Debatte um Fördermittel für Berliner Kulturszene

Piraten attackieren Zuschüsse für Deutsche Oper

Christopher Lauer, der innen- und kulturpolitische Sprecher der Piraten
Christopher Lauer, der innen- und kulturpolitische Sprecher der Piraten
Die Piratenpartei will, dass die Zuschüsse für die Deutsche Oper gestrichen werden. Andererseits werden die Rufe freier Kulturschaffender nach Fördermitteln immer lauter. Wie lässt sich die Debatte um die Gelder für die Berliner Kulturszene auflösen?

Schuld hat die Amme. Sie hat falsch gehört, und so wurde der junge bürgerliche Frederic nicht zum pilot, sondern zum pirate ausgebildet. Und weil sich das in einer viktorianischen Musiktheater-Klamotte von Gilbert und Sullivan ereignet, „The Pirates of Penzance“, geht die höchst verwickelte Angelegenheit letztendlich bestens aus, mit Heirat und allerlei Tamtam. Auch die Berliner Piratenpartei, in nicht wenigen Bereichen der Politik noch genauso hoffnungsvoll wie ahnungslos, spielt im Abgeordnetenhaus lustig auf. Sie beantragt, dass die Bezuschussung der Deutschen Oper gestrichen wird, weil sie nur auf Kosten zahlreicher kleiner Projekte finanzierbar sei.

Muss Berlin drei Opern haben?

Schließlich geht es um 39 Millionen Euro im Jahr. Mit diesem Geld könne man mittellose Künstler unterstützen oder freie Projekte fördern. Mit einem Teil des Geldes könne man auch Kunstwerke digitalisieren. Also fertig zum Entern, möge das Haus in der Bismarckstraße dahin gesteuert werden, wo die Titanic wartet. Unten am Meeresboden! Diese tragische Geschichte ist schon einmal vertont und mit prächtigem Erfolg an der Deutschen Oper aufgeführt worden; lang ist’s her.

Oper als Gattung ist ein Vielfraß, sie verleibt sich alles ein – auch eine Menge Geld. Darum gerät sie hin und wieder ins Visier von Piraten und anderen Zeitgenossen mit Augenklappen. Kommt sie also zurück, die bekannte Diskussion: Muss Berlin drei Opernhäuser haben? Nun, Berlin hat drei große Opernhäuser und zusätzlich einige kleinere, sehr gute Spielstätten für Musiktheater. An der Deutschen Oper und an der Komischen Oper fangen im Herbst neue Intendanten an, weitreichende Pläne für Modernisierungen liegen vor. Und die Staatsoper freut sich allerorts großer Beliebtheit. Sie kommt in derartigen Seifenopern kaum einmal vor.

Freie kulturelle Szene fordert mehr Unterstützung

Doch es gibt eine Stimmung, die sich dem angeblich Etablierten entgegenstemmt, es meldet sich ein Überdruss an unserem weltweit einzigartigen kulturellen Fördersystem zu Wort. Die Piratenpartei stimmt das alte Opernhasser-Lied neu an, und eine freie Szene in der Stadt fordert vom Senat eine beweglichere Haltung – mehr Förderung für ihre Künstler, Häuser, Projekte.

Das Verwunderliche und das Herausragende dieser Debatte besteht darin, dass auf allerhöchstem Niveau geklagt wird. Die Berliner Kultur blüht, auch finanziell geht es ihr prächtig, summa summarum, im internationalen Vergleich. Doch nicht allen geht es gleichermaßen gut. Die Kulturlandschaft der Hauptstadt blüht, und die Aussage wird nicht dadurch falsch, dass man sie oft wiederholt. Im Prinzip geht die Frage jetzt dahin, wie die kreative Kraft Berlins zu bewahren ist.

Staatliche Häuser und freie Gruppen kooperieren

Der „Spiegel“ bezeichnet das Ballhaus Naunynstraße, das HAU und das Maxim Gorki Theater als die Motoren der Veränderung Berlins. Alle drei werden vom Staat subventioniert, sind sehr erfolgreich, alle drei Häuser sehen einem personellen Neubeginn entgegen. Sie sind verwaltungstechnisch nicht Teil der freien Szene, jedoch durchaus in politischer und künstlerischer Hinsicht. Wenn Sasha Waltz mit ihrer Compagnie an der Staatsoper tanzt, dann handelt es sich um das Gastspiel einer freien Gruppe, die vielleicht noch dazu eine Koproduktion mit dem Apparat der Staatsoper unterhält.

Diese Beispiele verdeutlichen, wie sehr man die Begriffe missverstehen kann. Während die riesigen Tanker immer mehr in eine gemeinsame ästhetische Richtung steuern, die in früherer Zeit einmal das Off war, das Experimentelle, fordert die freie Szene, wie das Radialsystem und Sasha Waltz, immer mehr Fördermittel vom Staat, legen die Freien klassische Programme mit neuen Ideen auf. Beide Seiten liegen richtig, sie haben auch gar keine andere Wahl. Und der Berliner Senat sollte verstehen, dass diese privaten, professionellen Initiativen mehr werden. Und dass es der Stadt guttut.

Unternehmersinn der Freien hat Ideologien abgelöst

Unkompliziert kann dieser Konflikt entschärft werden. Tatsächlich müssen das Maxim Gorki Theater und das HAU mehr Förderung erhalten. Sie haben sich vom Rand ins Zentrum vorgearbeitet, prägen Stile. Auch eine private Institution wie das Radialsystem benötigt mehr Mittel. Mit einigen Millionen Euro – vielleicht aus einer Tourismussteuer? – kann man extrem viel bewirken. Es kostet nicht die Welt, eine zufriedenstellende Balance zu schaffen zwischen den großen Häusern und den Freien, die aufeinander angewiesen sind.

Nett, wie der Regierende Kultursenator Klaus Wowereit dem BMW Guggenheim Lab den Roten Teppich ausrollt. Er könnte noch ein paar Meter extra ordern, um sie vor den Laboratorien zu verlegen, die schon auf Hochtouren laufen. Die freie Szene zu fördern war immer so schwer wie nötig in dieser Stadt. Nur muss es diesmal flotter gehen. Mittlerweile sind die Freien keine Ideologen mehr, dafür Unternehmer und Partner. Piraten mit Kapitänspatent.


Quelle: Der Tagesspiegel

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