Eigentümer kündigt Mieterin nach 27 Jahren

Bis der Chefarzt kommt

Fenster zum Hof: Die Küche von Doreen Welke. Am 30. November soll sie ausziehen.
Fenster zum Hof: Die Küche von Doreen Welke. Am 30. November soll sie ausziehen.
Seit 1987 lebt Doreen Welke in ihrer Wohnung am Ostkreuz in Friedrichshain. Nun soll sie raus, weil der Eigentümer, ein Chefarzt aus Hannover, ein paar Tage im Monat dort schlafen möchte. Ein Hausbesuch.

Als Doreen Welke oben ankommt, ist sie außer Atem. Vierter Stock, kein Fahrstuhl, vor der rechten Wohnungstür bleibt sie stehen. Sie erinnert sich: Genau hier sei sie am 22. August zusammengebrochen, habe hyperventiliert – Panikattacke.

Damals hatte kurz zuvor das Landgericht Berlin sein Urteil verkündet: Welke muss aus der Wohnung ausziehen, in der sie die vergangenen 27 Jahre gelebt hat. „Der Beklagten wird eine Räumungsfrist bis zum 30. November 2013 gewährt“, heißt es dort. Eine Revision wurde nicht zugelassen. Der Eigentümer, ein Chefarzt aus Hannover, hatte Eigenbedarf angemeldet, gekündigt und schließlich geklagt. Ein paar Tage im Monat will er seine Tochter in Berlin besuchen können. Bundesweit gab es viel Aufsehen um das Urteil.

57 Quadratmeter für 40 Ostmark

Nun ist es Mitte November. Gut 10 Tage bleiben Welke noch, und bisher hat sie kein neues Zuhause. 262 Euro Kaltmiete zahlte die Reisekauffrau zuletzt – zu diesem Preis findet sie keine Wohnung in Friedrichshain. Welke zögert, ehe sie spricht. Ihr Gesichtsausdruck ist unbeweglich ernst, die Arme sind vor der Brust verschränkt. Bevor sie ihre Wohnung zeigt, muss sie Vertrauen fassen, im Café um die Ecke erzählt die 47-jährige ihre Geschichte. In Rathenow geboren, in Sachsen-Anhalt aufgewachsen, ist sie mit 18 Jahren nach Berlin gekommen.

Sie erinnert sich an viele erste Male: die erste große Liebe, die erste Ausbildung zur Müllerin an der Osthafenmühle, den verbotenen Blick über die Grenze, über die Spree gen Westen. Und sie schwelgt von ihrer ersten und bis heute einzigen eigenen Wohnung, die sie 1987 in der Simplonstraße in Friedrichshain bezog: 1,5 Zimmer, 57 Quadratmeter für 40 Ostmark. Noch im selben Jahr wurde ihr Sohn geboren. „Ich habe den Osten miterlebt, dann den Wandel. Hier liegen meine Wurzeln, ich liebe den Kiez“, sagt sie, „und ich liebe meine Wohnung.“

„Robin Hood“ an Welkes Seite

Nach der Wende kaufte der heutige Eigentümer die Wohnung. In der ganzen Gegend begannen Modernisierungen: Im Haus nebenan wurde umgebaut, seitdem kann sie den Nachbarn pinkeln hören. Ein Dachgeschoss wurde auf ihr Haus aufgesetzt, seitdem dringt immer wieder Feuchtigkeit bis in ihre Wohnung. Streitigkeiten auch um Heizkosten und Mietminderungen waren die Folge.

Robert Rosenberg*, Politologe und Unternehmensberater, ist seit den späten 80er Jahren Welkes Nachbar, berät und betreut sie in allen Wohnungsangelegenheiten. Die juristische Vergangenheit des Hauses hat er sich einverleibt, springt am Telefon wahllos durch die Jahrzehnte, hat Theorien über die Interessen der Richter. Nur einen Überblick über die wichtigsten juristischen Ereignisse wolle er schicken – die E-Mail ist 40 Din-A4-Seiten lang. Den ganzen Rechtsstreit über stand Rosenberg an Welkes Seite – weiß sie, warum er sich so engagiert? „Ja“, sagt sie, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, „weil er Robin Hood ist.“ Es ist das einzige Mal an diesem Nachmittag, dass ihre Augen aufleuchten.

Elf Wasserschäden in 13 Jahren

Kurz darauf, einige mit rotem Teppich bedeckte Stufen höher, schließt Welke die Tür zum Streitobjekt auf. Sie tritt in einen gestreckten Flur und führt durch die Wohnung: Das Laminat habe sie selbst verlegt, darunter seien verrottete Dielen. „Die Decke im Flur haben wir abgehängt, da bröckelte immer der Putz runter.“ Tote Winkel habe sie ausgenutzt und zeigt auf eingebaute Wandschränke, bei dem einen hängt die Lamellentür leicht schief in den Angeln. Rechts die Küche: rote Wände, schwarz-weiß-gekachelter Boden, ein Fenster zum Hof, „Küchenzeile, Geschirrspüler und Ceranherd habe ich gekauft“. Dahinter das Bad, in zwei Sorten Blau: „Das habe ich 1993 alles selbst gefliest.“

Rechts das Zimmer des Sohnes, ebenfalls gen Hof, links ihr Wohnzimmer: Stuck an der Decke, ein in den 80er Jahren eingebautes Hochbett, selbst gemalte Bilder an den Wänden, der Balkon auf die Simplonstraße. „Seitdem das Dachgeschoss ausgebaut wurde, hatte ich in 13 Jahren elf Wasserschäden“, erzählt Welke. „Über Nacht wuchsen plötzlich echte Pilze mit Stiel aus der Decke.“ Nun ist die Raufasertapete auf dieser Seite gelb gestrichen. Alles ist ordentlich und nach Welkes Geschmack gestaltet.

„Es geht mir ums Prinzip“

Zusammengefasst hat sie seit gut 20 Jahren Ärger mit der Wohnung. Mittlerweile kann sie nicht arbeiten, ist krankgeschrieben, schläft schlecht. Hat sie nie überlegt, einfach auszuziehen? War es all die Lebensenergie wert? „Es geht mir ums Prinzip“, antwortet Welke kurz. 2000 Euro hat der Eigentümer ihr im Verlauf des Prozesses als Vergleich angeboten. „Das hätte doch nicht mal für den Umzug gereicht“, sagt sie. Schließlich stand das Angebot von 5000 Euro, die Richter rieten ihr dazu: Sie würde die Wohnung wohl so oder so verlassen müssen, dann vielleicht besser mit Geld in der Tasche? „Aber ich habe abgelehnt, ich wollte ein gerichtliches Urteil“, sagt Welke.

Das hat sie nun. Und auch über Berlin hinaus hat es für Aufsehen gesorgt: Der Deutsche Mieterbund erklärte sich besorgt, bisher waren die Interessen der Mieter immer höher gewertet worden, gerade wenn der Eigentümer angab, die Wohnung nur für wenige Tage im Monat zu benötigen. Laut Ulrich Ropertz, Sprecher des Mieterbunds, steigt die Anzahl von Eigenbedarfskündigungen vor allem auf engen Wohnungsmärkten. Manche von ihnen gäben den Eigenbedarf auch nur vor, um später teurer weiterzuvermieten. In solchen Fällen können Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden. Doreen Welke glaubt die Gründe ihres Vermieters nicht: „Das ist doch eine hanebüchene Story, die Tochter in Berlin vorzuschieben.“

Aufgeben will Doreen Welke genauso wenig wie ausziehen. In der Dämmerung sitzt sie am Küchentisch. „Wenn ich mich umschaue, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass ich hier bald nicht mehr wohnen soll“, sagt sie. Dann wendet sie ihr Gesicht ab und blickt aus dem Fenster. Am Dienstag wurde bekannt, dass sie beim Bundesverfassungsgericht Beschwerde eingereicht hat.


Quelle: Der Tagesspiegel

Bis der Chefarzt kommt, Simplonstraße, 10245 Berlin

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