Quallenzucht im Aquarium

Geheimnisvoller Glibber

Quallenpfleger Daniel Strozynski mit einigen seiner Schützlinge.
Quallenpfleger Daniel Strozynski mit einigen seiner Schützlinge.
Zoologischer Garten - Sein Spezialgebiet sind Medusen. Daniel Strozynski hegt eine Horde von Verwandlungskünstlerinnen: Europas größte Quallenzucht.

Am schönsten sehen sie aus, wenn sie so richtig satt sind. Daniel Strozynski deutet auf drei Exemplare der gepunkteten Wurzelmundqualle, die hier gerade hinter Glas schwimmt, eigentlich aber aus dem Indischen Ozean stammt. Feenwesen, mal zart bläulich, mal mit apricotfarbenem pulsierendem Schirm, wie bestickt mit silbrigen Perlchen, hinter sich eine Schleppe aus Tentakeln. Ihre Körper sind gläsern, geben den Blick frei ins tiefste Innere. Das ist gut abgefüllt mit einer roten Suppe aus mikroskopisch kleinen Salzwasserkrebsen, die ihr Tierpfleger zuvor ins Wasser geschüttet hat.

„Sehen Sie“, sagt Daniel Strozynski, „jetzt haben die schön viel gefuttert. So muss das sein.“ In Europa kennt sich kaum einer besser mit Quallen aus. Das hat mit einem Rekord des Berliner Zooaquariums zu tun: Dort wird seit den achtziger Jahren die größte Quallenzucht des Kontinents betrieben. Hier sind die meisten Medusenarten hinter Glas zu bewundern. Strozynski ist allerdings erst seit 2002 dabei. Damals beendete der heute 38-jährige Charlottenburger gerade seine Lehre zum Tierpfleger. Da fragte man ihn, ob er die Schar der Quallen verantwortlich übernehmen wolle. Mittlerweile sind es hunderte Exemplare von 30 Arten in 90 Becken.

Ein Traumjob

„Erst dachte ich, das wird auf Dauer ja langweilig.“ Schließlich lässt sich zu den glibberigen Schönheiten nicht wirklich eine persönliche Beziehung aufbauen. Man erkennt sie schon am nächsten Tag so schlecht wieder; Quallen wachsen und verändern sich so rasch, dass selbst Strozynski sie nicht unterscheiden kann. Immerhin, er ließ sich auf die Aufgabe ein und sagt heute: „Das ist mein Traumjob.“ Weil Medusen hoch sensible, kompliziert zu haltende Geschöpfe sind. Ständig fordern sie ihn neu heraus, Tag für Tag gewinnt er mehr Einblicke in die geheimnisvolle Lebenswelt der mehr als 500 Millionen Jahre alten Tierart.

Die Probleme mit den Quallen fangen mit ihrer Fortbewegung an. Konsequent in der Schwebe gehalten werden sie allein durch Meeresströmungen, tödlich kann es für sie sein, wenn sie zu Boden sinken oder gegen das Aquarienglas stoßen. Deshalb erzeugt ein ausgeklügeltes System von Düsen in den Behältern Strömungen, die das verhindern sollen.

Das richtige Licht für kleine „Untermieter“

Schwierig ist auch die Ernährung. Quallen fangen mit ihren Tentakeln Plankton und Krebse. Beides züchtet Strozynski ständig heran. Zusätzlich muss er auf die richtige Beleuchtung achten. Medusen brauchen bestimmte Spektren für Millionen von winzigen Gästen, die sie in ihrem Körper beherbergen. „Es sind Algen. Die siedeln sich in ihnen an, versorgen sie mit Stärke und Zucker.“

Nun geht es hinab in die Babyquallenstation des Zooaquariums. Hunderte millimeterkleine Medusen treiben durch die Zuchtbecken, wichtiger Nachwuchs für die Schau-Aquarien. Denn Quallen werden meist nur ein Jahr alt. Sie entwickeln sich aus winzigen Polypen, die sich einschnüren und teilen. Jedes Stück wächst zu einer neuen Qualle heran. Doch welcher Schlüsselreiz löst bei den Polypen die Lust aus, sich zu zerlegen? Dafür hat Strozynski lange geforscht. Es hängt von den Futtermengen ab – oder auch davon, wie er es schafft, „den Frühling mit Temperatur und Licht zu imitieren“.


Quelle: Der Tagesspiegel

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