Berliner Häuser

Die bemalte Lücke an der Potsdamer Straße

Selbst wenn es hier nicht spukt, liegt auf der Ecke Potsdamer- und Alvenslebenstraße im Schöneberger Norden ein dunkler Zauber.

Nachts schlafen die Ratten doch. So heißt es in der Geschichte von Wolfgang Borchert. Magida Korshid hat andere Erfahrungen gemacht, im heutigen Norden Schönebergs. „Abends kommen sie raus, die Ratten“, sagt sie und deutet auf das brach liegende Kriegstrümmerareal, das von großen Werbewänden verdeckt wird. An deren Rändern sind deutliche Nagespuren zu erkennen. Die Exil-Irakerin betreibt in der Nachbarschaft das Falafel-Restaurant „Tamara“. Selbst der kleine Garten, den sie am Straßenbaum vor dem Haus angelegt hat, ist mit einem Zaun aus feinem Draht gegen die Ratten und andere Schädlinge gesichert.

Das Eckgrundstück Potsdamer Straße 149/Alvenslebenstraße 1 scheint verwunschen zu sein. Zwischen den 1970er und 1990er Jahren wurde die hässliche Potsdamer Straße zwischen Kleistpark und Landwehrkanal saniert und nur die eine Lücke ist geblieben. Ein Geisterhaus scheint zwischen den beiden Brandmauern zu schweben, ein Phantomhaus, ein erdachtes, ein geplantes, ein sogar zeitweise mal vorhandenes. Zurzeit leben auf der öden Brache nur die Ratten. An einen Neubau mag Magida Korshid kaum mehr glauben. „Am besten alles mit Zement zumachen, ein paar Stühle hin“, sagt sie, „ein Park“. Alles wäre besser als jetzt.

Bewegte Vergangenheit, triste Gegenwart

Seltsame Gegend, raue Gegend. Der berühmte Schöneberger Sozialpalast steht in der Nähe, und nebenan wirbt die „Sportsbar Real“ mit „23 h open“. Open? Die amtlichen Siegel an der Tür zeugen davon, dass die Behörden den Laden unlängst dichtgemacht haben. Es ist ein unablässiges Entstehen und Verschwinden, nur die Lücke bleibt scheinbar ewig. Auf der Bülowstraße häufen sich Imbisse, Handyläden, Wettbüros. Aber auch das Frauencafé Begine befindet sich dort und das neue Hotel „Potsdamer Inn“ mit einem netten Straßencafé. Schräg gegenüber unterhalten sich zwei Angestellte von „Ebony Hairdresser“. Sie könnten sich in der jetzigen Lücke ein „ganz tolles Haus“ mit Läden und Apartments vorstellen – „ist doch ’ne super Lage!“

Auf gewisse Weise schon. Vor dem Krieg war die Potsdamer noch eine Prachtstraße und an der besagten Ecke befand sich ein stadtbekanntes Delikatessengeschäft. In der Gegenwart gibt es den Potsdamer Platz, nicht mal zwei Kilometer entfernt, wo Berlin für die Touristen Mitte spielt. Vor gut 30 Jahren dagegen flackerten hier vor allem rote Lichter. Die Gegend beherbergte Prostituierte, Hausbesetzer, Junkies und viele Asylbewerber, die in ehemaligen Bordellzimmern hausten und für deren Wuchermieten das Sozialamt aufkam. Und die Polizei war stets dabei.

Damals tobte in der Gegend immerhin das Nachtleben, auch auf dem Grundstück zwischen den Brandmauern. Die Lücke der beseitigten vierstöckigen Ruine wurde damals durch ein zweistöckiges Gebäude geschlossen. Die Passanten auf der berüchtigten Rotlichtmeile namens Potse erwartete hier das legendäre „Eichelkraut“. Auch wenn der Name auf keinem Schild stand, wusste jeder, was gemeint war.

Pläne blieben in den Kinderschuhen

Es handelte sich jedoch eigentlich nur um den Namen des Gastwirts: Gustav Eichelkraut. Mehr als vierzig Jahre lang war er hier Kneipier. Als er genug angespart hat, will er auf dem Areal groß bauen – verstirbt aber, bevor er den Plan realisieren kann. 1995 passiert doch noch etwas, das kleine Eckhaus wird abgerissen, es gibt Pläne für ein sechsstöckiges Büro- und Wohnhaus und sogar eine Baugenehmigung. Die Zeitungen sind vom Entwurf der Architekten begeistert.

Es blieb beim Plan, denn eines fehlt damals wie heute: ein Investor. Seither sei die Situation übersichtlich, sagt man im Rathaus Schöneberg. Mehrere Zwangsversteigerungen und Anzeigen im Internet brachten nicht den gewünschten Durchbruch. Die Lücke bleibt Lücke, verwaltet von einer westfälischen Bank.

Magida Korshid und die anderen Anwohner warten weiter, dass etwas passiert und gucken in der Zwischenzeit auf die bunten Werbetafeln. Doch etwas ist geschehen, eine Aneignung von außen. Der Street Artist Vhils, ein Kumpel des bekannten Phantoms Banksy, hat ein überdimensionales Porträt in eine der Brandmauern geritzt. Es zeigt den berühmt-berüchtigten Türsteher des Clubs Berghain, Sven Marquardt. Bis hier irgendwann doch noch gebaut wird, wacht er nicht nur über seine Tür, sondern auch über diese Lücke in Berlin-Schöneberg.


Quelle: Der Tagesspiegel

Die bemalte Lücke an der Potsdamer Straße, Potsdamer Straße 149 Ecke Alvenslebenstraße 1, 10783 Berlin

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