Berliner Perlen

Eine Ode an die Tortengabel

Eine Ode an die Tortengabel
So lässt's sich leben - selbst mit falscher Gabel. Zur Foto-Galerie
Stuttgarter Platz - Der sympathische Self-Made-Graf Lo Graf von Blickensdorf lebt seit drei Jahrzehnten im Kiez um den Klausenerplatz - und kennt sich nicht nur in der City West ziemlich gut aus. Ab sofort berichtet er den QIEZ-Lesern regelmäßig von besonderen Adressen, spannenden Begegnungen und persönlichen Lieblingsorten in Berlin. Diesmal: über die richtige Zinken-Zahl und eine kulinarische Entdeckung am Stutti.

Es gibt für mich kein schöneres Geräusch, als das Klappern von Tortengabeln nachmittags um drei. Für mich ist das ein tägliches Ritual, ein Kaffeehaus aufzusuchen. Ein Tag ohne Torte ist wie ein Schiff ohne Kompass. Ich nenne es „Konditern“, seit ich einmal das wunderbare Couple von Claire Waldoff „Warum soll er nich mit ihr konditern geh’n“ erstmals gehört habe. Ich bin sehr stolz darauf, dieses alte Wort wieder aktiviert zu haben, denn seit ich es be­nutze, taucht es plötzlich in den Überschriften diverser Szenezeitungen wieder auf.

Ich ziehe mich schön an, flakoniere mich mit einem guten Duftwässerchen ein, schnappe mir meinen Flanierstock aus dem 19.Jahrhundert und meinen Skizzenblock. Dann verlasse ich meinen Elfenbeinturm, um eine Konditorei oder ein Café aufzusuchen. Dort verbringe ich ein bis zwei Stunden bei einem Stück Torte und einem Cappuccino. Dabei fallen mir die besten Ideen ein, die ich flugs in meinen Skizzenblock schreibe oder zeichne. Das Glück des Tages steckt manchmal nur in einem kleinen Stück Torte. Ich käme zum Beispiel nie auf die Idee, auf der Straße gierig direkt aus der Tüte ein Stück Torte oder Kuchen zu verschlingen – solch eine Be­handlung haben Torte oder Kuchen nicht verdient. Lieber verzichte ich dann darauf.

Was Neues für den „Tortengraf“

Nun kam mir zu Ohren, dass ganz in meiner Nähe ein neues Café namens Pâtisserie Sarina eröffnet hatte. Hocherfreut, neugierig und gutgelaunt suchte ich es auf. Von der Einrichtung her fand ich es schon mal sehr ansprechend und gemütlich. Es gab ein großes Angebot an hübschen Törtchen und ich konnte mich fast gar nicht entschei­den. Auf einer Tafel entdeckte ich, dass es auch Baguettes gab. Sie hatten lustige Namen wie „Ziegi“, „Parmi“, „Büffi“ und „Veggie“. Ich musste schmunzeln. Aber ich wollte etwas Süßes. Schlussendlich wählte ich eine Kreation aus Quarkmousse mit Passionsfrucht für 3,80 Euro. Dazu einen Cappuccino. Dann setzte ich mich erwartungsvoll draußen in die Sonne.

Doch oh Schreck! Als mir das Törtchen serviert wurde, entdeckte ich, dass neben dem Tört­chen keine Tortengabel sondern – eine Dessertgabel (!) lag. Die hatte dort nichts zu suchen! Darüber rege ich mich schon seit geraumer Zeit auf. Meine gute Laune drohte mich zu verlassen. Ich machte die Konditormeisterin und Namensgeberin der Pâtisserie, Frau Sarina, darauf aufmerksam.

Ich erklärte ihr, dass dies eine Dessert- oder Vorspeisengabel sei, die mit ihren vier Zinken ausschließlich zur Aufnahme von Vor- und Nachspeisen dient. Eine Torten- oder Kuchenga­bel dagegen, auch Mittelgabel genannt, hat nur drei Zinken – und das aus gutem Grund. Denn mit dem an der Innenseite befindlichen linken Zinken, der einen halbmondförmigen Ausschnitt hat, kann man den Blätterteig oder mürben Tortenboden besser zer­kleinern. Sie ist also eine Art Messerersatz. Leider ist Frau Sarina mit ihren Dessertgabeln in bester Gesellschaft. Auch in der kürzlich geschlossenen (vielleicht wegen der Gabeln?) Pâtisserie Harry Genenz, dem von mir geliebten Schlosshotel Grunewald, dem Romanischen Café im namhaften Waldorf Astoria oder dem weltberühmten Hotel Adlon gab bzw. gibt es leider nur Dessertgabeln. Für mich ein Faux Paux und nicht zu verstehen.

Die richtige Gabel kommt noch!

Der Graf mit der Chefin. (c) Lo Graf von Blickensdorf
Doch die junge und sympathische Frau Sarina reagierte zu meinem Erstaunen auf meine Kritik mit Humor. Sie hätte als Geschäftsneuling mit wenig Startkapital ihr Augenmerk ganz pragmatisch eher auf Preis und Design gelegt, entschuldigt sie sich. Denn schließlich ist es ihre erste Patisserie, fügte sie noch hinzu. Und wenn genug Leute kommen, um ihre Törtchen zukaufen, dann habe sie auch genug Geld, korrekte Tortengabeln zu kaufen, versprach sie mir augenzwinkernd und lächelte mich charmant an. Dann deutete sie auf das von mir noch unberührte Törtchen, das vor mir stand. Sie wollte unbedingt wissen, wie es mir schmecke. Ich nahm widerwillig die ungeliebte Dessertgabel in die Hand und probierte. Schon der erste Bissen schmeckte sensationell und ich vergaß, dass er von einer schnöden Dessert­gabel in meinen Mund befördert wurde. Quarkmousse mit Passionsfrucht… mhm, jaaaa, da spiegelte sich die ganze Welt der Passionsfruchtspiele auf meiner gräflichen Zunge wieder.

Diese Geschmackskomposition war nicht nur der Hammer, nein, sie war eine ganze Werk­zeugkiste! Dieses Törtchen brachte meine Seele zum Schwingen und meine Geschmacks­papillen zum Schwimmen. Als dann auch noch Frau Sarina sich für ein Selfie neckisch eine Blume zwischen Nase und Ober­lippe klemmte, um mich, den „Tortengraf“ mit dem Menjoubärtchen zu parodieren, war meine gute Laune vollends wie­der da. Ich nahm mir vor, noch sehr oft diese Pâtisserie heimzusuchen, nicht nur wegen der sehr sympathischen Chefin sondern auch, damit endlich die deplazierten Des­sertgabeln durch richtige Tortengabeln ersetzt werden. Selbst wenn es Jahre dauert.

Und wenn ich mal alt wie Steinkohle bin und mich auf meinen Altersitz Gut Dünken zurück­gezogen habe, werde ich meine Schwärmerei für die Tortengabel vertonen und eine Ode an die Tortengabel schreiben (inklusive das Klappern von Tortengabeln), die dann von allen großen Symphonieorchestern dieser Welt ge­spielt wird. Das wird ein Spaß!

Foto Galerie

Pâtisserie Sarina, Windscheidstraße 22, 10627 Berlin

Telefon 030 54 86 55 30

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täglich 11:00 bis 18:30 Uhr

Pâtisserie Sarina

Leckeres Törtchen am Stuttgarter Platz.

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