Bauarbeiten an der Friedrichstraße

Die aufgerissene Stadt

Die aufgerissene Stadt
Schweres Gerät: Baumaschinen wühlen sich durchs Erdreich. Es quietscht und knirscht, es stinkt – und alles für eine U-Bahn. Zur Foto-Galerie
Seit etwa einem halben Jahr gibt es die riesige U-Bahnbaustelle an der berühmtesten Straßenkreuzung Berlins. Was dort an der Friedrichstraße Ecke Unter den Linden entsteht, strapaziert nicht nur die Geduld der Pendler und Geschäftsleute.

Sie stolpern und hetzen, sie laufen und rempeln. Nur Maik Lindström steht ruhig da, an seinem Arbeitsplatz in der Friedrichstraße. Direkt im Strom aus Aktentaschenträgern, Rollkofferziehern, Einkaufstaschenschleppern und Kinderwagenschiebern hat der Verkäufer von Obdachlosenzeitungen seinen blauen Campingstuhl aufgeklappt. Wer nicht aufpasst, tritt ihm auf die Füße. Das kommt nicht selten vor, denn nur wenige schlendern hier an Berlins einstiger Prachtstraße, die seit einem halben Jahr eine Großbaustelle ist.

Presslufthämmer dröhnen, Autos brummen, Busse hupen, Pendler pendeln. Baumaschinen wühlen sich durchs Erdreich. Es quietscht und knirscht, es stinkt – und alles für eine U-Bahn. Ein älterer Herr mit braunem Hut brüllt am Rande des Baulochs seine ebenfalls betagte Begleitung an: „Siehste, hier haben se allet uffjerissen.“ Gemeinsam blicken sie auf die aufgerissene Stadt, auf die Operation am offenen Herzen. Nur ein Bauzaun trennt sie von der gewaltigen OP. Statt Blut spritzen Erde und Beton.

Für die Fußgänger heißt es Slalomlaufen an der Friedrichstraße.

Schaustelle statt Baustelle?

Den Alexanderplatz auf der einen und den Hauptbahnhof auf der anderen Seite soll die neue U 5 in sieben Jahren verbinden. Am Berliner Rathaus, der Museumsinsel und Unter den Linden soll die Bahn in Zukunft halten. Ein Stummelstück zwischen Brandenburger Tor und Hauptbahnhof ist seit drei Jahren in Betrieb. Für den noch fehlenden, 2,2 Kilometer langen Abschnitt sollen 433 Millionen Euro verbaut werden.

Großflächige Werbeplakate wollen die Baustelle zur Schaustelle machen. Entnervt hasten die Pendler an ihnen vorbei. Die U 6 ist wegen der Arbeiten unterbrochen. Weiter geht es nur zu Fuß, durch den dichten Strom an Menschen auf den etwa vier Meter breiten Gehwegen rechts und links des Baulochs in der Friedrichstraße. Die Menschen drängen vorbei an Unterschriftensammlern, Hütchenspielern und Zeitungsverkäufern. Radfahrer schlängeln sich durch die Massen. Väter und Söhne bleiben staunend vor den gewaltigen Maschinen stehen. Blicken gen Himmel und hinab zum matschigen Boden. Ein kleines Mädchen hält sich die Ohren zu, kneift mit den Augen. Hier wird etwas Großes gebaut.

Unter ihnen wird sich in 20 Metern Tiefe eine Tunnelbohrmaschine durch die Erde bohren, so verkündet es ein Plakat am Bauzaun. „An der Oberfläche merkt man davon nichts“, wird versprochen. Martina Motsch, dunkelblaues Poloshirt, kurze blonde Haare, kann da nur müde Lächeln. „Es ist hier oft so laut, dass man nicht mehr versteht, was die Kunden sagen“, erzählt die Verkäuferin des Ladens für Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge. „Dann vibriert alles.“ Sogar die geschnitzten Räuchermännchen litten darunter. „Die Püppchen sind einfach aus dem Regal gesprungen.“


Noch bevor die Bauarbeiten begannen gab es Klagen

Noch bevor die Bauarbeiten begannen, hatten Anwohner eine Klage auf mehr Lärmschutz sowie auf eine höhere Entschädigungszahlung für Umsatzeinbußen eingereicht. Das Bundesverwaltungsgericht lehnte das ab. Die BVG als Bauherrin hatte unter anderem argumentiert, die Bauarbeiten seien leiser als der Straßenverkehr.

Alles andere als ein Stillleben: Durch die Sichtfenster der Arkaden an der Friedrichstraße können...

Auch das Hotel Westin Grand hatte die Klage unterstützt. Vergebens. Eine Übernachtung im Hotel kostet mindestens 129 Euro. Dafür gibt es Zugang zu Schwimmbad, Fitnessstudio und neu: jede Menge Baulärm, wenn man die Fenster öffnet. Das Hotel zähle auf jeden Fall zu den Leidtragenden der Baustelle, sagt Andrea Bishara, die Sprecherin des Luxushauses. „Die Lärmprognosen von damals sind nicht realistisch.“ Die Arbeiten vor der Haustür seien eine Belastung für den Hotelbetrieb. „Wir tun unser Möglichstes, damit die Gäste wenig davon mitbekommen.“ Die Zimmer zum Garten werden nun häufiger vergeben, statt nach vorn zur Friedrichstraße.

BVG-Mitarbeiter dienen als Wegweiser

Gelbe Fußabdrücke auf dem Boden sollen den Weg an den Bauzäunen und Sichtfenstern zu U- und S-Bahn weisen. Die Spur, so sie unter dem Winterschmutz noch auszumachen ist, führt am Bauloch vorbei geradewegs zu zwei BVG-Mitarbeitern am Eingang des U-Bahnhofs auf der anderen Straßenseite. Ins Gespräch vertieft, ziehen sie an ihren Zigaretten. Pause? „Nein, das ist Arbeit“, krächzt die Frau mit den kurzen Locken und zuppelt an ihrem blauen Jacket. Seit 22 Jahren arbeite sie für die BVG, ihr Kollege seit 30 Jahren. Sie helfen Pendlern und Touristen, acht Stunden jeden Tag, wenn einer fragt. Gerade spuckt eine U-Bahn neue Fußgänger aus. Der Strom teilt sich neben den zwei BVG-Mitarbeitern. Wortlos eilen die Menschen an ihnen vorbei. Der Job sei super, sagen sie, ruhiger als Fahrscheine kontrollieren.

Hinter einer lärmschützenden Holzwand pumpen Bauarbeiter Beton in die Erde. Seichte Musik dudelt aus den Geschäften unter den Arkaden. Leute halten kurz inne, gehen ein und aus. Eine alte Frau mit verstrubbeltem Haar bettelt um ein paar Euro. Ein Stück weiter drücken sich kleine und große Jungs die Nasen an den Schaufensterscheiben platt, hinter denen die Limousinen von Bugatti funkeln. Ein Stück weiter wartet Maik Lindström. Einer Frau hält er eine Zeitung in den Weg. Sie läuft dagegen, verzieht das Gesicht. „Die Leute haben schlechte Laune“, ruft Lindström gegen den Baulärm an und streicht seine Zeitung glatt. Und alles wegen einer U-Bahn.

Foto Galerie

Die aufgerissene Stadt, Friedrichstraße, 10117 Berlin

Weitere Artikel zum Thema Wohnen + Leben

Kultur + Events | Wohnen + Leben

Top 10: Berliner Nörgelthemen

Berliner jammern gern. Und weil das Wetter und die lieben Nachbarn einfach zu wenig hergeben, […]