Schadowstraße 10-11 in Mitte

Großkünstlers Erbe

Um Berlins letztes klassizistisches Künstlerhaus wurde mehr als zwei Jahrzehnte lang gestritten. Stets ging es darum, wie das Gebäude in der Schadowstraße 10-11 in Mitte am sinnvollsten zu nutzen sei.

Praktisch seit der Wende wird die Nutzung des Schadow-Hauses diskutiert. Ein emsiger Verein, die Schadow-Gesellschaft Berlin, sorgt sich um das Andenken des Akademiepräsidenten und Hofbildhauers Johann Gottfried Schadow am authentischen Ort. Mittlerweile steht tatsächlich das Haus mit frisch restaurierter, apricotfarbener Fassade da und scheint nur darauf zu warten, dass die Straße davor endlich wieder asphaltiert wird, damit sich seine Pforten für Besucher öffnen können.

In welchem Ausmaß das Haus frei zugänglich sein wird, ist indes noch nicht ganz klar: Seit 1997 ist das Haus Eigentum der Verwaltung des Deutschen Bundestags. Sie ließ es in den vergangenen Jahren denkmalgerecht sanieren. Als Bürogebäude möchte sie es in Zukunft nutzen. Die Verwaltung der Kunstsammlung des Bundestags soll hier einziehen, heißt es. Die Schadow-Gesellschaft will zwei Räume im Seitenflügel als Vereinslokal übernehmen. Das hätte der Vereinsmenschen Schadow sicher begrüßt.

Zur Zeit des Baus ein prunkvolles Haus

Schadow selbst hat sich im Gespräch über sein Haus einen „Hang zum Splendiden“ bescheinigt, damals besaß das Gebäude noch Fassadenschmuck aus Marmor. Ein Urteil, das nur aus dem sparsamen Geist der Zeit um 1800 heraus verständlich wird. Im Zeitalter des Fachwerkbaus, den der Architekturhistoriker Goerd Peschken unlängst als Architektur der Beherrschten bezeichnete, waren Bürgerhäuser in dieser Größe und Solidität äußerst selten. Alle Besucher der Hauptstadt gerieten bei ihrem Anblick ins Staunen. Heute wirkt das Schadow-Haus in der Schadowstraße 10–11 (bis 1836 hieß sie Kleine Wallstraße) ausgesprochen bescheiden, gerade im Vergleich zur nahegelegenen russischen Botschaft Unter den Linden oder zu den Investorenklötzen, die nach 1990 in der Friedrichstraße errichtet wurden.

Das Haus des Schöpfers der Quadriga auf dem nahen Brandenburger Tor wurde 1805 errichtet. Fürs Grundstück bekam Schadow das Geld von seiner jüdisch erzogenen Frau Anna Augustine, einer Juwelierstochter. Preußens König Friedrich Wilhelm III. spendierte das Baugeld. Der Entwurf für das Wohn- und Atelierhaus folgt, das ergaben neue Archivforschungen, einem Muster der preußischen Bauverwaltung. Damals war es preußische Baukunst von der Stange, heute ist es eine Rarität.

Künstler mit legendärer Gastlichkeit

Bereits durch seinen Hausherrn jedoch wird das Gebäude zum Unikat. Schadow war der erste klassizistische Großkünstler Berlins. Er hatte das Glück, 1764 in eine Zeit des Umbruchs, der Aufklärung und Antikenbegeisterung hineingeboren worden zu sein. In seinem Haus wurde – wie in nahezu jedem gutbürgerlichen Haus jener Zeit – zugleich gewohnt und gearbeitet. Souterrain und Erdgeschoss waren der der Familie vorbehalten, das erste Obergeschoss wurde vermietet, eine weitere Etage gab es damals noch nicht. In den Hofgebäuden lagen die Werkstatträume, zu denen auch die Gießerei und eine Schmiede gehörten. Der Garten war zu Schadows Lebzeiten eine Berühmtheit für sich, er fungierte quasi als geselliger Mittelpunkt des Hauses. Schadow führte Haus von legendärer Gastlichkeit. Selbst seine Schüler wohnten bei ihm.

Der zentrale Raum des Hauses war das Esszimmer, es war eines der ersten „Berliner Zimmer“, seine Decke war bemalt, als säßen die Speisenden in einer Weinlaube. Als König Friedrich Wilhelm IV. Schadow 1848 einen Orden überbrachte und das berühmte Interieur zu sehen wünschte, gab der Künstler ihm die patzige Antwort: „Weiß übermalt, war den Frauenstücken zu schmutzig geworden.“ 2011 haben Restauratoren Reste der Bemalung freigelegt.

Ein Stück Kulturgeschichte

Seinem künstlerischen Programm gemäß und als Werbung für die eigene Sache modellierte Schadow zwei Reliefs, die als Supraporten an die Fassade montiert wurden. Figurenreich erzählen sie die Geschichte der Bildhauerei von der Zeit der Antike bis zur Renaissance. Der tatsächliche Grund jedoch, warum das Schadow-Haus zukünftig wenigstens in einigen Räumen eine kleine Künstlergedenkstätte beherbergen sollte, ist im zweiten Obergeschoss zu finden. Felix, Schadows Sohn aus zweiter Ehe, ließ es 1851 aufsetzen.

Dort malte 1857 im Gartensalon Eduard Bendemann, der Ehemann von Schadows Tochter Lida, ein großes allegorisches Wandgemälde: „Die Künste am Brunnen der Poesie“. Das gut erhaltene und restaurierte Bild steckt voller Anspielungen. Einige der Figuren tragen die Züge von Mitgliedern der weitverzweigten Schadow-Familie. Berliner Bürger- und Kulturgeschichte, vereinigt in der Nussschale eines Raumes.


Quelle: Der Tagesspiegel

Schadow-Haus, Schadowstraße 10-11, 10117 Berlin

Das Schadow-Haus in Mitte: Hier wohnte der Künstler, der die Quadriga auf dem Brandeburger Tor schuf.

Das Schadow-Haus in Mitte: Hier wohnte der Künstler, der die Quadriga auf dem Brandeburger Tor schuf.

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