Bemalte Brandmauern in Berlin

Fassadenkunst verblasst

Am S-Bahnhof Tiergarten verblasst das Wandgemälde "Weltbaum" von Ben Wagin.
Am S-Bahnhof Tiergarten verblasst das Wandgemälde "Weltbaum" von Ben Wagin. Zur Foto-Galerie
Hunderte von Gemälden und Graffiti prangen in überdimensionalem Format an Berliner Brandmauern. Die Halbwertszeit der Fassadenkunstwerke beträgt drei, vielleicht vier Jahrzehnte, dann wird es eng mit dem Wiedererkennungswert. Verfechter der Streetart-Variante wünschen sich, dass die Bilder erhalten bleiben. Doch Denkmalschutz für Berliner Brandmauern ist bislang nur ein Gedanke.

In ein paar Sekunden gibt’s einen gehörigen Knall. Ein Schiff bei voller Fahrt, ein Kran, der auf einer Baustelle direkt davorsteht, das geht doch nicht gut. Zum Glück aber ist der Dampfer „Phoenix“ nur ein Giebelgemälde an einem Gründerzeithaus und sein Schöpfer Gert Neuhaus ein kultivierter Charlottenburger Bürger. Höflich fragt er die Kranmonteure, ob der Bau bald sein Brandmauerbild in der Wintersteinstraße 20 verdecken wird. Glauben sie nicht, sagen die, ohne Genaueres zu wissen, aber schade wär’s.

Da muss man ihnen recht geben. Denn der 72-jährige Gert Neuhaus ist nicht nur die weißgraue Eminenz der Berliner Fassadenmaler, sondern sein bekanntes, 1989 entstandenes Schiffsbild ist auch eine Touristenattraktion der zugigen Verbindungsstraße zwischen Otto-Suhr-Allee und Caprivibrücke.

Ein Drittel der in den letzten vier Jahren fotografierten Brandmauernbilder ist verschwunden

Dennoch bleibt der Künstler, der unlängst sein 50. haushohes Bild fertiggestellt hat, gelassen. „Diese Bilder verschwinden, das ist so“, sagt er und lächelt. Sonne, Frost und Regen halten seine Acrylfarben zwar 30 Jahre stand, jedoch nicht der Übermalung durch neue Hauseigentümer, der Wärmedämmung oder dem angrenzenden Neubau. Sechs der 45 Gemälde, mit denen Neuhaus seit 1976 das Gesicht Berlins geprägt hat, seien schon nicht mehr zu sehen, sagt er. Und jetzt, wo die Immobilienbranche brummt und die Stadt im Innern ihre Lücken schließt, verschwinden viele der durch Bombenkrieg und kapitalistischem wie sozialistischem Abräumrausch freigelegten Brandwände, die dereinst in der Blockbebauung ein Gebäude vom anderen trennten. Mit ihnen verschwinden auch die rohen Ziegel, der rankende Wein, die Einschusslöcher, die alten Werbeschriftzüge, die Silhouetten verschwundener Nachbarhäuser, die Graffiti, die Gemälde, kurz die Spuren der Zeit.

Der Fotograf Harf Zimmermann, Mitgründer der Fotoagentur Ostkreuz, will jene Bilder und Zeitspuren in seinen mit großen Plattenkameras gemachten Bildern bewahren. „Brandwand“ ist der Arbeitstitel seines in ein paar Monaten im Steidl-Verlag herauskommenden Bildbands. Von den 300 pittoresken Mauern, die er allein in den vergangenen vier Jahren quer durch sämtliche Bezirke fotografiert habe, sei inzwischen ein Drittel weg, sagt er.

Ob Denkmalschutz greifen soll, wird erst nach 30 Jahren geprüft

„Namentlich diese Wand hätte ich gern unter Denkmalschutz und restauriert gesehen“, sagt der Sammler und zeigt auf eine Fotografie, die in seinem Atelier in Mitte an der Wand pinnt. Da hat ein Fassadenmaler im Jahr 1903 ein antikes Arkadien samt Tempeln und Bäumen in einen schnöden Hinterhof im Bötzowviertel gepinselt. Inzwischen ist die Wand saniert und das Bild klebt zwar erhalten, aber – gut gemeint ist nicht zwangsläufig gut gemacht – wie eine zackenlose Briefmarke darauf. Vom paradiesischen Zauber keine Spur mehr.

Den hat auch Ben Wagins Bild „Weltbaum – Grün ist das Leben“ am S-Bahnhof Tiergarten längst eingebüßt. Mit dieser Giebelmalerei erreichte die in Mexiko populär gewordene, politisch so plakative wie dekorative Kunst am Bau über die erste deutsche Station Bremen 1975 Berlin. Mittlerweile ist das erste von später über 450 Bildern kaum noch zu erkennen. Die Fassadengemälde sind zu flüchtig für die langsam mahlenden Mühlen des Denkmalschutzes. Der greife nur, wenn das Gebäude selbst als denkmalwürdig eingestuft sei oder wenn das Bild eine eigenständige künstlerische Bedeutung aufweise, heißt es vonseiten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Um diese künstlerische Bedeutung beurteilen zu können, müssten aber erst einmal 30 Jahre vergehen.

Touristen wollen Wandbild-Führungen

„Dass der Senat das Wagin-Bild nicht hegt und pflegt, macht mich sauer“, so Norbert Martins. Seit 1975 fotografiert der ehemalige Bewag-Angestellte, der inzwischen als Pensionär in Schildow lebt, alles, was Künstler plakativ, groß und bunt auf Häuser malen. 750 Graffiti und Gemälde zählt seine Datenbank, ein Drittel davon ist schon lange wieder verschwunden. Auch sein 1989 erschienenes Buch „Giebelphantasien“ ist vergriffen, doch auf seiner Internetseite dokumentiert er fleißig weiter den Bestand. Auf Anfrage gibt er sogar Wandbild-Führungen, selbst Dänen und Franzosen rufen deshalb bei ihm an.

Für Martins, der eine unglaublich lange Liste an Namen von Graffitikünstlern und Fassadenmalern herunterrattern kann, die sich hier mit ihrer vergänglichen Kunst verewigt haben, ist es klar, dass zumindest ein paar Bilder geschützt werden sollten. „Die sind für die Stadt sehr wichtig.“ Ein zeitgeschichtlich bedeutsames Bild wie Wagins „Weltbaum“, das künstlerisch die Hausbesetzer- und Ökobewegung einläutete, gehört für ihn genauso dazu wie Gert Neuhaus’ mit auffallender perspektivischer Präzision ausgeführte „Phoenix“.

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Quelle: Der Tagesspiegel

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