Nach rechten Brandanschlägen

Versicherung kündigt Jugendzentrum

Im Mai wurde das nach den Brandanschlägen renovierte Anton-Schmaus-Haus wiedereröffnet.
Im Mai wurde das nach den Brandanschlägen renovierte Anton-Schmaus-Haus wiedereröffnet.
Der doppelte Brandanschlag auf das Haus der "Falken" in Britz, der 400.000 Euro Schaden verursachte, hat für die Jugendorganisation möglicherweise weitere Folgen: die Versicherung will den Vertrag für das Objekt kündigen. So könnten die Neonazis ihr Ziel, die Falken aus der Gegend zu vertreiben, am Ende erreichen.

Es hätte noch viel schlimmer enden können. Zweimal brannte 2011 das hölzerne Anton-Schmaus-Haus der linken Kinder- und Jugendorganisation „Falken“ in Britz. Hinter den Anschlägen werden Neonazis vermutet. Verletzt wurde niemand, doch bei den Bränden entstanden Schäden von fast 400.000 Euro. Die Falken sammeln jetzt Geld für einen Zaun, der etwas Schutz für das Haus bieten soll. Dagegen lässt sie die Versicherung im Stich, hat ihnen wegen der Brandanschläge gekündigt. Ans nächste Jahr mag die ehrenamtliche Leiterin Mirjam Blumenthal gar nicht denken. Wird ein weiterer Brandanschlag verübt, müssen die Falken selbst für den Schaden aufkommen.

„Die Generali-Versicherung hat uns zum Jahresende gekündigt“, sagt Blumenthal. Sogar fristgerecht. „Die zwei Brandstiftungsschäden im Abstand von nur fünf Monaten, bei denen die Täter nicht gefasst worden sind, bergen ein nicht kalkulierbares Risiko weiterer ähnlicher Schäden“, teilte die Versicherung dem Tagesspiegel auf Anfrage mit. Bis Jahresende müsse eine andere Versicherung gefunden sein, sonst hätten die Nazis ihr Ziel erreicht, meint Blumenthal. „Wenn die wissen, dass wir keine Versicherung haben, brennen die uns doch am 2. Januar nieder.“ Das wäre dann wahrscheinlich das Ende der Jugendarbeit in dem Holzhaus, einem Kinder- und Jugendzentrum der „Sozialistischen Jugend Deutschlands“.

Anschlag zum Jahrestag der Reichspogromnacht

Das Gebäude ist frisch renoviert und hat seit Mai wieder geöffnet. „Man riecht noch, dass es hier gebrannt hat“, sagt Blumenthal. Zum ersten Mal im Juni 2011, dann am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht. Nur kurz vorher übernachteten Kinder und Israelis im Haus. Die Falken gehen ebenso wie das Landeskriminalamt davon aus, dass Neonazis hinter den Attacken stecken. Racheaktionen für Angriffe auf NPD-Politiker, so wurde spekuliert. Dabei wollten sich die Falken nie in die Kämpfe zwischen Linken und Rechten hineinziehen lassen.

Nun will sich die Organisation mit einem 190 Meter langen Zaun schützen. Die Kosten von 100.000 Euro sind ohne Spenden nicht zu stemmen. Einige Prominente wie die Liedermacher Konstantin Wecker und Reinhard Mey, Abgeordnetenhaus-Präsident Ralf Wieland sowie Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, haben bereits etwas gegeben. „Die haben sofort zugesagt“, erzählt Blumenthal.

„Schwerpunktgebiet rechtsextremer Aktionen“

Längst haben die Betreuer Angst, wenn sie ihre Wohnungen verlassen. „Wir bekommen Briefe nach Hause geschickt, werden bedroht und verfolgt“, sagt Blumenthal. Nach den Anschlägen befürchtet sie Attacken auch auf sich und ihre Kollegen. Ihr Name sei auf einschlägigen Webseiten von Neonazis wie der Gruppe „Nationaler Widerstand“ zu finden.

 „Britz Süd ist ein Schwerpunktgebiet rechtsextremer Aktionen“, sagt Matthias Müller von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. Die Falken seien bereits Ende der Achtzigerjahre das Ziel von rechtsextremen Angriffen gewesen. Die Betroffenen hätten ein Anrecht auf Schutz, die Polizei müsse vermehrt Streife fahren. Mit ihr stehen die Falken in engem Kontakt. Bei der Wiedereröffnung des Hauses am 1. Mai beschützten Beamte das Fest. Die Polizei schätzt Rudow „als Aktionsraum von Personen der rechten Szene“ ein, sagte ein Sprecher. „Daher war und ist der Ortsteil einer der Schwerpunkte polizeilicher Tätigkeiten.“

Von der Politik hat sich Blumenthal jedoch mehr Unterstützung erwartet. Immerhin: Offenbar möchte der Bezirk Neukölln 30 000 Euro für den Zaun zur Verfügung stellen. Gerade erst wurde den Falken und dem Bündnis Neukölln das „Band für Mut und Verständigung“ verliehen. Für Blumenthal und ihre Mitstreiter stellt der Preis eine Ermutigung dar.

Weitere Infos unter www.bollwerk-gegen-nazis.de


Quelle: Der Tagesspiegel

Anton-Schmaus-Haus, Gutschmidtstraße 37, 12359 Berlin

Telefon 030 6022053

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