Bötzow-Gelände in Prenzlauer Berg

Berlins Brauerei-Lab

Das Bötzow-Gelände in Prenzlauer Berg wird zum Forschungszentrum mit 200 Arbeitsplätzen ausgebaut. Außerdem bietet Starkoch Tim Raue eine "Suppenküche". Am Freitag startet ein dreitägiges Familienfest.

Frisch frisierte Bodyguards im schwarzen Anzug, ein Pantomimen-König mit goldener Schleppe, das schrille Künstlerpaar Eva & Adele, in rosa Lackmäntel gehüllt, dazu ein gut aufgelegtes Bürgermeistergespann in Klassisch-Anthrazit: der Regierende Klaus Wowereit und sein Pankower Kollege Matthias Köhne (beide SPD). Mit dieser hochbrisanten Mischung aus Popart und Politik hat am Donnerstag die Umwandlung einer der letzten innerstädtischen Industriebrachen begonnen, der Bötzowbrauerei in Prenzlauer Berg.

Der Chef des Medizintechnikunternehmens „Ottobock“, Hans Georg Näder, will ein firmeneigenes Forschungszentrum in die denkmalgeschützte Industrieruine hineinoperieren. Das „Ottobock Future Lab“ soll 200 Mitarbeiter aus den Bereichen Marketing, Design und Digitalisierung beherbergen, aber auch Platz für Start-ups von Partner-Universitäten wie der TU bieten. Außerdem sind eine orthopädische Werkstatt und eine gläserne Rollstuhlmanufaktur geplant. Für das Future Lab sind 45 Millionen Euro eingeplant. 2015 sollen die Räume bezugsfertig sein. Es ist die zweite große Investition von Ottobock in Berlin, nach dem „Science Center“ an der Ebertstraße. Der Hauptsitz des Familienunternehmens bleibt aber weiterhin in Duderstadt.

Das ursprüngliche Konzept, in den denkmalgeschützten Hallen Künstler-Lofts einzurichten, ist vom Tisch. Auch von den gläsernen Bürogebäuden auf Stelzen entlang der Prenzlauer Allee hat sich der Investor verabschiedet. Dafür ist Starkoch Tim Raue in das Projekt eingestiegen. Im Atelierhaus, zwischen großformatiger Kunst, soll am 17. Mai das Restaurant „La Soupe Populaire“, übersetzt: Suppenküche, eröffnen. Raues Kreationen kosten sonst dreistellige Summen, hier werden sie für 9 bis 22 Euro zu haben sein. Die Karte besteht nur aus zehn Gerichten, die in Original-KPM-Schalen serviert werden. Anschließend können die Gäste im rauen Ambiente der Maschinenraum-Bar „Le Croco Bleu“ durch die Nacht chillen.

„Aus Brachen werden Glanzstücke“

Klaus Wowereit lobte das Bauvorhaben als „Musterbeispiel, wie sich Berlin wandelt. Aus ehemaligen Brachen werden Glanzstücke.“ Die Verbindung von kreativer Anstrengung und Vergnügen sei eine „super Idee“. Lofts wären auch schön gewesen, bemerkte er nonchalant. Bezirksbürgermeister Köhne ist da anderer Meinung: „Es ist ein gutes Zeichen, dass auf eine bestimmte Art von Wohnen verzichtet wird.“ Edel-Lofts hätten die Akzeptanz im Kiez erschwert.

Spannend sind besonders die alten Gewölbekeller, in denen früher das Bier lagerte. Im Krieg als Luftschutzbunker genutzt, dienten die Gewölbe in der DDR zeitweise als Spirituosenlager. Nach 1990 wechselten die Konzepte und Käufer für die Brauerei. Die Metro AG wollte hier einen Großmarkt einrichten, später sollte ein Einkaufszentrum entstehen. Näder will die Keller nun zu einem Basar für Geschäfte und Restaurants ausbauen.

Der 52-jährige Hans Georg Näder hat sich offenbar in das Industriedenkmal Bötzow verliebt. Berlin insgesamt empfindet er als „Faszinosum“. Bei einem Spaziergang entdeckte er zufällig das Gelände und entschloss sich, es zu kaufen. Das wilde, kolossale, ungeschminkte Berlin soll ihm jetzt helfen, die weltweit besten Leute für sein Lab zu gewinnen. Die bröckelnde Backsteinbrauerei möchte er auch den an solides Fachwerk gewöhnten Duderstädtern zeigen. Am Sonntag hat er 400 von ihnen nach Berlin zum Frühshoppen mit Bigbandmusik eingeladen. Am bereits sanierten Schornstein der Bötzowbrauerei wird von jetzt an nachts das Wort „Futuring“ leuchten – in Pink, ein Kunstprojekt, das für sich selber spricht.

Das rund 23.000 Quadratmeter große Bötzow-Gelände zwischen Prenzlauer Allee und Straßburge Straße wird vom 26. bis zum 28. April für jeden zugänglich sein. Unter dem Motto „Frühlingserwachen“ gibt es ein Kinderprogramm mit Mitmachzirkus und Musikworkshop. Die Erwachsenen können an Führungen über das Gelände teilnehmen und die Ausstellung „Futuring“ der Künstler Eva & Adele besuchen. Der Eintritt ist frei.


Quelle: Der Tagesspiegel

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