Ein Stadtteil mit Stolz

Berlin liegt östlich von Spandau

Altstadt Spandau: Blick auf die St. Nikolai-Kirche.
Altstadt Spandau: Blick auf die St. Nikolai-Kirche.
Tagesspiegel-Reporter Lucas Vogelsang machte sich auf die Suche nach dem wahren Spandau. Dort fand er neben Geschichten von abgebröckeltem Altstadtcharme, Jugendkriminalität und Spießeridylle einen Bezirk, der einen positiven Patriotismus an den Tag legt.

Wenn Tagesspiegel-Redakteur Lucas Vogelsang früher im Urlaub gefragt wurde, woher er denn komme, war die Antwort offensichtlich: Berlin. Schließlich würde jemand aus Schöneberg genauso mit Berlin antworten. Wollte man es noch genauer wissen, kam dann: Spandau. Ein desinteressiertes aha und ein Zucken der Schultern waren dann die Ausbeute dieses Glanzstückes an Information.

Die Suche nach dem Stolz

Mittlerweile am neuen Standort in Mitte sehen die Reaktionen seiner Mitmenschen etwas anders aus: „Ihr da draußen in Spandau, ihr seid ja schon ein Völkchen.“ Ist noch die nette Variante. Denn das Bild Spandaus ist für viele ein Konstrukt aus Elendsviertel am Ende der U7, RTL2-Reportage, bei der das Ordnungsamt Streife fährt, Migrationsproblematik und Kriminalität. Jedoch steckt auch in diesen Vorurteilsbildern, wie bei allen Klischees, ein Körnchen Wahrheit. Spandau verslumt und das schon seit Jahren.

Er erinnert sich noch an seine Bullerbü-Kindheit und die damalige Spielstraßen-Romantik. Der Kaiser’s von einst ist längst verschwunden, der Kleinstadtbäcker „Rösler’s Feinbäckerei“ wurde zum Wettstudio. „Neuköllner Verhältnisse“ hat das mal jemand genannt. Letztes Jahr zogen rund 750 Leistungsempfänger nach Spandau. Sie mussten aus der Innenstadt weichen und kamen in die Hochhaussiedlungen am Rande des Randes. Laut Statistik liegt die Arbeitslosenquote bei 15 Prozent. Aber sind diese Zahlen schon alles? Denn den Spandau-Stolz, den gibt es noch immer. Ob im kuscheligen Familienidyll von Kladow oder im achten Stock der Problemkiezplatte. Man muss nur danach suchen.

Vom Mau-Mau-Viertel zum Schlüssel der Nacht

Ismael Öner ist 33 Jahre alt. Der Diplom-Sozialarbeiter ist der Mann mit dem Schlüssel zur Spandauer Nacht. Immer freitags, 21.30 Uhr, öffnet er Sporthallen, um Jugendliche für eine Weile von der Straße zu kriegen. Mit dem Projekt Mitternachtssport engagiert er sich für seinen Bezirk. Denn vor allem ist er Überzeugungs-Spandauer: „Ich bin ein Spandau-Nationalist.“ Erzählt er auf dem Weg nach Haselhorst.

Für Ismael Öner ist eine Aufschlüsselung Spandaus nur in der ehemaligen Kleinraumsiedlung am Pulvermühlenweg möglich. Im Volksmund der 60er Jahre hieß diese nur „Mau-Mau-Siedlung“. Die Kampfzone der Asozialen. Die Baracken für die Spätheimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg hielten lange her für Flüchtlinge und Vertriebene. Später kamen die Gastarbeiter dazu. Die Baracken der Siedlung wurden unlängst dem Erdboden gleich gemacht. Sie sind neuen, moderneren Wohnungen gewichen. Öner deutet in Richtung Havel: „Das war unser Mittelmeer.“ Das Wohngebiet war für die Mau-Mau-Kinder das Heimspielfeld. Nur selten haben sie den Platz verlassen: „Manchmal sind wir aber, um eine andere Welt zu sehen, mit dem 134er raus nach Kladow gefahren“, sagt Öner. Er erinnert sich an diese Erkundungstouren wie an eine Traumreise nach Beverly Hills: „Wir sind da durch die Straßen gelaufen und haben uns immer gesagt, so ein Haus, so ein Auto haben wir später auch mal.“

Ob Straßenkicker oder Golf: Hier hat jeder seinen Bezirksstolz

Aber es gibt auch die andere Seite. Es ist die Seite der glatt gemähten, sattgrünen Rasen, der Pastellpullunder und des Violinenunterrichts. Hier befindet sich im Schutz eines gusseisernen Tors mit gelb leuchtendem Wappen der Golfclub Gatow. Vor dem Clubhaus trifft man Friedemann Fenner, 63 Jahre alt, ehemaliger Rektor einer Realschule in Siemensstadt. Er  lebt in Gatow und fragt sich:  „Wo soll ich denn auch sonst hin?“ In Mitte oder Kreuzberg will er nicht wohnen, da würde er das Wasser und den Wald vermissen. Aber auch dieses gute Gefühl, ganz nah am urbanen Pulsschlag zu wohnen, ohne der Rastlosigkeit und  dem Szene-Irrsinn verfallen zu müssen. Nach Spandau führen, anders als nach Rom, nur drei Straßen. Da entwickelt sich ein gewisses gallisches Gefühl. Wir sind hier, die sind dort.

Spandau kam schon immer gut ohne Berlin klar. Deshalb stellt es für die Alteingesessenen hauptsächlich ein Potpourri aus Erinnerungen an eine kleine, in sich geschlossene, hauptstadtautarke Welt dar. Ob Café Breakfast, Billard spielen in der Wampe, oder Die Ärzte hören im Ballhaus. Berlin liegt bei Spandau. Das sagt den Leuten hier etwas. Aus diesem Grund gibt das Spandauer Urgestein Fenner nun auch diesen wunderbaren Ur-Spandauer-Satz von sich: „Wenn die Berliner sagen, wir wären ein anderes Völkchen, dann ist das gleichzeitig Geringschätzung und Respekt.“

Freitag um 22 Uhr steht Ismael Öner in der Sporthalle der Bertolt-Brecht-Schule und ist bereit für den Beginn des Turniers. Er ist hier der „Issi abi“, der große Bruder: „Für die Jungs bin ich real, authentisch. Weil ich hier in dem Milieu arbeite, dem ich selbst entstamme.“ Da scheint wieder das große Thema des Bezirks hervor: die Identität. So kann man sich schon denken, dass der Mitternachtssport seine Wiege in der Mau-Mau-Siedlung hat. Für zwei Bierdosen, inklusive Inhalt, bekam damals Öner den Schlüssel für die Sporthalle zugesteckt. Dort haben er und seine Freunde sich ausgetobt, statt „Action“ zu machen, wie er sagt: „Deshalb war es für mich immer klar, dass ich das hier machen will, in Spandau“, sagt Ismael Öner. „Ich wollte dem Bezirk etwas zurückgeben.“


Quelle: Der Tagesspiegel

Berlin liegt östlich von Spandau, Pulvermühlenweg, 13599 Berlin

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