Die Berliner Straße in Pankow

Schläfrig wider Willen

Seit jeher verbindet die Berliner Straße Pankow mit Berlin. Sie ist die älteste der acht Berliner Straßen in der Stadt, und sie scheint einfach nicht voranzukommen. Wann geht es endlich richtig los in Pankow?

Die Berliner Straße in Pankow, morgens um neun. Zwei Männer sitzen am Tresen in einem Bistro. Der eine sagt: „So. Naja.“ Mehr nicht. Im Süden, wo die Straße in die Schönhauser Allee des pulsierenden Prenzlauer Berg übergeht, herrscht längst Tageshektik. Pankow nickert noch.

Unter der S-Bahnbrücke am Bahnhof Pankow steht Jens-Holger Kirchner auf der Mitte der zwei Kilometer langen Berliner Straße und schließt die Augen hinter seinen Brillengläsern: „Den Dreck muss man sich mal wegdenken.“ Jetzt sieht er einen Boulevard vor sich. Eine Flaniermeile, auf der Menschen essen gehen und abends bei einem Konzert applaudieren. So soll die Berliner Straße in ein paar Jahren aussehen. Als Kirchner die Augen wieder öffnet, sieht er Leute mit Bloß-weg-hier-Blicken über kaputte Bürgersteige zum Bahnhof stolpern. Wieder einmal ist die Berliner Straße Baustelle. Kirchner, der dafür verantwortlich ist, zuckt mit den Schultern: „Da müssen wir durch.“

Die Pankower mussten hier stets durch, die Straße war für sie schon immer das Tor zur Welt. Bereits im 19. Jahrhundert, als noch Pferdewagen über das Kopfsteinpflaster tackerten, beklagten sich die Anwohner über den Zustand der Straße. Heute enden provisorische Fußwege inmitten von Baustellen gern einmal vor Doppelbriefkästen.

Noch Stillstand oder schon in den Startlöchern?

Seit 1989 wird permanent die Erde aufgerissen, um endlich den richtigen Verkehrsanschluss herbeizuzaubern und ein neues Prenzlauer Berg im Grünen zu erschaffen. Nur, noch immer sieht am Flüsschen Panke vieles genauso aus wie kurz nach der Wende: Auf der Berliner Straße reihen sich Automärkte an Dönerbuden an Nagelstudio-Friseure an Trödler, die Kinderkaufmannsläden mit DDR-Spielgeld verhökern. Dazwischen: alte Fassaden, neuer Putz, Bauzäune, mal ein Atelier, verwaiste Lokale. Morgens und abends steht hier jeder im Stau, auch Bus- und Bahnfahrer. „Es herrscht Stillstand“, sagt Bernd Zepter, der an der Berliner Straße seit über 40 Jahren als Autoschlosser arbeitet. Und doch glaubt er wie viele andere auch: „Irgendwann geht’s los.“ Manchmal erscheint Pankow als ein ewiges Versprechen.

Für einige wie Silvia Sebastian hat es sich längst erfüllt. Die Pädagogin tippelt in der Turnhalle der von ihr geleiteten Privatschule der „Pankower Früchtchen“ über den hellem Parkettboden und verkündet: „Das ist unser Baby.“ Das Baby hat einen schönen Ausblick, denn es befindet sich direkt unterm Dach der ehemaligen Zigarettenfabrik Pankow. Rund 500 Kinder gehen hier ein und aus. Wenn vor der Tür die Baustellen dröhnen, bauen drinnen die Knirpse Städte aus Pappkartons. Mittlerweile gibt es mehrere Hände voll Privatschulen in Pankow, und alte Fabrikhallen werden zu Loftwohnungen umgebaut. Geht’s schon lange los in Pankow?

Am einstigen Dorfanger beginnt die Berliner Straße, noch ganz charmant. Vor Pankows Kirche quietschen die seit 1900 verkehrenden Straßenbahnen um die Kurve, sie ersetzen eine unvollendete U-Bahn-Verlängerung. Es geht vorbei an einer fast 200-jährigen Apotheke und an einem Wandgemälde, das das traditionelle Pankower Markttreiben präsentiert. Auf einer Freifläche, die die letzten Gefechte des Zweiten Weltkriegs gerissen haben, plätschert im Sommer ein Tröpfelbrunnen.

Hier wundert sich niemand mehr

Auf dem Weg hinab zum Bahnhof Pankow dann kämpfen ein paar Geschäfte um ihr Überleben, darunter auch die legendenumwobene „Absatzbar“. Hier konnten Bürger ab 1968 ihre Absätze erneuern lassen. Manchmal kamen 800 Leute am Tag. Heute kommen mitunter nur 18. Immerhin, am U- und S-Bahnhof herrscht Lebenstrubel. Umsteiger erhaschen Imbisse, Schüler sammeln Unterschriften ein, Studenten schlendern Richtung Bibliothek. Auch sie wurde in einem Gebäude der Zigarettenfabrik eingerichtet: dem ehemaligen Jüdischen Waisenhaus, das Josef Garbáty errichten ließ.

Nach der Kristallnacht wären die Zöglinge beinahe von einem Mob gelyncht worden, viele fielen der Deportation und dem Tod zum Opfer. Heute erhält eine Gedenktafel die Erinnerung an die ermordeten Juden aus Pankow aufrecht. Nach der Wende wucherte der Eingang des weitläufigen Geländes  zu, Mitte der neunziger Jahre feierten die jungen Leute hier deftige Partys. Der Bahnhofsvorplatz trägt den Namen des Zigarettenfabrikanten Garbáty. Der Berliner Straße sollte das auch so gehen, die Bezirksverordnetenversammlung hatte 1999 diese Idee. Monatelang schüttelten die Pankower dazu den Kopf und brachten den Beschluss so schließlich zu Fall.

Wie ein Fluss teilt die S-Bahn teilt Pankow, und somit auch die Berliner Straße. Hinterm Horizont geht’s lediglich in Form einer Durchfahrts-Trasse zur Innenstadt weiter, gesäumt von blinden Schaufenstern und aufgeblasenen Hütten. In einer davon, in der man per Trockenübungen Skifahren lernen kann, werden manchmal Hochzeiten gefeiert. Der Skilehrer wundert sich darüber nicht. Weiter unten, vorbei an der Stelle, an der einmal das „Tivoli“ – Deutschlands erstes Kino – war, beschließen eine Tankstelle, ein Sexshop, alte Neubauten und ein Flohmarkt Pankows Tor zur Welt. Die Berliner Straße, morgens um neun: Zwei Männer sitzen am Tresen in einem Bistro. Der eine Mann bestellt ein Bier nach, der andere sagt: „So. Naja. Jut.“


Quelle: Der Tagesspiegel

Schläfrig wider Willen, Berlin

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