Denkmalschutz greift nicht

Die Mauer muss weg: Ausverkauf der East Side Gallery

Die Mauer muss weg: Ausverkauf der East Side Gallery
"Stay Free" von Christopher Frank ist nur eins von über hundert Kunstwerken der East Side Gallery.
Wozu dient der Denkmalschutz, wenn Investoren trotzdem machen können, was sie wollen? An der East Side Gallery gelten scheinbar eigene Gesetze. Teilstücke werden versetzt und der Todesstreifen wird zur Vorzeigeadresse. Ein (letzter?) Aufreger!

Rom will das Kolosseum aus dem teuren Zentrum an den Stadtrand verlegen, um Platz für neue Hotels zu schaffen. Na, bist du nun schockiert und verfluchst die Geldgier nimmersatter Investoren? Es ist eine Fake-News und soll dir nur vor Augen führen, wie groß die Empörung wäre, käme man in Italien auf eine derart absurde Idee. In Berlin bleibt es ruhig, obwohl ein geschichtsträchtiges Bauwerk und ein Besucher-reiches Denkmal aus Investorengründen zerstört wird: Die East Side Gallery wird stückweise abgebaut oder nach Belieben versetzt und niemand hält das unbedachte Treiben auf. Nicht einmal David Hasselhoff, der als inoffizieller Bezwinger der Mauer und Fan der East Side Gallery gilt! Im Ernst: Jetzt sind wieder elf Meter herausgebrochen worden für das Hotel- und Apartment-Projekt Pier 61-63. Und egal, ob man die Stücke andernorts eingezäunt und hübsch aufbereitet wiederfinden kann, der gewaltige Eindruck der Mauer als langer Streifen, der das Gefühl der Unfreiheit vermittelt, ist zertrümmert.

Neubau verkauft sich mutig

Ist Aufgeben also die einzige Option? Natürlich steht die East Side Gallery seit 1991 unter Denkmalschutz, aber Geld für den Schutz ist nicht da. Wie es scheint, gibt es nicht einmal zuständiges Personal. Ein paar Bauzäune sollen den Vandalismus aufhalten. Fertig. Das Vorhaben, die Mauer-Galerie in die besser aufgestellte landeseigene Stiftung Berliner Mauer aufzunehmen, zieht sich seit über zehn Jahren hin. Immerhin trat 2013 der erwähnte nach „Freedom“ suchende The Hoff an, um mit gut 6000 Demonstranten ein 14-stöckiges Bauwerk an dem längsten noch verbliebenen Teilstück der Mauer zu verhindern. Umsonst. Das mittlerweile fertiggestellte Living Levels wirbt heute stolz mit „Berlins beste Adresse an der Spree“ um kaufkräftige Kunden: Das mutige Projekt habe polarisiert, aber über die Architektur herrsche nun Einigkeit und die bilde nach einem langen Stillstand den Auftakt für ein zukünftig beeindruckendes Viertel.… heißt es auf der Homepage zum Neubau.

 

Ein Beitrag geteilt von Ina (@fotograf.i.e.na) am Mär 25, 2018 um 10:10 PDT

Zwischen Abriss und Weltkulturerbe

Wird hier ernsthaft der Todesstreifen mit einer städteplanerischen Fehlleistung gleichgesetzt? Ist es nicht lobenswert, dass das turbulente Berlin sich den langen Stillstand, an dieser Stelle durch die DDR-Diktatur initiiert, weit über den Mauerfall hinaus leistete? Schließlich haben über 100 Künstler genau hier 1990 ein Zeichen gesetzt, um die jüngste Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Das Konzept geht auf, immer noch strömen hunderttausende Touristen jährlich an dieses Mauerstück, um die weltweit größte Open-Air-Galerie und imposante Gedenkstätte zu bewundern. 2009 wurde die East Side Gallery sogar aufwendig saniert und damit als Kunstwerk irgendwie anerkannt. Und die Grünen verlangen seit Jahren vom Senat, endlich eine Bewerbung an die UNESCO zu senden, damit die East Side Gallery als Weltkulturerbe in Zukunft unantastbar wird.

Hilfe! Bitte!

So weit, so ungut. All das bewirkt rein gar nichts, weil am Ende den Worten nur Taten auf der falschen Seite folgen. Die Bebauung ist nicht aufzuhalten. Der Ausverkauf des armen Berlins ist in vollem Gange, der ehemalige Todesstreifen nur eine weitere willkommene Freifläche. Selbst Petitionen nutzen nichts, weil die Bebauungsverträge aus dem Jahre 2005 rechtsgültig sind. Zu gern würden wir jetzt sagen, wir haben den Rettungsanker gefunden, haltet euch daran fest. Können wir aber nicht. Darum setzen wir nun doch noch unsere Hoffnung auf Axel Klausmeier, der als Direktor der Stiftung Berliner Mauer trotz zerstörtem Grenzstreifen mit der East Side Gallery Geschichte erzählen will. Hoffentlich steht ihm bald die Unesco zur Seite, die den Irrsinn tatsächlich aufhalten könnte. Sonst geben wir den Stoff an Hollywood weiter, damit ein tränenreiches Drama um die Mauertoten, ihre Erben und engagierte Künstler die Herzen internationaler Geldhaie erweicht.  

East Side Gallery, Mühlenstraße, 10243 Berlin

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