Kulturprojekt auf dem Tempelhofer Feld

Die etwas andere Weltausstellung

Ein echtes Mammutprojekt für das HAU: Pavillon der "Großen Weltausstellung" auf dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhof.
Ein echtes Mammutprojekt für das HAU: Pavillon der "Großen Weltausstellung" auf dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhof.
Das Theater Hebbel am Ufer bekommt bald einen neuen Intendanten. Der aktuelle, Matthias Lilienthal, verabschiedet sich mit einem aufwändigen Projekt im Tempelhofer Park: Auf dem ehemaligen Flughafengelände veranstaltet das HAU eine "Große Weltausstellung". In verschiedenen Pavillons vermischen sich Kunst und Theater oder wechseln sich ab – mit kritischem Blick auf die 'echte' Expo.

Eine Weltausstellung darf sich erst „groß“ nennen, wenn sie 40 Millionen Menschen besucht haben – eigentlich. Doch das hat die Kreuzberger Theatermacher nicht gekümmert, als sie ihrem Vorhaben auf dem Tempelhofer Feld seinen Namen gaben. Für ihre Verhältnisse ist es ohnehin ein Riesenprojekt, das im Übertitel „The World Is Not Fair“ mit dem Doppelklang des englischen Wortes für Messe und Gerechtigkeit spielt.

Es handelt sich um eins von zwei großen Abschiedsprojekten des scheidenden künstlerischen Leiters Matthias Lilienthal. Die Gegen-Weltausstellung auf dem Ex-Flughafen wird sich kritisch, ironisch und künstlerisch mit der Geschichte der internationalen Leistungsschau beschäftigen. Dabei regieren die Freude am Widerspruch und die Nostalgie – denn wahre Innovationen werden ja längst im Netz präsentiert, nicht am Messestand.

Pavillons im neuen Zentrum Berlins

15 Pavillons säumen das Feld, in denen die beteiligten Künstler und Gruppen ihre Performances und Installationen zeigen werden. Das HAU hat sich während Lilienthals neunjähriger Amtszeit stets als Stadt-Theater im wörtlichen Sinn verstanden, jetzt geht man noch einmal raus in den urbanen Raum. Weder der Ku’damm noch Mitte seien das Zentrum Berlins – für den wahren Knotenpunkt hält Lilienthal im Sommer den Schlenderboulevard Tempelhof, auf dem sich Zehntausende vergnügten: „Was bei meinen Eltern der Schaufensterbummel war, ist heute das Kite-Surfen auf der Landebahn.“ Entsprechend begründet er die Wahl des Event-Standorts auf der Flanierfläche mit seiner „Lust am Populistischen“. Da käme, scherzt Lilienthal, der Harald Juhnke in ihm durch.

Tempelhof sei „die große innerstädtische Fläche im Umbruch“, stimmt auch Benjamin Foerster-Baldenius zu. Er ist Architekt des Experimentierbüros raumlaborberlin, das für Konzept und Gestaltung des Projekts verantwortlich zeichnet. Die Stadtdenker arbeiten nicht zum ersten Mal mit dem HAU zusammen: Unter anderem setzten sie für Lilienthal den Palast der Republik unter Wasser und entwarfen ein Kreuzberger Nahverkehrssystem.

Kritischer Blick auf die Expos

Foerster-Baldenius steht auf dem Dach des „Pavillons der Weltausstellungen“. Dieser stellt eine Art Infozentrum dar, wo in Kooperation mit dem Künstler Erik Göngrich die Ergebnisse der Recherche über die Expos zusammengetragen sind, die Foerster-Baldenius mit seinem Planungspartner Matthias Rick angestellt hat. Leider verstarb Rick Ende April bei einem Unfall, ihm ist das Projekt nun gewidmet.

Foerster-Baldenius lässt seinen Blick über das Flugfeld schweifen. Nicht weit entfernt wird der Pavillon von Harun Farocki montiert, der den Einfluss der digitalen Welt auf die reale zum Thema hat. In der Ferne ist ein Riesenrad zu sehen, das zum Bau von Tamer Yigit und Branka Prlic gehört, die Wanderbewegungen der Gegenwart reflektieren. Der Architekt schätzt, dass zwölf bis 13 voll beladene Sattelschlepper nach Tempelhof gefahren sind. Anderthalb Jahre dauerte die Planung, seit Ostern wird gebaut, das Budget umfasst 450.000 Euro. Es ist eine logistische Großtat für das HAU, die absichtliche Überforderung.

Auf einer Tafel hinter Foerster-Baldenius sind Bilder der Wahrzeichen vergangener Weltausstellungen zu sehen, der Eiffelturm neben dem Atomium neben der Space Needle. 160 Jahre Expo-Geschichte auf kleinem Raum. Foerster-Baldenius findet, dass die Weltausstellungen gestern wie heute vor allem einem Zweck dienen: „Wenn China heute in Schanghai eine Expo veranstaltet, geht es auch nur darum, der Welt die eigene Macht zu demonstrieren“, sagt er. „Deswegen hat das Land selbst den größten Pavillon.“

Nachhaltige Brückenbauer

Von einer Machtdemonstration hat „The World Is Not Fair“ wenig. Foerster-Baldenius sucht den Kontrast zu den „angeberischen Großevents“, die es ja auch in Berlin gäbe. Dazu passt in seinen Augen, dass die weitere Umwandlung des Tempelhofer Parks mit der Feier einer Internationalen Gartenausstellung 2017 auf dem Gelände verknüpft werden soll. Schnellschuss-Planung, kommentiert er. Am HAU werden sie intelligenter und nachhaltiger agieren. Das Spektakel arbeitet mit den Gegebenheiten vor Ort, etwa durch die Integration von sechs Bestandsgebäuden in den Pavillonbau: von der ehemaligen Wetterstation über den Munitionsbunker bis zum Diensthunde-Zwinger der US-Army.

„The World Is Not Fair“ baut tatsächlich eine Brücke über die Kontinente und führt Künstler aus verschiedenen Erdteilen zusammen. Und wie zu seiner gesamten Amtszeit am HAU denkt Matthias Lilienthal auch in Tempelhof Theater, Film und Bildende Kunst zusammen. Die „Große Weltausstellung“ widmet sich außerdem der Globalisierung als kulturellem Phänomen. Oder wie es Lilienthal ausdrückt: „Wir entreißen den Investmentbankern den Globalisierungsbegriff und werten ihn um.“

„The World Is Not Fair – Die Große Weltausstellung 2012“: 1. bis 24. Juni, Tempelhofer Park, ehemaliges Flughafengelände. Donnerstag und Freitag 16 bis 22 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 22 Uhr. Tickets erforderlich!


Quelle: Der Tagesspiegel

Tempelhofer Feld, Columbiadamm 110, 10965 Berlin

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Blick aufs Tempelhofer Feld.

Blick aufs Tempelhofer Feld.

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