Utopie im Kiez

Der Tag des guten Lebens

Der Tag des guten Lebens
Einen Tag lang können Bewohner dreier Berliner Kieze womöglich bald selbst entscheiden, wie sie ihre Gegend gestalten.
Wie sieht gutes Leben aus? Das entscheidet jeder Kiez am Tag des guten Lebens selbst. Drei Kieze in Lichtenberg, Neukölln und Wedding sollen 2020 für einen Tag autofrei und selbstverwaltet zusammen feiern.

Ein Kiez ohne Autos, den die Nachbarschaft einen Tag lang selbst verwaltet. Wo die Menschen gemeinsam an langen Tischen sitzen und Essen und Trinken teilen. Denn kaufen kann man nichts an diesem Tag, nur verschenken – egal ob Gegenstände oder Erlebnisse. Hört sich nach einer Utopie an? In Köln fand der Tag des guten Lebens bereits zum fünften Mal statt und wurde mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis der Stiftung nebenan.de ausgezeichnet. Nun sollen am 17. Mai 2020 zeitgleich der Neuköllner Körnerkiez, der Brüsseler Kiez im Wedding und der Lichtenberger Kaskelkiez den sozialen Versuch in Berlin starten.

Initiator ist Davide Brocchi aus Köln, der für das Projekt brennt und viele ehrenamtliche Stunden dafür investiert. „Der Tag des guten Lebens ist ein Tag der Demokratie und der Nachhaltigkeit“, sagt der 49-Jährige. „Ich verbinde Nachhaltigkeit nicht mit Verzicht und einer zusätzlichen Fremdbestimmung, sondern eher mit Emanzipation.“ Davide will zeigen, dass man den Bürgern durchaus Verantwortung zutrauen kann und – wie die erfolgreiche Umsetzung des Tages des guten Lebens in Köln beweist – dadurch kein Chaos ausbricht.

Das Ziel des Projekts ist es aber, Veränderung von unten anzustoßen. „Ich sehe das Ganze als Realexperiment. Der Tag des guten Lebens bietet den Raum, um Transformation von unten zu lernen. Dazu gehört auch die Frage, wie wir zusammenleben können.“ Das soziale Projekt entstand 2011, als der Sozialwissenschaftler den Wettbewerb Dialog Kölner Klimawandel gewann. Seine Idee hieß damals zwar noch anders, doch daraus entwickelte sich schließlich der Tag des guten Lebens. Und dieser fand in der Kölner Bevölkerung großen Zuspruch. „Irgendwie trifft diese Idee einen Nerv der Zeit“, so Davide.

 

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Straßen als Kreativfläche

Natürlich sieht gutes Leben für jeden anders aus: Während es für Familien vielleicht bedeutet, dass ihre Kinder sicher auf der Straße spielen können, wollen ältere Menschen einen Ruhebereich und junge Menschen eine Straße voller Musik, Essen und Spaß. Nachhaltigkeit findet hier nicht als Öko-Diktaktur statt, sondern bietet Freiräume. Damit alle Kiezbewohner am 17. Mai 2020 einen guten Tag haben, wird der Kiez in verschiedene Zonen aufgeteilt. Nur die Autofahrer müssen an diesem Sonntag die Zähne zusammenbeißen: Die Autos sollen stehen bleiben oder umgeparkt werden. Dafür werden leer stehende Parkplätze umliegender Supermärkte und Firmen zur Verfügung gestellt.

Das Programm für den Tag wird unter dem diesjährigen Motto „nachhaltige Mobilität“ von den Anwohnern selbst zusammengestellt. So können sie sich damit auseinandersetzen, wie sie zusammenleben wollen und wie nachhaltige Mobilität funktionieren könnte. In Köln beispielsweise gab es eine Lesung mit Texten der Bewohner, die darin erzählten, wie sie ihren eigenen Kiez erleben. Ein „Wohnzimmer unter freiem Himmel“ soll der Tag laut Davide werden, mit Bildung aber auch Spaß.

Im Körnerkiez betrifft der Tag des guten Lebens 13 Straßen, die gesperrt werden und tausende Einwohner. Die Selbstverwaltung des Kiezes beinhaltet für die Bürger aber nicht nur Rechte, sondern auch ein paar Pflichten – zum Beispiel für Straßenabsperrungen, -reinigung und als Ordnungshelfer. Doch je mehr Menschen in der Nachbarschaft kleine und große Aufgaben teilen, desto kleiner wird die Last für den Einzelnen. Am Ende erfahren die Menschen so, wie viel sie gemeinsam stemmen und wie radikal sie den Kiez ändern können. Nur wenn die Nachbarschaft zusammenarbeitet, kann diese gesellschaftliche Utopie Realität werden. „Nur wenn die Menschen kooperieren, können sie gemeinsam viel ändern und das individuelle Gefühl der Ohnmacht in kollektive Macht umwandeln“, ist Davides feste Meinung.

 

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„Soziale Schichten bleiben oft unter sich“, so der Initiator des Projekts. Beim Tag des guten Lebens gehe es darum, diese Selbstbezogenheit von Gruppen und Bereichen aufzubrechen. Denn die unsichtbaren Mauern gebe es oft auch in der Nachbarschaft. „Wenn man Vertrauen fördert, ist das die Voraussetzung für Nachhaltigkeit, zum Beispiel durch das Teilen des Autos oder der Bohrmaschine. Vertrauen ist aber auch die Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Wir kommen nicht weiter, wenn Menschen denken, dass Nachhaltigkeit eine Form der Fremdbestimmung ist“, erklärt uns Davide.

Bisher hat der Tag des guten Lebens in Köln in kreativen oder wohlhabenden Quartieren stattgefunden. Doch welche Wirksamkeit haben solche Ansätze in Quartieren, die noch sozial gemischt sind und wo die Nachbarschaftsstrukturen noch nicht so ausgeprägt sind? Gerade den Kiez im Wedding findet er deshalb besonders spannend. „Am Tag des guten Lebens gibt es keine Türken und keine Deutschen, keine AFD- oder Grüne-Wähler, sondern nur Nachbarn“, sagt der 49-Jährige.

Kein Event, sondern Katalysator für Nachhaltigkeit

Um einen möglichst großen Querschnitt der Kiezbewohner zu erreichen, finden die Treffen an unterschiedlichen Orten statt: mal in der Moschee, mal in der Schule und mal im Theater. Der Weg ist bei diesem Projekt das Ziel, schließlich soll die Nachbarschaft zusammenwachsen und im Kiezrat mitbestimmen. „In Köln erzählte mir eine Bewohnerin, dass sie seit dem Tag des guten Lebens jeden Morgen 15 Minuten länger braucht, um zum Bäcker zu gehen, weil sie ständig von Menschen aufgehalten wird, die sie vorher nicht kannte“, erzählt Davide.

Ein schönes Beispiel für das Sozialkapital und die Veränderung, die das Projekt im Kiez bewirken kann. Schließlich ist der Tag des guten Lebens kein Event, sondern ein Katalysator für Nachhaltigkeit. Die Stadt werde immer stärker kommerzialisiert und von Autos besetzt. Dabei gebe es ein starkes Bedürfnis der Menschen nach Räumen, wo Nachbarschaft gepflegt wird. Ein Bedürfnis, das auch andere Akteure in Berlin erkennen: Schon 42 Organisationen unterstützen den Tag des guten Lebens und die Berliner Linke, SPD und Grünen wollen das Projekt in der BVV durchsetzen. Sollte der Tag also wirklich stattfinden und ein voller Erfolg werden, könnten in den nächsten Jahren andere Kieze folgen.

 

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Wer dieses Projekt spannend findet und unterstützen will, kann zu einem der nächsten Treffen kommen. Erkundige dich einfach auf der Facebook-Seite von TagdesgutenLebens, wann sich dein Kiez das nächste Mal trifft. Du kannst übrigens auch gerne mithelfen, wenn du nicht in einem der drei Kieze wohnst.

 

 

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