Die Produktionsschule in Mitte

Schule für Schulschwänzer

Schule für Schulschwänzer
Die Produktionsschule in Mitte: Hier bekommen Schulschwänzer eine letzte Chance, den Schulabschluss zu schaffen.
Die Produktionsschule in Berlin-Mitte ist eine Schule für Spezialisten. Spezialisten im Schuleschwänzen. Auf 20 Schüler kommen vier Lehrer. Der Senat fördert das Projekt. Wie lange noch ist unklar.

Yusuf und die anderen von der Produktionsschule Mitte sitzen wie jeden Mittag zusammen und essen. Dass die 15- bis 17-jährigen Schüler an den gemeinsamen Pausen und am Schulleben teilnehmen, dass sie überhaupt hier sind, ist besonders: Sie alle sind an einer regulären Schule gescheitert – und in den meisten Fällen hatte das damit zu tun, dass sie dort immer seltener aufschlugen. Die Produktionsschule ist ein Modellprojekt, das Schulschwänzern eine letzte Chance gibt, damit sie nicht bald zu den acht Prozent jedes Jahrgangs gehören, die ohne Abschluss von einer Berliner Schule abgehen. Finanziert wird das Projekt mit Mitteln des Bundesprogramms Soziale Stadt.

Alle hier wissen noch genau, wie viele Fehltage in ihrem Regelschulzeugnis standen: Bei dem 15 Jahre alten Yusuf waren es 98 Tage. Schwänzen ist verbreitet: Über 17.000 Berliner Schüler blieben im ersten Schulhalbjahr 2010/2011 bis zu zehn Tage ohne Entschuldigung dem Unterricht fern, 582 Schwänzer fehlten in der Schule sogar mehr als 40 Tage. Seit Jahren diskutieren Politiker und Pädagogen über das Problem. Immer wieder werden neue Sanktionen eingeführt, die in den Bezirken unterschiedlich Anwendung finden: In Neukölln und Reinickendorf etwa setzt man auf Geldbußen mit angedrohter Erzwingungshaft für die Eltern. Manche Schüler eskortiert die Polizei zur Schule. In Kreuzberg kümmert sich eine Sozialarbeiterin um Problemschüler individuell.

Ältere Schwänzer sollen Strafe zahlen

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) kündigte zu Beginn des Schuljahres 2011/12 an, konsequenter gegen Schwänzer vorgehen zu wollen: Bereits am ersten Tag sollen nun alle Schulen die Eltern benachrichtigen, wenn ihr Kind fehlt, ohne dass es entschuldigt ist. Bisher telefonierten die Schulen erst nach drei Tagen unentschuldigten Fehlens mit den Eltern. Zudem sollen über 14-Jährige die anfallenden Bußgelder jetzt selbst entrichten. Außerdem sollen Schulen mit der Schulaufsicht absprechen, wie sie die Fehlzeiten ihrer Schüler verringern wollen und wie eine engere Zusammenarbeit mit dem Sozialamt aussehen soll.

Doch was richtet tatsächlich etwas gegen das Schwänzen aus? Und weshalb hält sich das Problem so hartnäckig? Einige Antworten gibt die Produktionsschule. Dort ist die Regel, den Schülern unverzüglich hinterherzutelefonieren, alles andere als neu. Der Personalschlüssel allerdings gestaltet sich auch wesentlich erfreulicher als an regulären Schulen: Vier Erwachsene betreuen hier die bis zu 20 Schüler. Einer der Lehrer ist Steffen Beck, ein Tischler, der auch Naturwissenschaften unterrichtet. Er spricht jedes Mal mit den Schülern, wenn sie nicht erschienen sind.

Fast alle Ex-Schwänzer erscheinen an der Produktionsschule regelmäßig zum Unterricht

Von Bußgeldern hält Beck weniger: Zu viel Druck sei meist kontraproduktiv. Besser sei es, “wie der Floh im Pelz immer da zu sein und zu zwicken.“ Außerdem sucht Beck den regelmäßigen Kontakt zu den Eltern seiner Schüler. Die Methode scheint Erfolg zu haben: Fast alle seine Schützlinge erscheinen regelmäßig. Zwölf von 20 Schülern haben an der Produktionsschule im vergangenen Schuljahr den Hauptschulabschluss geschafft.

Befragt man die Schüler der Produktionsschule zum Beginn ihrer “Schwänzerkarriere“, ähneln sich ihre Geschichten: Die meisten sind am Ende der Grundschulzeit das erste Mal statt zum Unterricht einfach ins Einkaufszentrum oder in den Park gegangen, meistens mit Freunden. Die 16-jährige Gizem etwa, 156 Fehltage an der Regelschule, sagt: “Als ich in der siebten Klasse das erste Mal geschwänzt habe, hatte ich großen Schiss. Aber dann ist erst mal gar nichts passiert, es gab keine Strafen.“ Erst in der Achten hat es dann richtigen Ärger gegeben, die Polizei hat sie sogar einmal in die Schule gebracht.

Wie die Produktionsschule in der Zukunft finanziert werden soll, ist unklar

Zu der Zeit jedoch war die Situation schon viel zu verfahren: Gleich dreimal blieb sie sitzen, bevor sie an die Produktionsschule kam – zu Lehrer Andreas Geffert. “Man darf nicht warten, bis es so weit gekommen ist“, so Geffert. “Dann ist ein Schüler längst überzeugt, dass er ein Verlierer ist. Wir versuchen hier, die Schüler wieder aufzubauen.“

Welche Mittel gegen das Schwänzen wirksam sind, wissen die Schüler: “Man braucht Spaß am Arbeiten und Vertrauen zu den Lehrern“, sagt Sven. Und Yusuf fügt hinzu: “Kleine Klassen und Lehrer, mit denen man reden kann.“ So wie an der Produktionsschule. Deren Finanzierung ist 2012 noch gesichert. Die Organisatoren wünschen sich, dass die Senatsbildungsverwaltung die Schule danach ins Regelschulangebot aufnimmt. Ob es dazu kommt, ist unklar.


Quelle: Der Tagesspiegel

Produktionsschule Mitte, Gottschedstraße 4, 13357 Berlin

Produktionsschule Mitte

Die Produktionsschule in Mitte: Hier bekommen Schulschwänzer eine letzte Chance, den Schulabschluss zu schaffen.

Weitere Artikel zum Thema Ausbildung + Karriere

Ausbildung + Karriere | Service | Wohnen + Leben

Praktikum in der Online-Redaktion QIEZ

Dein Berlin. Dein Bezirk. Dein Kiez! Wir erzählen die Geschichten vor deiner Haustür, besuchen interessante […]
Ausbildung + Karriere | Kultur + Events

Berlin hat eine neue schwimmende Universität

Seit Mai befindet sich im Regenwasserbecken des Tempelhofer Feldes eine neue Universität: die Floating University. […]
Ausbildung + Karriere | Kultur + Events | Service

Das haben wir in einem Monat DSGVO gelernt

Nichts verursacht in der Online-Welt momentan mehr Gänsehaut und Unbehagen, als die Abkürzung DSGVO. Das […]
Ausbildung + Karriere | Wohnen + Leben

Handwerkerkurse für Hammerbräute

Selbst ist die Frau – bei den gratis Handwerkerkursen von BAUHAUS lernst du zusammen mit […]