Musiker Max Prosa über Neukölln

Ein offenes System

Bevor sein Name ein Begriff wurde, studierte Max Prosa Physik und lebte bei seinem Vater in Charlottenburg. Mittlerweile hat er sein erstes Album als Singer-Songwriter veröffentlicht und wohnt in Neukölln.
Bevor sein Name ein Begriff wurde, studierte Max Prosa Physik und lebte bei seinem Vater in Charlottenburg. Mittlerweile hat er sein erstes Album als Singer-Songwriter veröffentlicht und wohnt in Neukölln.
Der Nachwuchsmusiker Max Prosa lebt in Neukölln. Hier spricht er darüber, wie er in den Bezirk kam und wie er den Reuterkiez erlebt.

Vor drei Jahren bin ich nach Kreuzkölln gezogen, in die Weserstraße. Ich hatte das Physik-Studium an der Humboldt-Uni aufgegeben und war gerade dabei, an die Philosophische Fakultät zu wechseln. Durch Freunde – Musiker und Studenten – bekam ich mit, dass viele Künstler und Bands in diese Gegend zogen. Man spürte, da entstand etwas, eine Community formte sich. Ich wollte Teil davon sein.

Über eine Annonce stieß ich auf mein WG-Zimmer. Ein Fotograf und ein Schlagzeuger waren auf der Suche nach einem Mitbewohner für ihre Wohnung im ersten Stock. Ich stellte mich vor – und zwei Tage danach war das Zimmer meins. Das war eine Art Befreiung für mich. Davor wohnte ich in Charlottenburg, bei meinem Vater, der hat mir oft auf die Finger geklopft, ob ich nicht noch etwas für die Seminare machen würde, anstatt Gitarre zu spielen. In Neukölln war das dann sehr weit weg, meine WG hatte viele Freunde, ständig saßen andere Musiker in unserer Küche, wir tranken Bier, redeten, da war keine Zeit mehr für Uni-Vorbereitungen.

Schräge Gestalten

Von Zeit zu Zeit gibt’s Schwierigkeiten mit dem Hausmeister, der wohnt auch im Vorderhaus. Er treibt die Miete ein, sehr gewissenhaft. Ich zahle in bar. Bin ich einen Tag zu spät, klingelt er an der Tür und holt sie persönlich ab. Natürlich mag er es nicht, wenn etwas kaputtgeht. Kurz nach meinem Einzug hatten mir meine Mitbewohner eine Nachricht hinterlassen, dass jemand vorbeischauen würde dem ich etwas aus dem Briefkasten geben sollte.

Ich war allein zu Hause, der Typ tauchte auf, aber einen Schlüssel hatte ich noch gar nicht. Der Kerl wurde ganz hibbelig, wir gingen runter, rüttelten an dem Kasten, und plötzlich riss er ihn von der Wand. Ich dachte, womöglich liegt in dem Ding wichtige Medizin. Es war dann ein Päckchen Drogen. Um mich zu entschädigen, drückte er mir was davon in die Hand, den Briefkasten haben meine Mitbewohner und ich später wieder notdürftig aufgehängt, aber der Hausmeister nutzte gleich die Gelegenheit, uns die Leviten zu lesen.

Entspannte Atmosphäre

Wenn ich nachts wegging, verabredete ich mich in den Bars der Weserstraße. Das „Silver Future“ mag ich, das ist eine Queer-Bar, an der Tür steht, dass da jeder sein darf, was er möchte: Mann, Frau, schwul, lesbisch, Transgender oder was auch immer. Die Atmosphäre in der Kneipe ist entspannt. Weil die Leute schon genug Probleme mit sich hatten, die sind mit sich selbst im Reinen, keiner hat da ein Ego-Problem. Die Stimmung ist längst nicht so gereizt wie in anderen Bars.

Gleich nebenan ist das „Fuchs und Elster“. Ein kleines Café im Parterre, hinten gibt es eine Luke, da geht’s eine Treppe runter in einen Gewölbekeller. Dort finden Partys und Konzerte statt. Eines Abends sah ich dort die Band Vogel and the Sheriffs spielen, ein Musiker hatte mir in unserer Küche gesagt, dass der Bassist ganz gut zu sein scheint. Ich ging also hin, es war eine Band von israelischen Avantgardemusikern, die auf Englisch sangen. Von dem Bassisten, Erez, war ich begeistert. Nach dem Konzert habe ich ihm vorgeschlagen, in meiner Band mitzuspielen. Um vier Uhr früh haben wir darauf mit Wodka angestoßen.

Ständig neue Leute

Ganz ähnlich habe ich meinen Gitarristen Magnus kennengelernt. Er ist aus Dänemark, wohnt in der Karl-Marx-Straße und ist ein Kumpel von Erez. Eines Abends ging Magnus die Weserstraße entlang, er hatte eine Dobro dabei, eine silberne Steel-Gitarre, wie sie auch auf auf einem Dire-Straits-Cover zu sehen ist. Erez ging neben ihm, und während sie so da langschlenderten, machte Magnus Musik und schnallte sich schließlich die Gitarre über den Rücken, ganz nebenbei. Hat mich beeindruckt. Noch an diesem Abend habe ich ihn gefragt, ob er in meiner Band mitspielt.

Begegnungen wie die mit den beiden Jungs machen für mich Neukölln aus – ein offenes System, das ständig neue Leute aufnimmt. Einige verlassen es auch wieder. Meine Mitbewohner zum Beispiel, die sind im letzten Jahr weg. Momentan wohne ich allein, das tut mir gerade gut. Für meine Platte bin ich auf Tour, fahre in andere Städte und gebe da Interviews, da ist es ganz gut, wenn ich einen Ort habe, an dem ich mal die Tür hinter mir schließen kann.


Quelle: Der Tagesspiegel

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