Die Gebärdensprachfilmwoche im Babylon Mitte

Metapher der Taubstummen

Aus dem Dialog der Hände wird ein Dialog der Cineasten.
Aus dem Dialog der Hände wird ein Dialog der Cineasten.
Rosa-Luxemburg-Platz - Ab Donnerstag bespielt die Gebärdensprachfilmwoche Hörende wie Gebärdensprachler mit einer riesigen Auwahl an Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilmen. Den ganzen Tag über kann man sich mit einer Tageskarte ins Kino setzen und internationale Filme genießen. Besonders beeindruckend auf dem Festival: Der koreanische Spielfilm "Silenced".

Im Ausland gibt es das schon etwas länger: „Deaf Film Festivals“ sprießen wie zarte Blumen überall dort, wo auf Inklusion und Barriere-Überwindung gesetzt wird. Berlin zieht nun nach und zeigt Filme für Gebärdensprachler. Die vier Tage stehen ganz im Zeichen der Zeichensprache, auch was die Filmauswahl angeht: Wer sich jetzt einen gestikulierenden Dolmetscher am oberen rechten Bildschrimrand irgendeines Blockbusters vorstellt, wird positiv überrascht, denn tatsächlich werden echte Taubstummen-Filme gezeigt. Das heißt, die Handlung des jeweiligen Films bezieht sich auf Taubstummheit. Die Protagonisten sind gehörlos und gestikulieren sich durch das Geschehen. Im Gegensatz zu den Ereignissen in den Spielfilmen bleibt im Publikum niemand außen vor – die Filme sind untertitelt, sodass auch Menschen mit dem Handicap des Nicht-Gebärdensprache-Sprechens in vollen Filmgenuss kommen.

Es werden Dokumentarfilme und Dramen, Komödien und Kurzfilme gezeigt, manche sind in deutscher Gebärdensprache, andere auf Englisch. Besonderes Arthouse-Flair dürfte „Silenced“ versprühen, gerade weil das südkoreanische Drama ziemlich harten Tobak vermittelt: Der frisch eingestellte Lehrer Gang In-ho tut sich schwer mit seinen hörgeschädigten Kindern. Sie wirken allesamt sehr apathisch und verstört. Er braucht nicht lange, um zu merken, dass sie von den anderen Lehrkräften systematisch sexuell missbraucht werden. Bei der Schuldirektion, Polizei und Kirche rennt er aber gegen eine Mauer des Schweigens. Im Spielfilm trifft die Gehörlosigkeit der Kinder als reales Artikulationsproblem auf die Metapher der „Taubstummen“ für den Schweigemantel, der über der Schule liegt. Darüber hinaus versetzt der Film aus Südkorea das Publikum in gespenstische Hilflosigkeit. Ohne Kenntnisse der koreanischen Gebärdensprache sind bei englischen Untertiteln alle gleichwertig im Zuschauerraum – Hörende wie Gebärdensprachler.

Dieser und 43 weitere Filme an vier Tagen lassen nun auch Berlin zu einem Anlaufpunkt für Gebärdensprachler werden. Mit der breiten Film- und Sprachauswahl schafft es die Gebärdensprachfilmwoche, über das vermeintliche Manko „deaf“ bzw. „Gehörlosigkeit“ hinauszugehen. Es lässt sich allein durch den sprachlichen Fokus des Festivalnamens nicht auf die körperliche Einschränkung herab, sondern zeigt die non-verbale Fähigkeit zur Zeichensprache auf. Vom 25. bis 28. September findet kein Gehörlosenfilmfest im Babylon statt, sondern die Gebärdensprachfilmwoche. Allein damit liegt Berlin vor den „Deaf Film Festivals“ in Seattle und Sydney.

Das Festival findet vom 25. bis 28. September im Babylon Mitte statt, ab 9:30 Uhr werden Filme gezeigt, Tageskarten kosten 7 Euro, für Jugendliche bis 16 Jahren nur 3 Euro. Familientageskarten für zwei Erwachsene und drei Kinder kosten nur 10 Euro. Mehr Infos gibt es hier.

Übrigens wird „Silenced“ am Freitag um 18:00 Uhr laufen.


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Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin

Telefon 030 2425969
Fax 24727800

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Kasse täglich ab 17:00 Uhr und ab 30 Minuten vor der ersten Vorstellung

Das Babylon in Mitte: Hier gibt's die Filme abseits des Mainstreams.

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