Leben in Tempelhof

Die Weite in der Stadt

Hans Peter Kuhn mit seiner Ehefrau beim Lieblingsitaliener "Bruno“.
Hans Peter Kuhn mit seiner Ehefrau beim Lieblingsitaliener "Bruno“.
Hans Peter Kuhn arbeitet im Ullstein-Haus. An Tempelhof schätzt der Komponist und Lichtkünstler gerade die Ruhe.

Zunächst war Hans Peter Kuhn ganz und gar nicht überzeugt, als er auf der Suche nach einem großen Atelier hörte, dass im Turm etwas frei sei. Als Klang- und Lichtkünstler benötigt er viel Raum – ein Turmzimmer schien da kaum geeignet. Doch als man ihm sagte, dass die betreffenden Räumlichkeiten im Uhrenturm 150 Quadratmeter groß seien, änderte er seine Meinung. Und so zieht Kuhn Ende der 1990er in das Atelier im Ullstein-Haus am Mariendorfer Damm. Im neunten Stock des ehemaligen Verlags-Druckhauses über den Dächern Tempelhofs lässt es sich vortrefflich arbeiten. Besucher werden zunächst gebeten, die Schuhe auszuziehen. Kuhn ist mit der Japanerin Junko Wada verheiratet, einer Künstlerin und Tänzerin. Die weißen Holzbohlen fühlen sich angenehm unter den Füßen an.

Das Atelier ist großzügig und hell. Das Auge fällt auf große Leinwände und Arbeitstische, Regale mit Büchern, Bildbänden und CDs. Nicht überraschend am Arbeitsplatz eines Künstlers. Außergewöhnlich ist der Ausblick. Nachdem Kuhn den Fußboden erhöhen ließ, hat er bei der Arbeit freie Sicht auf fast die gesamte Stadt. An der Fassade des Turms befinden sich noch die roten Lampen, die vor der Schließung des Flughafens Tempelhof das 76 Meter hohe Gebäude vor Kollisionen schützten. „Als sie noch leuchteten und ich spätabends arbeitete, war das eine fantastische Atmosphäre“, schwärmt der Lichtkünstler.

Schreckliche Nachbarn

Wenn der 59-jährige Kuhn aus den Nordfenstern blickt, packt ihn allerdings die Wut. Eines seiner Lieblingsgebäude ist das alte Lagerhaus am Tempelhofer Hafen. Das ehemals sandsteinfarbene und weiße Hafengebäude bekam im April 2009 einen neuen Nachbarn: das Einkaufszentrum Tempelhofer Hafen mit seinen 20.000 Quadratmetern und 80 gewerblichen Mietern. „Sehen Sie sich diese schreckliche weiße Zigarrenkiste an, zwei Schritte von dem schönen historischen Lagerhaus entfernt. Was hat das mit Denkmalschutz zu tun“, empört sich Kuhn.

1974 zog es ihn aus dem vergleichsweise beschaulichen Kiel nach Berlin. Kuhn ging zunächst als Tonmeister an die Schaubühne am Halleschen Ufer, wurde dann Komponist und arbeitete häufig mit Theaterregisseur Robert Wilson zusammen. 1993 gewannen sie zusammen den Goldenen Löwen in Venedig. Hans Peter Kuhn hat auch mit vielen anderen Größen der Zunft, wie Peter Stein, Peter Zadek und Luc Bondy, gearbeitet. Seine Installationen bereicherten Paris, New York und Singapur. Neben dem Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm ragt Kuhns bunte Lichtleiter empor in den Himmel über Berlin. In Marzahn hat er einmal 44 Hochhaus-Plattenbauten in bunten Farben illuminiert.

Ein Ort des Genusses und der Geschichte

Der Musiker ist auch kulinarischen Genüssen nicht abgeneigt. Besonders gerne geht er zu „Bruno“ in der Friedrich-Wilhelm-Straße, den er für einen der besten Italiener in Berlin hält. Samstags zieht es ihn oft zu „seinem“ Fischhändler, der einen Stand auf dem Wochenmarkt in der Nähe des U-Bahnhofs Westphalweg hat.

Auf den Bezirk Tempelhof hält er große Stücke. „Manche Berliner empfinden Tempelhof als einen ‚Nicht-Ort’, weil hier nicht viel los ist“, sagt er. Eben das gefällt Kuhn. Genau wie die Tatsache, dass der Ort reich an – positiver wie negativer – Geschichte sei. Im Ortsteil Marienfelde steht die wahrscheinlich älteste Berliner Kirche. Der lokale Fußballverein BFC Germania 1888 soll der erste in ganz Deutschland gewesen sein. Während dem Nationalsozialismus wurden im denkmalgeschützten Lorenzhaus Volksempfänger hergestellt und in der Nähe der heutigen Columbiahalle befand sich das erste Konzentrationslager. Heute steht dort ein Mahnmal.

Zu guter Letzt gibt es das Gelände des ehemaligen Flughafens mit dem Tempelhofer Feld. Hier ist Hans Peter Kuhn gerne und oft mit dem Rad unterwegs. „Ich mag einfach die Weite“, sagt er. Er könnte sich gut vorstellen, für diesen Ort einmal eine Installation zu gestalten.


Quelle: Der Tagesspiegel

Die Weite in der Stadt, Mariendorfer Damm 1-3, 12099 Berlin

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