MC René

Vom Rapper zum Reisenden

Vor zwei Jahren lebte er noch in einer WG im Prenzlauer Berg. Heute kennt der ehemalige Rapper und Callcenter-Mitarbeiter René El Khazraje keinen festen Wohnsitz mehr. Er tourt als Comedian durchs Land und hat seine Erfahrungen mit dem Leben im Zug in einem Buch festgehalten.

Wo für andere der Stress beginnt, kann sich der 35jährige René El Khazraje so richtig entspannen. Die bequemen Sessel in der DB Lounge am Berliner Hauptbahnhof sind sein Hort der Ruhe. Vor ihm dampft an diesem Vormittag eine Tasse heiße Schokolade, zu seinen Füßen steht ein prall gefüllter Reiserucksack. Gelassen verfolgt der dunkelhaarige Mann das Treiben vor den Fenstern des Ruheraums: Menschen streben zu den Rolltreppen, Familien beeilen sich, den gebuchten Zug rechtzeitig zu erwischen. René erscheint wie ein Ruhepol in all der Hektik.

Doch wenn er wollte, könnte der in Braunschweig geborene ehemalige Rapper jederzeit in einen der davonrauschenden Züge steigen. Er ist stolzer Besitzer einer Bahncard 100. Vor etwa zwei Jahren gab der Musiker sein Zimmer in einer Wohngemeinschaft im Prenzlauer Berg auf, um die monatlich 350 Euro für die höchste Klasse der Bahncard aufwenden zu können. Nachdem seine Karriere als Musiker und Viva-Moderator in den 90er Jahren ihren Höhepunkt erreicht hatte, ging es für den bekannten MC René bergab. War er vorher mit Bands wie Absolute Beginner oder Fettes Brot aufgetreten, so arbeitete er nun als René El Khazraje in einem Callcenter.

Nachdem auch die letzten finanziellen Reserven aufgebraucht waren und das Leben in der telefonischen Dienstleistungsbranche für MC René seinen Reiz zu verlieren begann, entschloss er sich zu einem radikalen Schritt: „Vielleicht wäre ich nie auf die Idee gekommen, für eine Bahncard 100 alles aufzugeben, wenn ich nicht vorher in einem Callcenter gearbeitet hätte.“

Im Zug zuhause

In seinem Buch „Alles auf eine Karte: Wir sehen uns im Zug“ beschreibt der ehemalige Promi, wie er auf die Idee kam, sein Zuhause für eine Bahncard aufzugeben und eine Karriere als Stand-Up-Comedian aufzubauen. Bis heute reist er ungebunden durch Deutschland, wäscht seine Kleidung bei der Mutter in Braunschweig, organisiert Auftritte und schaut immer wieder bei verstreuten Freunden vorbei. Auch diese Reiseerfahrungen sind Gegenstand seines Buches.

An die ersten Schritte in die absolute Unabhängigkeit erinnert sich der ehemalige Rapper: „Ich war ja vorher als Künstler die stetige Unsicherheit schon gewöhnt, deshalb konnte ich damit gut umgehen.“ Die Improvisation beherrschte er außerdem und auch vor Auftritten in westfälischen Fußgängerzonen oder pfälzischen Landgasthäusern schreckte der früher so bekannte Musiker nicht zurück.

Seine Beharrlichkeit scheint sich auszuzahlen: Heute besuchen teilweise einige hundert Zuschauer die Kleinkunst-Shows von MC René. Doch an einen festen Wohnsitz will er sich auch nach knapp 150.000 Kilometern auf den Gleisen und mehr als 100 Auftritten nicht gewöhnen. Das Leben im Zug ist zu einer Lebenseinstellung geworden. „Natürlich wird dieser Weg irgendwann ein Ende haben und ich werde wieder eine Wohnung mieten. Aber wann, steht noch nicht fest“, so der Kabarettist und Autor.


Quelle: Der Tagesspiegel

Vom Rapper zum Reisenden, Europaplatz 1, 10557 Berlin

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