Berliner Untergrund

Der Kenner der Steine

Alexander Limberg, oberster Geologe des Landes Berlin, vor seinem Bohrteam.
Alexander Limberg, oberster Geologe des Landes Berlin, vor seinem Bohrteam.
7000 Besucher machten sich gestern auf zum "Tunneltag" in Mitte. Die BVG öffnete für einige Stunden den Tunnel der gesperrten U-Bahn-Linie U6 zwischen Friedrichstraße und Französische Straße und zahlreiche Schaulustige traten zur Wanderung durch die Unterwelt an. Alle, die nicht dabei sein konnten, führen wir in den nächsten Tagen durch den verborgenen Untergrund. Los geht's mit einem genauen Blick auf das Berliner Gestein.

An der Schönerlinder Chaussee im Norden der Stadt erzittert dieser Tage der Boden. Ein Spezialfahrzeug rammt immer wieder einen Stahlzylinder in den Boden, befördert Kies und Sand aus dem Untergrund an die Oberfläche und gräbt sich danach wieder ein Stückchen tiefer in den Berliner Boden.

Doch wer hofft, dass an dieser Stelle Bodenschätze oder Erdöl gefördert und Berlin bald aus seiner Finanzkrise gerettet werden kann, der täuscht sich. „Hier entsteht eine neue Grundwassermessstelle“, erklärt Alexander Limberg, der Leiter der Gruppe Geologie und Grundwassermanagement in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt.

Trinkwasser aus dem Untergrund

Er widmet sich an dieser Stelle der vielleicht wichtigsten Berliner Ressource. „Wir sind die einzige Großstadt in Mitteleuropa, die ihren Bedarf an Trinkwasser ausschließlich mit eigenen Vorkommen aus dem Untergrund decken kann“, so Limberg. Damit die gleichbleibend hohe Qualität des Wassers garantiert ist, sind die Grundwassermessstellen im Einsatz. Sie bestehen aus PVC-Rohren, die Wasserproben an die Oberfläche leiten und über eventuelle Verschmutzungen und Veränderungen des Pegelstandes Auskunft geben.

2000 solcher Messstellen sind im Berliner Stadtgebiet verteilt. In Berlin-Buch entsteht der nächste Qualitätsgarant und das geborte Loch ermöglicht einen Einblick in die geologische Entstehung des Berliner Untergrundes.

Auf seinem Weg frisst sich der Bohrer tief in die Erdgeschichte. Oben durchbricht er die jüngeren Erdschichten, je tiefer er vorstößt, desto älter ist das zutage geförderte Gestein. „Die obersten Schichten, die für uns interessant sind, haben wir alle den Eiszeiten zu verdanken“, so Limberg. „Hätten die riesigen Gletscher aus dem Norden, die teilweise bis zum Erzgebirge reichten, nicht so viel Sand und Steine in unsere Region geschoben, würde Berlin heute 30 Meter unter dem Meeresspiegel liegen.“

Schlamm mit Geschichte

Der Boden um das blaue Einsatzfahrzeug ist mittlerweile zur Ruhe gekommen. Der Stahlzylinder wird an der Oberfläche von seinem Inhalt befreit: Grauer Schlamm sammelt sich in Eimern. Drei Meter unter der Wiese an der Schönerlinder Chaussee beginnt das Grundwasser, erklärt Limberg. Darunter sei alles „wassergesättigt“. Der entsprechende Matsch kann von den Experten genau zugeordnet werden. „10 Meter“ steht auf einer Plastikwanne, „11 Meter“ auf der daneben.

Limberg greift in einen der Eimer, reibt eine kleine Menge des Schlamms zwischen den Fingern und erklärt fachkundig: „Sehr hoher Schluffanteil, Feinsand höchstens fünf Prozent.“ Die nächste Probe wird mit ein wenig Salzsäure versetzt und beginnt zu schäumen. „Kalk ist auch drin, typisch für Gletschersedimente aus dem Norden“, erklärt der Geologe. Den Kalk haben die Gesteinsschichten auf ihrem Weg Richtung Süden abgeschabt und unter ihrem tonnenschweren Gewicht mit dem mitgeführten Schutt vermengt.

„Nicht alles ist fein zermahlen, es finden sich auch vereinzelt größere Brocken“, so Limberg. Er holt einen Stein aus dem Eimer hervor und wischt ihn sauber. Es ist ein rot-grau-grün schimmernder Granitbrocken, der „vom Gletscher mitgebracht wurde, entstanden vor ein paar hundert Millionen Jahren“, weiß der Gesteinsexperte. „Das ist mal wirklich ein alter Schwede.“

Kohlestadt Berlin?

Die nächste Ladung Schlamm wird von Limbergs Mitarbeitern herangewuchtet und in die entsprechenden Wannen gefüllt. Das Material stammt nun aus dem Bereich „11 Meter“ bis „12 Meter“ und wieder kann Limberg seine Finger nicht davon lassen. „Hier, in dem Sand finden sich auch Braunkohlestückchen.“ Selbst für den unkundigen Betrachter wirkt die neue Fuhre etwas dunkler.

„Die Kohle ist nicht ursprünglich an dieser Stelle entstanden, sondern auch nur in kleinen Fetzen vom Gletscher hierhergeschleppt worden“, erklärt Limberg. Berlin könne zwar in tieferen Lagen durchaus einige Kohlevorkommen aufweisen, doch die seien nur ein bis zwei Meter dick. „Der Abbau würde sich keinesfalls rentieren.“ Schade, doch keine alternative Einnahmequelle für eine notorisch klamme Hauptstadt.


Quelle: Der Tagesspiegel

Der Kenner der Steine, Schönerlinder Chaussee, 13125 Berlin

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