Stadtpark Steglitz

Ein Kleinod zum Verlieben

Ein Kleinod zum Verlieben
Von Handwerkern, Schriftstellern und Baummeditationen: Der Stadtpark Steglitz hat viele Geschichten zu erzählen. Zur Foto-Galerie
Ein Park zum Liebenlernen: Der Steglitzer Stadtpark ist nicht hip, er verführt seine Besucher mit lauschigen Plätzchen und unaufgeregtem Charme. Davon ließ sich sogar Kafka inspirieren.

Für viele Berliner, die in den angesagten Bezirken der Stadt – Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Friedrichshain – leben, kommt ein Umzug nach Steglitz einer Auswanderung gleich. Pankow – im Kommen. Treptow – möglich. Aber Steglitz? Wenig aufregend und äußerst abgeschieden klingt dieser Name in den Ohren all jener, für die im Südwesten bereits die Peripherie beginnt.

Doch es geht auch anders. „Dann wohnt ihr ja direkt am schönen Steglitzer Stadtpark“, begeistert sich eine Freundin. Genau dort! Wobei diese Schönheit von einer ganz besonderen Sorte ist. Sie ist zurückhaltend und bescheiden. Prächtige Denkmäler oder Gebäudeensemble hat sie nicht zu bieten und ebenso wenig gibt es ein idyllisches Café im Steglitzer Stadtpark. Dafür ein Steakhouse mit kroatischem Einschlag.

Im Süden der Albrechtstraße zieht sich der Park bis zum Teltowkanal. Im Westen grenzt er an die Sedanstraße. Dazwischen präsentiert er sich als strapazierfähiger Jederzeit-und-um-die-Ecke-Park. Ob zum Joggen oder in der Sonne liegen, als Fahrradweg zum nahegelegenen Wasser (Teltowkanal) oder als Treffpunkt für ein kleines Schwätzchen, der Steglitzer Stadtpark ist jederzeit für seine Anwohner da. Seinen Mittelpunkt bildet ein Springbrunnen, zwischen 1906 und 1914 von Gartenbauinspektor Rudolf Korte und Direktor Fritz Zahn in die Gartenanlage eingefügt. In diesem Jahr wird der 100. Geburtstag des Wahrzeichens gefeiert. Seit 1917 umgibt ihn ein Rosengarten. In späteren Jahren kamen Minigolfanlage, Bolzplatz und Verkehrsschule hinzu – allesamt von dichtem Grün umgeben.

Verwunschenes Stadtparadies

Grüne Lagune

Ohnehin mutet der Park an manchen Stellen recht verwunschen an. Eine wilde Wiese verbirgt einen kleinen Teich, rauschende Birken umschließen einen Hügel. Und die Luft ist erfüllt von Kinderlachen. Denn wenn der Park ein Highlight zu bieten hat, dann sind es seine grundehrlichen Spielplätze. Mit Klettergerüsten, Seilbahnen und Schaukeln werben sie ganz klassisch um die Gunst der kleinen Besucher. Die im Park anwesenden Eltern scheinen diesem Bild zu entsprechen. Lässige Väter mit Dreitagebart oder grünen Riesen-Sonnenbrillen sieht man hier selten. Auch Promi-Nachwuchs läuft einem hier wohl eher nicht über den Weg. Stattdessen lädt die Jugendeinrichtung „Albert Schweitzer“ zum Tanzkurs ein.

Trotzdem geht es im Steglitzer Stadtpark keineswegs einseitig zu. Die im Musikpavillon veranstalteten Sommerkonzerte ziehen viele Besucher an und ein Flyer wirbt für „Baummeditationen“ in den Ferien. Dabei bestehe die Möglichkeit, „sich mit Gleichgesinnten zu treffen und sich mit Bäumen zu verbinden“. Nebenan werden andere Interessen gepflegt: Jugendliche proben sich im Ballhochhalten und ein Mann ist beim Sonnenbad eingenickt.

Vom Privatgarten zum Park

Im Steglitzer Heimatverein kann man sich über die Geschichte des Parks und seines Bezirks informieren. 1920 wurde Steglitz, das zu diesem Zeitpunkt mit 80.000 Einwohnern „größte Dorf Preußens“, eingemeindet. Zurück geht die Ortsgeschichte auf Handwerker und Beamte, die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Stück Land von Bauern erwarben und darauf den Ort Stegelitz gründeten. Noch am Beginn des 20. Jahrhunderts befanden sich an der Stelle des Steglitzer Stadtparks private Gärten.

Doch mit der Anlage des Teltowkanals wurde der Boden trocken, das Areal ging an die Stadt und man beschloss die Einrichtung einer öffentlichen Parkanlage. Schließlich war „der Steglitzer Stadtpark – das Juwel des Berliner Südwestens – geschaffen“, so schrieb Wilhelm Kroll 1962 im „Steglitzer Landanzeiger“.

Vor 100 Jahren habe die Anlage den Charme eines Kurparks gehabt, so der Heimatforscher Kroll. Dreimal in der Woche veranstalteten „Militär- und Zivilkapellen“ Konzerte. Anfang der zwanziger Jahre wurden sogar Franz Kafka und seine Freundin Dora Diamant angelockt.

Berühmter Besucher

Bei einem seiner Spaziergänge lernte der Schriftsteller den Erinnerungen seiner Freundin zufolge ein kleines Mädchen auf der Suche nach einer verlorenen Puppe kennen. Um das traurige Kind zu trösten, ersann Kafka die Geschichte einer Brieffreundschaft: Die Puppe sei verreist und würde ihm auf dem Postweg über ihre Abenteuer berichten.

In den folgenden Wochen schrieb Kafka zwanzig solcher Briefe und las sie dem Mädchen im Park vor. Dieser Briefroman des 1924 verstorbenen Autors ist der Nachwelt nicht erhalten geblieben. Die Gestapo beschlagnahmte sein gesamtes Werk und auf eine 1959 im Anzeigenblatt veröffentlichte Annonce meldete sich niemand. Darin suchte man eine 1917 geborene Frau, die als junges Mädchen im Park einem „großen, leidend aussehenden Mann“ begegnete, der gemeinsam mit „seiner Begleiterin versuchte das Mädchen zu trösten“.

Wirkt der Steglitzer Stadtpark auf den ersten Blick auch unspektakulär, so hat er seinen Besuchern doch so manche Geschichte zu erzählen.

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Quelle: Der Tagesspiegel

Ein Kleinod zum Verlieben, Hermesweg, 12167 Berlin

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