Diskussion um Guggenheim Lab

Lebensraum Brache

Auf diesem Gelände zwischen Schlesischer Straße und Spree sollte das Guggenheim Lab errichtet werden.
Auf diesem Gelände zwischen Schlesischer Straße und Spree sollte das Guggenheim Lab errichtet werden.
Der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), erklärt den Protest der Kreuzberger gegen das Guggenheim Lab.

BMW, der Sponsor des Guggenheim Lab, hat emotional explosives Gelände betreten am Kreuzberger Spreeufer. Hier wurde nichts vergessen, nicht die Zwangsarbeit zur Zeit des Krieges, nicht die Rolle, die die Eigentümer-Familie Quandt im Nationalsozialismus spielte. Dass BMW die Guggenheim-Stiftung, die auf der ganzen Welt einen fabelhaften Ruf genießt, zur Imagepflege nutzen möchte, finden Kreuzberger Aktivisten unmoralisch. Zudem treibe das BMW Guggenheim Lab die Mietpreise weiter in die Höhe. Das Lab muss von Kreuzberg ferngehalten werden, so der Entschluss der Gegner.

Bei Guggenheim und BMW will jetzt keiner mehr noch etwas sagen. Von der New Yorker Guggenheim Foundation kommt immer am Nachmittag eine E-Mail: „We cannot comment further“, kein weiterer Kommentar. Franz Schulz hingegen, der grüne Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, äußert sich: Er habe die Streitereien um das Lab kommen sehen: „Natürlich war die Konfliktlandschaft bekannt.“ Die Gegner des Vorhabens auf der großformatigen Brache mit Blick auf die Spree hätten sich bei Diskussionen zum Wrangelkiez bereits deutlich artikuliert. Schulz war auch anwesend bei einem Diskussionsabend im Wrangelkiez, bei dem Gegner des Lab-Projektes die Firmengeschichte von BMW und den Umgang des Konzerns mit Zwangsarbeitern angesprochen hätten.

Gewaltbereitschaft der Lab-Gegner schwer einzuschätzen

Ein weiterer Aspekt der Kritik am Lab besteht in der Angst vor Mietsteigerungen und Gentrifizierung. Die Brache an der Schlesischen Straße gilt als öffentlicher Raum. Die Regeln von Fremden haben hier keine Gültigkeit. „Man nutzt ihn einfach und hat das Gefühl dabei, persönliche Freiheit zu gewinnen“, so Schulz. Der Bürgermeister erzählt damit etwas vom Lebensgefühl in Kreuzberg. Zugang zu dem Gelände an der Schlesischen Straße Ecke Cuvrystraße erhält man problemlos durch eine Bauzaunlücke. Schulz glaube aber nicht, dass die Gegner des Labs „Chaoten“ sind. Wie hoch die Gewaltbereitschaft ist, „kann man schwer sagen“, so Schulz, als er sich an die Diskussionen mit ihnen erinnert: „Mir kamen die ziemlich normal vor.“ Den Streit um das Carloft-Wohnhaus in der Reichenberger Straße und jener um McDonald’s-Restaurant erklärt Schulz damit, dass es „Symbole des Kapitalismus“ seien. Deshalb auch die Diskussion um die Mercedes-Investition am Ufer der Spree.

Sondersitzung des Innenausschusses zum Guggenheim Lab

Am gestrigen Mittwoch tagte zum Thema der Innenausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus. Sondersitzung! Kurt Wansner von Kreuzberger CDU hofft darauf, eine Resolution zu erwirken mit dem Inhalt, dass Kreuzberg trotz allem der Standort des Labs werden soll. Er benutzt das Wort „Tragödie“. Nicht weniger sei es, wenn das Projekt Kreuzberg verlasse. Er hat dabei seinen eigenen jahrelangen Einsatz für die bürgerliche, „schweigende“ Mehrheit des Bezirks im Kopf, der wieder gedämpft würde. Wansner zitiert das Schreiben eines Loftbewohners, dem eine Fensterscheibe – die des Kinderzimmers – eingeworfen wurde. Das Lab könne solchen Bewohnern als Signal dienen, dass sie nicht in einen anderen Bezirk ziehen müssten.

Stattgefunden hat das Sondertreffen jedoch auf Antrag der Piraten. Sie wollten herausfinden, wieso die Lab-Organisatoren einen Rückzieher gemacht haben. Womöglich wegen der „kulturellen Unterschiede“, so der Pirat Christopher Lauer. Eventuell würden New Yorker bei „Sachbeschädigung“ nicht an berlintypische Farbbeutelwürfe denken, sondern an „brennende Tanklaster“. Margarete Koppers, die derzeitige Polizeipräsidentin, kann Lauer beruhigen. Die Guggenheim-Mitarbeiter hätten an den Beratungssitzungen zur Sicherheitslage nicht teilgenommen. Nur die Veranstalter vor Ort und BMW hätten Gespräche mit der Polizei geführt und in Erfahrung gebracht, dass Geländebesetzungen und Beschädigungen der Baustelle zu erwarten.

BMW: Standortwechsel „nicht mitentschieden“

Doch BMW will auch nicht für den Schwenk von Kreuzberg auf Prenzlauer Berg verantwortlich sein. Thomas Girst aus der Kulturabteilung von BMW äußerte: „Wir haben nicht mitentschieden, den Standort Kreuzberg aufzugeben, aber die Entscheidung unterstützt.“ Daraufhin sagte Margarete Koppers, dass die Polizei „zu keinem Zeitpunkt empfohlen“ habe, das Lab überhaupt nicht in die deutsche Hauptstadt zu holen. Damit ist die Verwirrung vollständig. Also doch nur eine Streiterei um den Standort? Schöne Idee, aber bei uns bitte nicht? Dies bestätigte indirekt David Kaufmann, der Sprecher des Kreuzberger Anti-Lab-Bündnisses in Kreuzberg. Die Ideenschmiede Guggenheim Lab könne am Pfefferberg vermutlich „ungestörter“ ihrer Arbeit nachgehen als in Kreuzberg, wo die „Mediaspree“-Debatte um die Grundstücke am Ufer noch immer akut ist, so Kaufmann.


Quelle: Der Tagesspiegel

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