Die Belziger Straße in Schöneberg

Von Abstieg und Boom

Jedes Vierteljahrhundert erlebt die Belziger Straße in Schöneberg einen Aufschwung. Auch zurzeit schlägt ihr Puls wieder schneller als gewöhnlich. Das Geschehen an der Mini-Magistrale ist Beispiel für das Auf und Ab eines ganzen Kiezes.

Sie ist nicht unbedingt eine Schönheit. Dafür fehlt es ihr an Glanz, an Charme, an Liebenswürdigkeit. Mit den paar frisch sanierten Gründerzeitfassaden zwischen Wohnbauten der Fünfziger und ergrauten Altbauten ist kein Staat zu machen. Aber alle 25 Jahre blüht die Belziger Straße auf. Dann wirkt sie ungeheuer anziehend. Kleinunternehmen siedeln sich in den Hinterhöfen an, in den Vorderhäusern eröffnen Läden. So ist es auch jetzt: Das Leben vibriert in der Mini-Magistrale.

An der Belziger Straße, die 1884 nach der brandenburgischen Kreisstadt am Fläming benannt wurde, lässt sich die Entwicklung eines ganzen Kiezes ablesen, die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Prozesse. An ihrem unteren Ende, wo sie vis-à-vis vom Rathaus Schöneberg auf die Martin-Luther-Straße stößt, ist immer noch der Wegzug des Abgeordnetenhauses spürbar. Die Politiker und Beamten fehlen als Restaurantbesucher, als Kunden der Wäscherei. Der Abstieg West en miniature. Nur das „Narkosestübchen“, das seine Gäste mit Rauchererlaubnis lockt, hat Konjunktur.

Alle 25 Jahre boomt die Straße. So auch jetzt an ihrem oberen Ende. Hier kreuzt die Akazienstraße mit ihren Buchhandlungen, Weinhandlungen und Boutiquen die artige Belziger, ihr Glanz strahlt bis in die Nebenstraßen. Simone Rotsch verfolgt das mit gemischten Gefühlen. Sie steht vor ihrem Blumenladen „Rosenrausch“, dessen Gegenstück einst die Kohlehandlung nebenan war. Nur ein Schild mit der Aufschrift „Holz + Kohlen“ grüßt dort noch aus der Vergangenheit. Die Nachbarn von früher können sich den Kiez kaum noch leisten.

Schöneberger Geschäftemischung

Aus dem vermufften Antiquariat ein Modegeschäft geworden, aus der alten Holzhandlung eine Papeterie. Der mediterrane Feinkostladen an der Ecke zur Akazienstraße besteht schon knapp 25 Jahre. Vor einem Vierteljahrhundert erlebte die Belziger Straße ihren letzten Frühling. Der „Südwind“, so Ladengründerin Astrid Peacock, war eines der ersten Geschäfte in Berlin, die südländische Gaumenfreuden importierten. Bhagwan-Jünger als Kundschaft mit hohen Ansprüchen hatten sich in der Nachbarschaft einquartiert, etablierten zudem eigene Restaurants und Yoga-Schulen.

Zur selben Zeit eröffnete Alf Nagel seinen Möbelladen, in dem Schränke, Sideboards und Regale gebaut werden. In Schöneberg fand er seine Klientel, Architekten, Künstler, Akademiker, die sich für ihre Altbauwohnungen individuelle Möbel anfertigen ließen. Schon früher – nicht erst in den Achtzigerjahren, als Weichholzmöbel modern wurden – hatten sich hier Schreinereien niedergelassen. Holzbetriebe sind ein Markenzeichen der Belziger Straße.

Wohnen und Arbeiten dicht an dicht

Um die Jahrhundertwende, als die Stadt noch nicht eingemeindet war, entstand um das Zentrum ein wilhelminischer Großstadtgürtel mit Industriebetrieben in den Hinterhöfen. In Nummer 25 ist das noch sichtbar: Man wohnte im Vorderhaus, arbeitete im Hinterhaus. Die Wege waren kurz, gegen Schmutz und Lärm protestierte damals noch niemand. Wie nahe Arbeiten und Wohnen hier schon immer beieinanderlagen, verrät das Postfuhramt West – ein Vorzeigebau der Neuen Sachlichkeit –, das sich mit seinen gerundeten Ecken aus dunklen Klinkern wie ein schwerer Dampfer zwischen die Wohnhäuser schiebt.

Auch das Straßenbahndepot wartet auf eine Verwandlung. Noch in den Neunzigern wollte das Kunstamt Schöneberg in den drei Wagenhallen Kiezkultur einquartieren, mit Künstleratelier, Theaterbühne und Proberäumen für Bands. Inzwischen ist das Liegenschaftsamt für die Immobilie verantwortlich und würde am liebsten sofort den halben Block verscherbeln, hätten die Denkmalschützer nicht ein Auge auf die Hallen. Wo sich um 1900 noch die Ställe der „Großen Berliner Pferdeeisenbahn“ befanden und bis in die Sechziger Straßenbahnen ein- und ausfuhren, bleiben vorerst abgeschleppte Autos und die Limousinen des Senats untergestellt.

Jedes Fleckchen für die Bürger

Der Heinrich-Lassen-Park und der angrenzende Friedhof zeugen noch am ehesten von der Vergangenheit Schönebergs. Der älteste Grabstein – der des Königlichen Hoftapezierers Thomas Feger – stammt von 1718. Neben der Friedhofsmauer hatten die Bauern Hausgärten angelegt, die die Umwandlung ihrer Äcker in Bauland überdauerten. Das letzte freie Fleckchen wurde schließlich zum Bürgerpark, benannt nach jenem Baurat Heinrich Lassen, der hier in den Zwanzigerjahren ein Städtisches Bad für die Bürger errichten ließ.

Die Grundversorgung der aufstrebenden Stadt Schöneberg sah neben der Hygiene auch die Bildung vor. Um die Jahrhundertwende entstand die Riesengebirgsschule mit großen Mengen an neogotischem Zierrat. Seit dem zweiten Weltkrieg hat das Gebäude einige Namenswechsel erlebt. Erst 2010 wurde die integrierte Sekundarschule nach dem Schöneberger Verleger und Erfinder der Lautschrift in Gustav-Langenscheidt-Schule umbenannt. 80 Prozent der Schüler haben einen migrantischen Hintergrund. Passend zum Kulturenmix beherbergt das Haupthaus der ehemaligen Maison de Santé, der ersten Kur- und Nervenheilanstalt Berlins, heute eine Moschee.


Quelle: Der Tagesspiegel

Von Abstieg und Boom, Belziger Straße, 10823 Berlin

Weitere Artikel zum Thema Keine Kategoriezuordnung

Keine Kategoriezuordnung

Testartikel 111

Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr, sed diam nonumy eirmod tempor invidunt ut […]
Keine Kategoriezuordnung

Dilek Kolat besucht Schöneweide

Am Dienstag informierte sich Integrationssenatorin Dilek Kolat bei einem Rundgang über die Aktivitäten der Rechtsextremen […]
Keine Kategoriezuordnung

Wilmersdorf

In Wilmersdorf treffen Geschichte und kulturelles Stadtleben aufeinander. Die Schaubühne am Lehniner Platz, eines der […]
Keine Kategoriezuordnung

Spreegelände an „Kater Holzig“

Das BSR-Gelände am Spreeufer, auf dem früher die "Bar 25" stand, wurde nach langen Streitigkeiten […]
Keine Kategoriezuordnung

Tempelhof

Tempelhof ist ein grüner Bezirk, dessen Einwohner unprätentiös, in fast dörflicher Abgeschiedenheit vom Berliner Trubel […]