Unterwegs im Kiez

Der Wassertorkiez in der Wintersonne

Wassertorkiez
In direkter Nähe zur Szenemeile Oranienstraße und zum hippen Graefekiez liegt am Wassertorplatz ein Wohngebiet, das weniger durch coole Cafés und Bars, sondern eher durch Arbeitslosigkeit und Plattenbauten geprägt ist. Trotzdem scheint die Gegend nur bei Regenwetter grau zu sein, bei Sonnenschein fallen die farbenfrohen Fassaden und schönen Spazierwege auf.

Der Wassertorkiez wird an der südwestlichen Ecke vom Bahnhof Prinzenstraße abgegrenzt. Hier ist es laut und zugegebenermaßen ziemlich dreckig. Das Prinzenbad liegt außerhalb der Saison verlassen da und die U-Bahn rattert über die Köpfe der Menschen hinweg. Nach einer Weile fällt allerdings auf, wie viele Häuser hier bunt bemalt sind – und das gar nicht mal so hässlich. Die Fassaden mögen nicht die frischesten und saubersten sein, haben aber doch noch einige Leuchtkraft behalten.

Auf der Straße trifft man auf Menschen jeder Altersstufe. Kinder führen in Gruppen winzige Hunde aus, ein Paar in den Zwanzigern steigt ins Auto ein, Mütter und Väter gehen zum Supermarkt und SeniorInnen gehen allein oder zu zweit spazieren. In den Nebenstraßen ist es tagsüber sehr ruhig – eine reine Wohngegend ganz ohne hippe Designerläden, welche Horden von Touris oder Shopping-Reisende anziehen könnten.

Nachbarschaftshilfe gegen soziale Probleme

Hier leben rund 8000 Menschen, wovon etwas mehr als die Hälfte Transferleistungen beziehen. Der Migrantenanteil liegt bei rund 72 Prozent, mit einer Diversität von 62 Nationalitäten. Das Zusammenleben werde hier durch Gewaltbereitschaft und Drogenkriminalität unter Jugendlichen aufgrund von fehlenden Freizeitangeboten und Perspektivlosigkeit erschwert, wie das Quartiersmanagement auf seiner Website erklärt. 2007 wurde das MehrGenerationenHaus in der Wassertorstraße eröffnet, welches die Situation im Kiez mit Bildungs- und Beratungsangeboten verbessern möchte. Hier sind Familien, Großeltern, Eltern, Kinder und MultiplikatorInnen der Quartiersarbeit eingeladen, den Raum selbst zu gestalten und zu nutzen, um bürgerschaftliches Engagement und Nachbarschaftshilfe und -zusammenhalt zu fördern.

Auch am Kastanienplatz steht eine weitere Einrichtung der „Wassertor 48 e.V.“, eine „Kiezstube“, in der sich NachbarInnen einfach so treffen, aber auch zum Näh-Frühstück, zum Erzählcafé, Mutter-Kind-Tag oder Frauentreff vorbeischauen können. Durch die Fenster beider Orte sind an diesem Mittag Menschen zu sehen oder Stimmen zu hören.

Der namensgebende Wassertorplatz schließt den Kiez am südwestlichen Ende ab und wird von der Gitschiner Straße mit viel Autoverkehr in zwei Teile geschnitten. Auf der nördlichen Seite befindet sich ein Platz der Jugendverkehrsschule und gegenüber gibt es gemütliche Bänke und ein flaches Planschbecken – welches jetzt im Winter mit tauendem Eis bedeckt ist. 

Das Wassertor steht übrigens nicht mehr. Es war in die Berliner Zoll- und Akzisemauer eingelassen, welche im 18. Jahrhundert die Berliner Stadtmauer ersetzte. Hindurch floss damals der später zugeschüttete Luisenstädtische Kanal und Schiffe mussten hier halten, um ihre Waren verzollen und kontrollieren zu lassen. Wo früher der Fluss war, befindet sich nun ein Grünstreifen bis hin zum Böcklerpark am Landwehrkanal. Zwischen Admiralbrücke und Prinzenstraße findet sich ein schöner Fleck, um Enten und Schwäne zu beobachten, spazierenzugehen oder sich einfach gemeinsam in die Sonne zu setzen.

Abgesehen von den hier und da dreckigen Straßen kann sich der also Kiez trotz Stigma der sozialen Probleme sehen lassen.

 

 

„Mittlerweile glaube ich, dass ich in meiner arroganten Berliner Art zu viele Gebäude als hässlich abgetan habe, ohne wirklich hingeschaut zu haben. Bei meinem Rundgang habe ich die Häuser genauer betrachtet und festgestellt, dass die Farbwahl der zuständigen Personen nicht immer die schlechteste ist… Apropos Farbwahl: Das Alexa am Alexanderplatz ist da eine andere Sache. Ich weiß nicht, ob ich mich je an dieses Rosa und Gold gewöhnen werde.“

 

Der Wassertorkiez in der Wintersonne, Wassertorplatz, 10999 Berlin

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