungsexperte Stefan Schlede seine Bedenken. Ein „anderer Mechanismus“ müsse dafür sorgen, dass unreife Kinder nicht in die erste Klasse kommen, findet er. Er und auch Özcan Mutlu von den Grünen findet es unklug, dass bei der Grundschulreform weder JüL noch Früheinschulung je wissenschaftlich begutachtet wurde. „Es verfolgt Kinder ein Leben lang, wenn sie zu früh eingeschult wurden“, ist Mutlus Angst.

Mutlu und Peiritsch wollen das Verfahren umdrehen

Die Bildungsverwaltung beschwichtigte daraufhin, dass überforderte Kinder doch ein weiteres Jahr in der Schulanfangsphase verbleiben könnten. Mutlu ist davon nicht beeindruckt. Seiner Meinung nach wäre es besser, die Kinder gleich in der Kita zu behalten. Schließlich handele es sich dabei auch um Bildungseinrichtungen. Landeselternsprecher Güner Peiritsch sagte, er wisse von „keinem Befürworter“ des Berliner Sonderwegs, bei dem fünfjährige Kinder Schulpflicht haben. Er geht mit Mutlu konform in dem Wunsch, „das Verfahren umzudrehen“. Demnach wäre nicht die Rückstellungen, sondern die Früheinschulungen nur auf Antrag möglich.

Die ehrgeizige Grundschulreform von 2005 sei in ihrem Lauf gescheitert, weil es „im Kern keine Personalentwicklung“ gegeben habe, meint FU-Erziehungswissenschaftler Hans Merkens. Die Politik habe darauf gesetzt, dass die Lehrer mit den neuen Herausforderungen durch „Learning by doing“ fertig werden würden. Dies sei aber „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Fehleinschätzung gewesen“.

Mangel an Lehrern, Mangel an Fortbildung

Inge Hirschmann vom Grundschulverband sieht das Problem als hausgemacht, da die Reform nicht durch genügend neue Lehrstellen unterstützt worden sei. Mehr Zeit in der Kita sieht sie aber nicht als die richtige Lösung, „weil die Erzieherausbildung zu wünschen übrig lässt“. FU-Wissenschaftler Merkens erwidert darauf, dass es auch den Lehrkörpern an Schulen an einer „systematischen Fortbildung mangelt“. Daraus entstehe ein Mangel an Unterstützung für die „Risikogruppen“.

Wie weitreichend die Schwierigkeiten ausfallen, ist an den Einschulungsuntersuchungen zu erkennen. Berlinweit spricht jedes fünfte Kind schlecht Deutsch, in einigen Teilen jedes dritte – auch wenn die Eltern selbst deutsche Muttersprachler sind. Ein bildungsfernes Elternhaus erschwert bereits den Einstieg, wobei auch die Förderung in den Schulen auf diesem Gebiet Mängel aufweist. Dies hatte zur Folge, dass in diesem Schuljahr 400 von 2150 Kindern zum zweiten Mal die erste Klasse besuchen müssen. In der ganzen Stadt ist die Zahl der Kinder, die in der Grundschule ein Jahr wiederholen müssen 2011 auf 3800 gestiegen, was rund 16 Prozent ausmacht.

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Quelle: Der Tagesspiegel

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