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Neue Leitung im Maxim Gorki Theater

Die haben etwas vor

Die haben etwas vor
Shermin Langhoff und Jens Hillje bilden die neue Leitung des Maxim Gorki Theaters und bringen viele neue Impulse mit.
Das Maxim Gorki Theater hat eine lange Geschichte und schon einige Intendanten hinter sich. Jetzt gibt ihm das neue Duo an der Spitze einen neuen Anstrich.

Auf einem kleinen Platz zwischen alten Gebäuden steht ein Theater mit Tradition. Es hat aber nicht nur seine eigene kleine Tradition, sondern die Zusammenkunft vieler kleiner Epochen und Einflüsse. Errichtet wurde es mit der Hilfe Karl Friedrich Schinkels. Zu Ruhm kam es durch den Bürgerchor der Sing-Akademie, welcher damals über die Landesgrenzen hinaus als erster gemischter Chor bekannt wurde. Die Kosmos-Vorlesungen Alexander Humboldts hielt dieser hier ab. Der heutige Name „Maxim Gorki Theater“ wurde dem Haus in den fünfziger Jahren gegeben. Als kleinstes Staatstheater Berlins eröffnet es viele Möglichkeiten. Intendanten wie Bernd Wilms, Albert Hetterle und Armin Petras brachten das Gorki durch unterschiedliches politisches Klima und machten es groß über die Jahre.

Aus der Tradition wird ein Neubeginn. 1988 wurde unter Thomas Langhoff zum ersten Mal „Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun im Osten gezeigt. Das Stück war ein Symbol der bröckelnden DDR. Shermin Langhoff führt als Schwiegertochter des Regisseurs die Tradition des Neuen fort. Ab 2013 wird die neue Intendantin das Ensemble und das Theater herausfordern und unbetretene Pfade gehen lassen.

Wie man sich eine Intendantin angelt

Shermin Langhoff mit ihrer langjährigen Erfahrung in der Theaterleitung hat nicht nur das Ballhaus in der Naunynstraße durch postmigrantisches Theater zum Erfolg gebracht, sie wurde auch wegen ihrer beinharten Führungsqualitäten zusammen mit ihrem Dramaturgen Jens Hillje nach Wien zu den Festwochen gerufen. Fast wäre sie dem Ruf gefolgt. Ein paar Wochen Diskussion mit der Berliner Kulturverwaltung hatten sie zurückgeholt. Was Wien verlor, darüber kann sich Berlin freuen. Das Horrorszenario eines leeren Throns sowohl beim Gorki als auch beim Ballhaus konnte abgewendet werden.

Es hört sich einfach an, wenn man das so hört, aber Kulturstaatssekretär André Schmitz hatte die neue Gorki-Spitze erst „kurz vor den Toren von Wien“ einfangen können. Die genauen Umstände der Verhandlungen werden kaum ganz aufgeschlüsselt werden können. Doch es ist das Ergebnis, was zählt. Für das Berliner Theater im Allgemeinen und für das Gorki im Speziellen wurde hier die vielleicht beste Wahl getroffen.

Das Maxim Gorki: Das bedeutet Gegenwartstheater. Auch Shermin Langhoff und ihr Co-Intendant Jens Hillje wollen an diese Schiene anknüpfen.  Altintendant Armin Petras geht nach Stuttgart und mit ihm ein Großteil der Truppe. Da muss ein neues Ensemble her, auch wenn Petras weitere Inszenierungen im Gorki übernimmt. Dazukommen sollen auch neue Regisseure und eine neue Spielweise. Langhoff will ihre Verbindungen zur freien Szene auch für das Gorki Theater nutzen. Wie sich das ästhetisch und organisatorisch gestaltet, wird sich zeigen. Im Augenblick muss das Theater erst einmal mit seinem Etat von 9,8 Millionen seine 160 Mitarbeiter durch die nächste Spielzeit bekommen.

Neue Wege auf einem festen Grund

Man könnte meinen, Wien wäre als prestigeträchtigeres und besser finanziertes Projekt die bessere Entscheidung gewesen, aber in Berlin ist Shermin Langhoff die alleinige Chefin, die mit Hillje die Co-Intendanz nur im künstlerischen Bereich teilt. Sie kann sich hier eine feste Basis schaffen. Sonst ist es ein Rennen auf die steigende Zahl an Projekten, die schnell betreut und auf die Bühne gebracht werden müssen. Nun kann sie auf lange Sicht mit einem eigenen Ensemble an einem Repertoire arbeiten.

Was sie als ihren Kampfbegriff bezeichnet, das Wort „postmigrantisch“, bräuchte sie nicht mehr in dem Sinne, meinte sie gestern am Dienstag bei der Pressekonferenz in ihrem neuen Heimattheater. Trotzdem ist klar, dass an diesem Theater die Hintergründe in der Migration, die für viele Berliner Bürger existieren, eine Fläche finden werden. Einst fanden der Osten und der Westen Deutschlands im Gorki Theater zusammen, sagte Langhoff gestern. Mit ihrer Intendanz drehe es sich auch um die „anderen“. Ihr Ansatz sei wie immer bescheiden, während sie ihre hohen Ansprüche verwirklichen will. „Ich kann nerven“, meint sie zu dem Thema, wobei sich das wohl auf Finanziers und Politiker beschränkt.

Internationale Leitung mit Tanzerfahrung und Frauenpower

Der Senat will mit seiner Entscheidung Flagge bekennen. „Nach über fünfzig Jahren Einwanderungsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland ist es überfällig, dass Künstlerinnen und Künstler der postmigrantischen Generation die Leitung eines Staatstheaters übernehmen“, lässt André Schmitz verlauten. Die Kulturpolitik Berlins war kurz davor, in den seligen Dornröschenschlaf der Selbstzufriedenheit zu verfallen. Der Wecker scheint aber geklingelt zu haben und die Tendenz geht in Richtung „interessant“. Den von Langhoff verlassenen Stuhl im Ballhaus Naunynstraße wird der Brasilianer Wagner Carvalho zusammen mit Tunçay Kulaoglu besetzen. So kommt eine internationale Leitung mit Tanzerfahrung zustande. Matthias Lilienthal verlässt in der nächsten Spielzeit das Hebbel am Ufer, welches er neun Jahre erfolgreich geführt hatte. Er übergibt den Staffelstab an die belgische Theatermacherin Annemie Vanackere. Die Besetzung für die kommenden Jahre ist somit eindeutig international ausgerichtet. Interessant und erfreulich ist auch, dass unter den neuen Intendanten zwei weibliche zu finden sind. Denn selbst auf den so liberalen Brettern, die die Welt bedeuten, sind Frauen selten an der Spitze zu sehen.

Jens Hillje sagte zu seiner Berufung, er habe schon immer vom Gorki Theater geträumt. Wohl auch damals, als er mit Thomas Ostermeier die Idee zur Baracke des Deutschen Theaters hatte, oder als er und seine Schauspieler deswegen an die Schaubühne geholte wurden. Für ihn sei es ein praktisch idealer Ort. Es ist ein Theater für die Stadt und ihre Menschen und durch seine geringe Größe freier für Experimente und Interpretation als Riesenbühnen auf dem Ku‘damm.

„Kinder der Sonne“ ist eine bekannte Arbeit Maxim Gorkis. In dem Stück geht es darum, wie Menschen mit der Zukunft und Ihrer eigenen Person nicht klarkommen. Befürchtungen in dieser Richtung sind bei Langhoff und Hillje nicht nötig. Sie haben etwas vor.

Maxim Gorki Theater Berlin, Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin

Telefon 030 20221115

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Kartenvorverkauf: Montag bis Samstag von 12:00 Uhr bis18:30 Uhr | an Sonn- und Feiertagen von 16:00 Uhr bis 18:30 Uhr

Maxim Gorki Theater Berlin

Das schöne Maxim-Gorki-Theater in Mitte.

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