Kreuzberg
Berliner Bahnhöfe

Per Anhalter in den Süden

Per Anhalter in den Süden
Nur der aufwendig gestaltete Eingang des früheren Anhalter Bahnhofs steht noch.
Der Anhalter Bahnhof hat eine bewegte Geschichte. 1840 wurde er erbaut, später abgerissen und in den frühen Jahren des deutschen Kaiserreichs als Tor in die Welt neu eingeweiht. Die Weltkriege überstand er nicht, nur seine Ruine ist noch am Askanischen Platz zu sehen.

Die Bahnhofshalle maß 60,5 Meter in der Breite und 175 Meter in der Länge. Die ausladenden Rundbögen wurden durch Akzente aus Terrakotta ergänzt. Die Restaurationsarbeiten, die bis 1880 abgeschlossen wurden, hatten sich gelohnt: Der Anhalter Bahnhof, damals der wichtigste Knotenpunkt des Europäischen Fernverkehrs, erstrahlte im Glanz der durch die Fenster einfallenden Sonne.

Der Name des Bahnhofs hat nichts mit aufgegabelten Mitfahrern zutun. Woher stammt er also? Vor dem Schicksalsjahr 1914 verbindet der Anhalter Bahnhof deutsche Städte mit den Metropolen in Ungarn-Österreich, Italien und Frankreich. Auch innerhalb des noch jungen deutschen Staates rückten die größeren Städte näher aneinander. Man kam nun unter anderem schneller nach Dessau, Leipzig, oder München und eben auch in das Fürstentum Anhalt, welches heute ein Teil des Bundeslands Sachsen-Anhalt ist.

Deportation und Bomben

Der „Anhalter“, wie ihn die Leute getauft hatten, lag an der heutigen Stresemannstraße am Askanischen Platz. Diese Gegend war während des 2. Weltkriegs ein Ort voller Schatten: Ab 1942 wurden insgesamt 9600 Menschen, meist morgens und in den hinteren Wagons regulärer Personenzüge, nach Theresienstadt (heute Terezín) deportiert. Andere verkrochen sich im nahegelegenen Bunker, der bis zum Mai 1945 rund 13.000 Berlinern Zuflucht bei Bombenangriffen bot.

In den ersten Monaten 1945 spürte auch das Bahnhofsgebäude des Anhalters selbst die zerstörerische Kraft der Bomben: Das Hallendach sowie alle Holzbalkendecken fielen den Flammen zum Opfer. Im Mai fluteten die SS-Truppen fluteten durch Sprengung des S-Bahntunnels den unterirdischen Bahnsteig, um das Vorankommen der Roten Armee zu behindern.

Der leise Niedergang

Bereits im August desselben Jahres fuhren wieder regulär Züge in den Bahnhof ein. 1952, als das „Tor zum Süden“, ein weiterer Spitzname, über ein Jahrhundert seinen Dienst getan hatte, grenzte man die Stadt durch einen Bahnring ein und enthob den Anhalter Bahnhof seiner Pflichten als Anlaufpunkt für den internationalen Verkehr. Nur vom Zoo ging es noch in die Ferne.

Vor rund fünfzig Jahren stellte die Halle des West-Berliner Umsteigepunkts ein Sicherheitsrisiko wegen „Einsturzgefahr“ dar. Die kontrollierten Sprengungen zum Rückbau des Bahnhofs waren jedoch nur teilweise erfolgreich. Die Überreste, samt Säulenhalle, stehen noch heute.

Das Leben geht weiter

Nach Beseitigung der Trümmer konnte subterran die S-Bahn rekonstruiert werden. Bis dato steigen hier täglich viele Menschen ein, aus und um. Haagen Ö., 64-jährig, und Jürgen K., 54 Jahre alt, schätzen die neueste Version des Anhalters als einen wichtigen Umsteigebahnhof: Von hier erreichen sie bei einem Ausflug mühelos interessante und historische Orte der Stadt wie die Neue Synagoge, die Mauergedenkstätte sowie die Humboldt Universität in der Dorotheenstraße.

Und auch der Kiez rund um den Bahnhof habe sich stark gewandelt, meinen die Männer. Einst stand hier das Excelsior, erinnern sie sich. Das Hotel öffnete seine Tore 1908, fiel aber infolge des Krieges in Schutt und Asche und wurde  nicht wieder aufgebaut. Stattdessen zog der Konzern Excelsior-Tankstellen GmbH & Co KG einen Plattenkomplex an dieser Stelle hoch.

Die Ruine des alten Bahnhofs erinnert mit seiner barocken Fassade an den einstigen Optimismus der Gründerjahre, mahnt aber auch vor dem Leid des unmenschlichen Krieges.

Per Anhalter in den Süden, Askanischer Platz, 10963 Berlin

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