Museum für skurrile Objekte in Mitte

Zufälliges Schreckmuseum

Designpanoptikum: Hier übertreffen dei ausgestellten Gegenstände einander in Skurrilität.
Designpanoptikum: Hier übertreffen dei ausgestellten Gegenstände einander in Skurrilität.
Ein Gruselmuseum soll es eigentlich gar nicht sein. Dennoch jagen einige Exponate im Designpanoptikum in Berlin-Mitte den Besuchern zunächst einen Schrecken ein. Dabei sind es durchaus nützliche Gegenstände, oder besser: Sie waren es.

Ist es ein Wurfgeschoss? Ein Fußmessgerät? Ein Webrahmen für Topflappen? Mitnichten! Ein Seziertisch für Kleintiere ist’s! Dass man da nicht gleich drauf kam! Die Szene wiederholt sich permanent in diesem Museum: Man legt keine zwei Meter zurück, ohne nicht wieder irritiert stehen zu bleiben und zu knobeln, wozu dieses oder jenes Objekt wohl gut sein soll. Wie überhaupt irgendwer auf die Idee dazu kam – und es dann auch noch tatsächlich baute.

„Designpanoptikum“ hat Vlad Korneev sein Reich getauft. Doch so genau weiß er selbst nicht, was er hier geschaffen hat oder wie er einem Außenstehenden erklären könnte, was ihn im Erdgeschoss in der westlichen Torstraße Ecke Borsigstraße erwartet. „Vielleicht so eine Art Disneyland für Erwachsene“, überlegt Korneev, doch dann ziehen sich seine Augenbrauen zusammen, er verwirft die Idee wieder. „Nee, das klingt jetzt arg klischeehaft.“

Viele Objekte aus vergangenen Zeiten

Hunderte von Gegenständen hat Korneev in den Räumen aufgereiht. Sie alle haben scheinbar nichts miteinander zu tun. Wenn man davon absieht, dass ganz offensichtlich keines von ihnen in diese Zeit gehört: Sportgeräte, Friseurstühle, alte Lederprothesen, übergroße Reproduktionskameras. Viele dieser Dinge gruseln die Besucher, denn sie wirken gefährlich, monströs oder zumindest sehr fremdartig. „Ich verstehe, wenn Besucher erst einen Schreck bekommen“, so Korneev. „Aber es geht nicht ums Erschrecken.“ Keines der Dinge wurde erdacht, um andere zu ängstigen, es sind alles Gebrauchsgegenstände. Doch die Technik ist so vorangeschritten, dass die ursprüngliche Funktion der Gegenstände heute nur noch zu erraten ist.

Diese glänzende Röhre mit der dazugehörigen Abbildung beispielsweise, auf der sie ein Mensch einem anderen tief in den Mund schiebt. Eindeutig ein Folterinstrument, denkt der Betrachter. Doch so wurden vor 80 Jahren bloß Zahnfüllungen gehärtet. Möglicherweise ist es das, worum es im „Designpanoptikum“ geht: die eigenen Vorbehalte über Bord zu werfen, um den Sinn zu erkennen. Oder Korneev zu fragen. Diesen Mann, der einem mit seiner seltsamen Sammelwut vielleicht suspekt sein sollte. Der 39-Jährige ist dafür jedoch viel zu herzlich. Wer beim Rundgang aus Versehen am Kontrabass hängen bleibt, dem schenkt er ein „Macht nichts, ist schon gebraucht“.

Seconhand-Laden für Designobjekte neben dem Museum

Vlad Koneev wuchs in Moskau auf. 1991 floh er vor dem Militärdienst nach Deutschland, jobbte lange als Fotograf. 2007 entdeckte er den leerstehenden Laden in der Torstraße. Zuvor war hier das „White Trash Fast Food“ untergebracht, ehe es an das südliche Ende der Schönhauser Allee zog. Korneev machte zuerst einen Secondhand-Laden auf, nur für Designobjekte. Den betreibt er noch immer, aber die Verkaufsräume will er nach und nach zugunsten des Museums aufgeben.

Auf der Suche nach neuen Objekten ist er ständig unterwegs. Die meisten findet er in Trödlerhallen und auf Bauernhöfen. Im Umland Berlins oder auf dem Weg Richtung Hamburg gibt es Dutzende, auch in Mecklenburg-Vorpommern ist er viel unterwegs. Der Clou ist, die Hallen nicht bloß einmal die Woche abzufahren, sonst kommt man dauernd zu spät, denn die wirklich interessanten Stücke bleiben nie lange auf dem Markt. Häufig hat Korneev selbst keinen Schimmer, welches Objekt er da gerade vor sich sieht. Das recherchiert er im Nachhinein am heimischen Computer – in der Halle heißt es aber erst einmal kaufen und in den roten Kleinbus verladen. Der ist auch schon 30 Jahre alt, ein ausgemustertes Einsatzfahrzeug der Feuerwehr. Verbraucht 18 Liter pro 100 Kilometer.

Sammler ohne Lieblingsstück

Ohne Hilfe will Korneev sein Museum betreiben, er mag keine Vereinssatzungen und erst recht keine Abstimmungen. Vermutlich sei er als sowjetisches Kind ein wenig kollektivgeschädigt, sagt er. Sein Lieblingsstück? Der Blick des Sammlers wandert hin und her. Er mag keine Entscheidung fällen.

Zur Eröffnung 2010 gab es Schwarzbrot, russische Limonade, Wodka. Ein paar Tage später stürmten 500 Besucher das Museum, dazu hatte ein Radiosender aufgerufen. Die Besucher bleiben wieder und wieder stehen und wunderten sich. Ob es bei ihm zu Hause auch so aussieht? „Nein, ich bin nicht pervers oder so“, sagt Korneev. „Na gut, der Zahnarztschrank in der Küche, aber sonst …“ Im Grunde sei er ziemlich normal. Dann muss er doch eine Weile überlegen, bis ihm ein Beweis einfällt. „Ich habe drei Katzen zu Hause. Zählt das?“


Quelle: Der Tagesspiegel

Designpanoptikum, Poststraße 7, 10178 Berlin

Telefon 0157 74012991

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Montag bis Samstag von 11:00 bis 18:00 Uhr

Designpanoptikum: Hier übertreffen dei ausgestellten Gegenstände einander in Skurrilität.

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