Die Mulackstraße in Mitte

Modemeile und Milljöh

Die Mulackstraße in Mitte ist so etwas wie ein inoffizieller Hotspot der Berliner Jungdesigner. Touristen und Filmteams steuern die hippe Seitenstraße gezielt an. Da kann es schon mal passieren, dass man vor der eigenen Haustür angeschnauzt wird, weil man im Weg ist.

Inzwischen habe ich akzeptiert, dass ich in meinem Kiez das Prekariat bin. Die Stiefel von A.P.C. sind schön, aber alles andere als erschwinglich. Bezaubernd auch der Seidenschal von Lala Berlin, mit dem unlängst Claudia Schiffer gesichtet wurde – 200 Euro. Das cappuccinofarbene Abendkleid des Designers Ha Duong aus Vietnam. Meine Wunschliste ist unendlich lang.

Vor wenigen Jahren flog ich aus Prenzlauer Berg raus. Meine Ex-Vermieterin, sie möge in der Hölle schmoren wie die vorzüglichen Kartoffeln im Ofen von Daniel Bixel (Mulackstraße 38), meldete Eigenbedarf an und zog kurz nach dem Einzug wieder zurück nach Charlottenburg. Ich hasse sie. Und ich liebe sie auch ein kleines bisschen, denn sie trieb mich weiter gen Süden, über die Demarkationslinie Torstraße. Sechs Wochen hatte ich Zeit, mir ein neues Zuhause zu suchen. Ich fand die vermutlich letzte unsanierte, halbwegs erschwingliche Altbauwohnung im Scheunenviertel – eine geschmackvolle Bruchbude, mehrfach linoleumverklebt, im Epizentrum des internationalen Luxuskonsums.

Die Mulackstraße weckt Begierde, damit muss man erst einmal zurechtkommen. Zudem ist sie das natürliche Habitat der Modepolizei in Form von Bloggern wie Bryan Boy. Noch nie hat mich einer fotografiert, dabei bemühe ich mich schon beim Brötchenholen. Sogar die Politessen sehen hier viel besser aus als anderswo, wenn sie täglich durch die Straße stieben.

Manchmal sind Filmteams vor Ort

Gelegentlich weckt mich nachts das lautstarke Fluchen eines Porsche-Parkers. Offenkundig kann ein Bündel Knöllchen solch einen Wachsjackenträger allen Ernstes aus der Fassung bringen. „Das musst du verstehen: Viele glauben eben, dass in der Mulackstraße nur Schaufensterpuppen wohnen“, sagte kürzlich eine Bekannte. „Vielleicht fühlen sich die Menschen deswegen so unbeobachtet“, erwiderte ich, „wenn sie unsere ruhige Seitenstraße wählen, um sich zu streiten, an die Hauswände zu pinkeln oder beim Windowshopping in Ruhe zu telefonieren.“

Hin und wieder finden auch Filmarbeiten statt. Einmal habe ich einem Team aus Asien zugeschaut. Sie drehten immer wieder dieselbe Szene: Gellend schrie ein Mädchen auf, dann hüpfte es auf und ab – und rannte davon. Direkt vor unserer Haustür stand ein Catering-Wagen, als ich an ihm vorbeigehen wollte, ranzte mich eine Frau auf Englisch an. In dem Moment bedauerte ich, dass ich mein „I’m not a tourist, I live here“-T-Shirt schon vor über 15 Jahren weggeworfen hatte.

Nur Betty F***, eine Schwulenbar im Souterrain (Mulackstraße 13), vermittelt eine Idee davon, was die Straße früher einmal gewesen sein muss: ein Hangout für Leute wie Bertolt Brecht und Marlene Dietrich. Wer stark genug ist, ein gerüttelt Maß Nostalgie zu verkraften, kann im Gutshaus Mahlsdorf die Requisiten der 1951 für immer geschlossenen Kneipe „Mulackritze“ besichtigen – Charlotte von Mahlsdorf hat sie gerettet. Ein Milljöh wuchs hier, in dem der Ringverein „Immertreu“ von sich reden machte, stets voran Adolf Leib, auch bestens bekannt als Muskel-Adolf. Leib gab Fritz Lang als Informationsquelle für den Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ Auskunft.

Das Döblin’sche Hinundherlungern gehört zur Straße dazu

Der „Spiegel“ schrieb über den Kiez: „Einst sammelte sich hier das Lumpenproletariat der Stadt“ und weiter: „Kaschemmen und Kramläden, Nutten und Luden, Trödler und Ganoven bestimmten das Bild. In den Straßen, durch die er später seinen strafentlassenen Franz Biberkopf tigern ließ, beobachtete Alfred Döblin ein dauerndes ,Hinundherlungern’.“

Das mit dem Hinundherlungern im Sinne Döblins hat sich nicht geändert. Heute scharwenzeln Touristen mit Fotokameras aus den nahe gelegenen Hostels die Mulackstraße hoch und wieder runter, hauen sich die Bäuche voll mit der unübertroffenen Feigenpasta vom „Mädchenitaliener“ – der kulinarischen Institution der Straße schlechthin. Die Sache mit den „Nutten und Luden“ stimmt übrigens auch teilweise. Seit der Straßenstrich rund um den Hackeschen Markt offiziell in der Hand der „Hells Angels“ ist, kann man nach Sonnenuntergang Ecke Gormannstraße waschechten Zuhältern bei der Arbeit zusehen. Einer von ihnen fährt, wenn ich nicht irre, ein rosafarbenes Coupé. Unauffällig ist anders.

Die Mulackstraße: Brooklyn, Shoreditch, das Marais und Klein-Chicago, ja. Aber Prenzlauer Berg? Nein, sicher nicht. So langweilig wird die Mulackstraße nie.


Quelle: Der Tagesspiegel

Modemeile und Milljöh, Mulackstraße, 10119 Berlin

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