Berliner Perlen

Der sprechende Flanierstock

Der sprechende Flanierstock
Lo Graf von Blickensdorf mit Begleiterin und Flanierstock auf der Kantstraße. Zur Foto-Galerie
City West - Der sympathische Self-Made-Graf Lo Graf von Blickensdorf lebt seit drei Jahrzehnten im Kiez um den Klausenerplatz - und kennt sich nicht nur in der City West ziemlich gut aus. Den QIEZ-Lesern berichtet er regelmäßig von besonderen Adressen, spannenden Begegnungen und persönlichen Lieblingsorten in Berlin. Diesmal: über gekonntes Flanieren und den besten Kaiserschmarren von Berlin.

Ich saß am Schreibtisch und sah, wie sich mein Flanierstock in der Zimmerecke unruhig hin und her bewegte. Plötzlich sagte er mit tiefer Stimme: „Ich möchte mal wieder flanieren!“ Als ich ihn erstaunt ansah und auf einen Berg Cartoon-Entwürfe und auf den Sommerregen vor dem Fenster meines Elfenbeinturms deutete, fügte er energisch hinzu: „Los, ruf‘ deine Bekannte aus dem Grunewald an, sie soll uns mit ihrem dicken Jaguar abholen und dann flanieren wir alle drei.“

Was ist eigentlich genau Flanieren, wird der geneigte Leser jetzt fragen. Und geht das heute auch noch? Nun, heute nennt man das etwas banal „Spazierengehen“. Doch Flanieren ist mehr. Man schlendert gemach und planlos umher, verweilt mal hier und mal da. Das ist Flanieren. Umso besser, wenn man dann noch von einer hübschen, charmanten Dame be­gleitet wird.

Nachdem meine Bekannte aus dem Grunewald ihren „dicken Jaguar“ auf der Kantstraße in Höhe des Savignyplatzes geparkt hatte, hörte es auf zu regnen. Der Wind zerstob die Wolken ein wenig, so dass die Sonne genügend Raum hatte, uns ihre Wärme zu schenken. Wir schlenderten entspannt über das Trottoir der Kantstraße, das noch vom zuvor gefallenen Sommerregen ein wenig dampfte. Die Luft roch sauber wie ein frisch gewaschenes Oberhemd. Da wir beide schöne Dinge lieben, beschlossen wir, als erstes das „Stilwerk“ aufzusuchen. Dort schlenderten wir gemächlich durch die fast menschenleeren Etagen, weil Sonntag war, ließen uns von den diversen Designerstücken verzaubern und wurden dann noch in der oberen Etage im Bechstein Centrum von einem unbekannten Pianisten mit Chopin verwöhnt. Herrlich!

Vulkanisch heißer Kaffee

Dann bummelten wir weiter über die Kantstraße am Delphi Filmpalast, dem Jazzclub Quasimodo und dem prachtvollen Theater des Westens vorbei und kamen an die Ecke Joachimsthaler Straße/Kantstraße, wo sich einst die Beate-Uhse-Schmuddelecke befand und die nun eine riesige Freifläche ist. Das Gebäude wurde erst kürzlich abgerissen, um Platz für ein schöneres Bauwerk zu machen. Alles wirkte um den Bahnhof Zoo plötzlich so anders, so unwirklich. Und sehr befremdlich.

Im Romanischen Café des Waldorf Astoria Hotels mussten wir uns daraufhin erst einmal etwas stärken und tranken zwei Cappuccino. Dazu gab es aus der hauseigenen Patisserie ein gebackenes Küchlein, das überaus schmackhaft war. Eine hübsche Idee. Ein kleiner Wermutstropfen jedoch war, dass der Cappuccino meiner Bekannten aus dem Grunewald lauwarm war, während der meinige glühendheiß war. Noch nach zehn Minuten hatte ich beim Trinken das Gefühl, ich küsse den pyroklastischen Strom des Vesuvs. Wir beschwerten uns aber nicht, denn wir wollten weder der netten Bedienung noch uns den schönen Tag versauen und ein paar Geheimnisse musste es ja noch auf der Welt geben.

Wir lustwandelten auf der anderen Straßenseite wieder zurück in Richtung Savignyplatz, denn am Waldorf Astoria endet die Kantstraße. Vorbei am mit einer Kuppel überdachten Kaufhaus Karstadt Sport  (das ehemalige Bilka-Kaufhaus), vom Volksmund auch „Groschen-Moschee“ genannt, und weiter an der Rückseite des Neuen Kranzler Ecks vorbei – futuristische Architektur aus Stahl und Glas. Wir stellten erfreut fest, dass es endlich mit der Kantstraße (früher auch „Kleiner Ku’damm“ genannt) wieder aufwärts ging, denn nach der Wende 1990 verkam sie zur Billig-Import-Export-Meile und hatte ein Schmuddelimage.

Restaurant mit Bildern vom Oberkellner

Es war spät geworden und wir warfen auf dem Pflaster der Kantstraße schon lange Schatten. Meine Bekannte aus dem Grunewald verspürte ein leichtes Hüngerchen und auch ich musste nach so vielen Eindrücken etwas zu mir nehmen. Da passte es gut, dass wir ge­rade an einem Restaurant mit einladend weißgedeckten Tischen namens „Wiener Beisl“ vor­beikamen. Direkt neben der legendären Paris Bar. Da wir beide sehr Wien-affin sind, waren wir uns schnell einig. Rein mit uns!  Auf der Türschwelle stand in Marmor gemeißelt: „IN GIRUM IMUS NOCTE ET CONSUMIMUR IGNI“. Das ist ein lateinisches Palindrom (ein Satz, den man von vorne und hinten lesen kann): „Wir schweifen des Nachts im Kreis umher und verzehren uns im Feuer.“ – das passt gerade zu meinem Zustand, dachte ich, denn meine Oberlippe brannte noch von dem glühend heißen pyroklastischen Cappuccino aus dem Romanischen Café. Wir betraten die gastlichen Räume und wurden sofort von einem sehr freundlichen Oberkellner an einem wunderschönen Tisch am Fenster platziert. Ich stellte meinen Flanierstock in eine Ecke und wir schauten uns um. Das liebevoll zusammengestellte Interieur erinnerte uns an eine Mischung aus Wiener Kaffeehaus, Künstlerlokal und Nobelrestaurant. Chapeau!

In einer Ecke erregten professionell gemachte Fotos meine Aufmerksamkeit. Ich erfuhr, dass sie der Oberkellner gemacht hatte. Er stellte sich mit „Christian Schneegaß“ vor, Ober­kellner und Fotograf. Ich mochte seine Auffassung von Fotografie und bestellte bei ihm mein Lieblingsgericht „Gekochter Rindertafelspitz mit Krensoße auf Kartoffelstampf“ (18 Euro) und meine Bekannte aus Grunewald wählte als Halbfranzösin selbstverständlich die Käse­platte (9,50 Euro). Selbstverständlich tranken wir dazu den passenden Wein – einen Grüner Veltliner. Der Tafelspitz war grandios! Wunderbarstens die Kombination von Kartoffelpüree und Meerettichsoße, die sich in meinem Mund zu einer Mozart-Symphonie vereinigten. Dazu das butterzarte Rindfleisch – ein Traum!

Im Dessert-Paradies

Kaiserschmarren im Wiener Beisl (c) Blickensdorf
Auch meine Bekannte aus Grunewald war sehr zu­frieden mit der Auswahl der Käsesorten. Und wenn das eine Halbfranzösin sagt, hat das Gewicht! Doch dann kam zu unserer Überraschung noch ein Gruß aus der Küche – serviert von Chefkoch Hans Cela persönlich: Kaiserschmarrn „Beisl Art“, mit Mandeln, Rum-Rosinen, Zwetschkenröster und einer Kugel Vanilleeis. Nach dem ersten Bissen war meine pyroklastisch-verbrannte Oberlippe schnell vergessen und ich schwebte im siebten Dessert-Himmel! Der beste Kaiserschmarrn meines Lebens! Fabulös!

Am Nachbartisch saß ein Australier mit seinen Leuten, der uns freundlich bat, ein Foto von uns machen zu dürfen. Wir kamen uns etwas wie seltene Tiere vor. Aber egal. Gerade als wir uns in Pose gestellt hatten, rief mein Flanierstock aus seiner Ecke: „Ich will auch mit auf’s Bild!“ Also holte ich ihn dazu und der Australier war selig.

Nachdem uns der fotografierende Oberkellner Schneegaß mit allerlei geistreichen Bonmots galant verabschiedet hatte, ohne zu vergessen, uns vorher auf den Bürgersteig hinzuweisen, das sei „Goldener Boden“, denn schon Harald Juhnke, Hildegard Knef, Horst Buchholz, Marlene Dietrich, Maxiimilian Schell und, und, und seien hier entlanggelaufen. Dann gingen wir, gut gestärkt und guter Dinge, an der Paris Bar vorbei, wo gerade Rolf Eden in hübscher Damenbegleitung gutgelaunt aus seinem offenen Rolls Royce stieg. Weiter am legendären „Schwarzen Café“ vorbei, in dem man 24 Stunden am Tag Frühstücken kann und dann zurück zum dicken Jaguar meiner Bekannten aus dem Grunewald, der im warmen Laternenlicht still vor sich hin funkelte und wir stellten fest: Die Kantstraße ist ebenfalls ein Palindrom; man kann sie in die eine oder in die andere Richtung entlang flanieren. Ach, und übrigens: Flanierstöcke können gar nicht reden.

Foto Galerie


Quelle: QIEZ / externe Quelle

Wiener Beisl, Kantstr. 152, 10623 Berlin

Telefon 030 31015090

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