Gesundbrunnen, Wedding
Die Bornholmer Straße im Wedding

Bescheidene Berühmtheit

1989 sprach plötzlich jeder von der Bornholmer Straße. Der Mauerfall trug ihren Namen in die ganze Welt. Wer auf der Straße heute der Vergangenheit nachspüren will, sucht die Gedenkstätte auf, die mit Bildern an das historische Ereignis erinnert.

Eine seltsame Straße: Wenn in Berlin vom Mauerfall gesprochen wird, ist schnell die Rede von der Bornholmer Straße. Sie macht sich nichts daraus, gibt nicht an, ist bescheiden und will nichts Besonderes sein. Seit 1903 trägt sie ihren Namen, und obwohl sie von außergewöhnlicher historischer Bedeutung ist, verlangt sie nicht nach einem anderen. Der neugierige Stadtspaziergänger muss seine Fantasie bemühen, wenn er sich die Geschichte vergegenwärtigen möchte: Seit 20 Jahren flimmern die Szenen in einer schieren Endlosschleife über die Schirme. Es sind bewegende Bilder von jubelnden Ost-Menschen, die die Grenze gen Westen überschreiten. Sie waren gekommen, um Schabowski augenblicklich beim Wort zu nehmen. Oberstleutnant Harald Jäger gab kurz nach 23 Uhr den Befehl „Macht den Schlagbaum auf!“.

Was wohl dem Grenzwächter in diesem Moment durch den Kopf ging? Er war ratlos, so beschreibt es das Buch “Der Mann, der die Mauer öffnete“: “Das Bild unterscheidet sich gänzlich von den theoretischen Bedrohungsszenarien der Vergangenheit. Ein massenweiser Ansturm auf eine Grenzübergangsstelle war zur Horrorvision stilisiert worden. (…) Nun aber sieht er keineswegs eine aggressive, rachelüsterne Meute vor sich, sondern fröhliche Menschen, die jubeln und tanzen. Harald Jäger erlebt den feindlichen Akt gegen die Staatsgrenze der DDR als riesiges Volksfest.“

Seit 2010 erinnert eine Gedenkstätte an die Grenzöffnung

20.000 Menschen laufen in dieser Nacht an Jäger vorbei über die Bösebrücke – pro Stunde. Das sagt jedenfalls heute eine Stimme aus dem Lautsprecher einer jener Tonsäulen, die entlang der einstigen Grenze installiert wurden. Die Stiftung Berliner Mauer ließ die Säulen errichten. Neben der Säule informiert eine Gedenkplatte an einem Stück Mauer: “An der Brücke Bornholmer Straße öffnete sich in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 erstmals seit dem 13. August 1961 die Mauer. Die Berliner kamen wieder zusammen.“ Jedes Jahr aufs Neue treffen sich am neunten November die Menschen hier mit ihrem Bezirksbürgermeister, besinnen sich, zünden Kerzen an. Berühmtheiten sind häufig zugegen bei diesem Anlass, die Kanzlerin zum Beispiel und Lech Walesa, selbst Michail Gorbatschow.

Niemand hatte je die Absicht, einen weißen Strich mitten auf der Bösebrücke zu ziehen, an der Stelle, wo die eine Welt zu Ende war und die andere begann. Lange waren hier keine Bildertafeln aufgestellt, alle Beteiligten hatten Willy Brandts Vision “Berlin wird leben und die Mauer wird fallen!“ sehr ernst genommen. Nur auf der rechten Seite, wenn man von der Schönhauser Allee kommt, blieben die Platten der Hinterlandmauer erhalten, aus dem pragmatischen Grund, die Kleingartenanlage Bornholm I zu schützen. Wilder Wein wächst über die Mauer, die Sprayerszene hatte ihr längst eine Zweitfunktion als Beton-Leinwand zugewiesen. Genau hier entstand 2010 der “Platz des 9. November 1989“, mit in den Boden eingelassenen rostigen Stahlbändern, Infotafeln und Zierkirschen.

Zu Grenzzeiten war hier nichts los

Eine Etage tiefer, wo die Jogger unter der Bösebrücke entlanglaufen, dehnt sich in geringer Entfernung wildes Biotop, ein Mauerpärkchen mit Unkraut, auch Unrat. “Det war bis 89 Jrenzjebiet“, erinnert sich eine ältere Frau, “absolut tote Hose“ habe damals hier geherrscht, viele sind weggezogen, denn für jeden einzelnen Besucher mussten sie einen Passierschein beantragen. “Die DDR hatte für alles vorgesorgt, und dann passiert so wat!“, resümiert die Frau, sie zerrt an der Leine mit dem braunen Bellknäuel. “Nie wieder!“

Über die Stahlbogenbrücke rollt eine Straßenbahn. Hier Gesundbrunnen, dort Prenzlauer Berg. Die “Bornholmer“, so nennen sie die Anwohner, ist eine breite Ost-West-Trasse, die Bäume am Rand verschlucken den Lärm, je mehr man sich der Schönhauser Allee nähert, desto dichter folgen neue Läden und internationale Kneipen aufeinander, zwei rote Herzen leuchten über dem Eingang von “Angie’s Non-stop-Zimmervermietung“, die “Goldene Hausnummer“, mit der die DDR schönes Wohnen auszeichnete, ist noch neben den Eingängen befestigt, die meisten der vierstöckigen Häuser sind saniert.

Fast niemand, der die Grenzöffnung an der Bornholmer erlebt hat, wohnt noch hier

Von denen, die vor zwei Jahrzehnten die Grenzöffnung hier erlebt haben, ist fast niemand mehr da. rar. Schornsteinfeger Ingo Detner erklärt das so: Ältere Bewohner trieben mitunter die bautechnischen und finanziellen Folgen von Totalsanierungen in andere Gegenden, große Wohnungen entdeckten Wohngemeinschaften für sich, kleinere, auch im Hinterhof, sind gerade bei jungen Leuten beliebt.

Neue Cafés gibt es überall, an ihrer Kundschaft lässt sich der Einwohner-Austausch im Kiez erkennen. Die guten alten Kachelöfen weichen Etagenheizungen. “Dann geht die Miete hoch, bamm, und wir Schornsteinfeger sind raus“, sagt der Glücks-Mann. Als die Mauer fiel, war er elf Jahre alt, vor Freude hat er übrig gebliebene Silvesterraketen in den Himmel geschossen. Wo? “Auf Fort Hahneberg. Ich bin ein Spandauer.“

Weitere Artikel zum Thema Wohnen + Leben

Kultur + Events | Wohnen + Leben

Top 10: Berliner Nörgelthemen

Berliner jammern gern. Und weil das Wetter und die lieben Nachbarn einfach zu wenig hergeben, […]